″Heftiger als im Winter″ - Russlands dritte Corona-Welle | Europa | DW | 24.06.2021
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Corona-Pandemie

"Heftiger als im Winter" - Russlands dritte Corona-Welle

Viele Urlaubsreisen, nachlassende Anti-Corona-Maßnahmen und eine gescheiterte Impfkampagne. Russische Ärzte berichten der DW, was an der dritten Pandemie-Welle anders ist.

Russland Moskau | Coronavirus | Desinfektion

Öffentliche Plätze, wie hier der Rote Platz in Moskau, werden regelmäßig desinfiziert

In den russischen Metropolen Moskau und St. Petersburg sprechen Ärzte und Beamte inzwischen offen von einer dritten Corona-Welle. In mehreren Regionen des Landes werden neue, verschärfte Beschränkungen sowie eine Impfpflicht eingeführt, und einige Krankenhäuser werden erneut ausschließlich für COVID-19-Patienten bereitgehalten.

Seit der ersten Corona-Welle spricht die DW regelmäßig mit Medizinern in ganz Russland darüber, wie sie gegen die Pandemie vorgehen und mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben. Den Ärzten zufolge unterscheidet sich die jetzige grundlegend von den vorigen Wellen. Sie sagen auch, warum es nicht gelungen ist, sie zu verhindern.

"Wir haben uns zu weit zurückgelehnt"

Denis Prozenko, Chefarzt an einer Moskauer Klinik, ist überzeugt, dass die dritte Welle, die nun die russische Hauptstadt und St. Petersburg erfasst hat, bis Juli auch andere Regionen Russlands erreichen wird. Auf der Intensivstation seines Krankenhauses liegen ihm zufolge mittlerweile mehr als 400 Patienten, und über 200 kommen täglich zur Klinik.

"Das ist mehr als an den Spitzentagen während der ersten beiden Wellen. Wir haben uns wirklich zu weit zurückgelehnt, was die Einstellung zu Masken und zur sozialen Distanz angeht, alles, was wir ein ganzes Jahr lang gemacht haben", sagte Prozenko in einem Interview für einen russischen staatlichen Sender. Er vermutet, dass die Menschen der Vorsichtsmaßnahmen müde seien. All dies zusammen habe dann diese Explosion, diese dritte Welle, ausgelöst, so der Arzt.

Denis Prozenko und Premierminister Michail Mischustin im Krankenhaus in Moskau

Denis Prozenko (l.) und Premierminister Michail Mischustin im Krankenhaus

Ihm zufolge hat sich im Vergleich zu den früheren Wellen das Krankheitsbild bei den Corona-Patienten nicht wesentlich verändert. Allerdings beobachten die Ärzte eine kürzere Inkubationszeit. Die ersten Symptome treten im Durchschnitt vier bis fünf Tage nach der Infektion auf, nicht wie zuvor nach sieben bis neun Tagen. Zudem spricht bei immer mehr Patienten der Körper nicht auf die Therapie an, die noch während der beiden vorangegangenen Wellen erfolgreich war. Den genauen Grund dafür hätten die Ärzte des Moskauer Krankenhauses noch nicht herausgefunden, sagte Prozenko.

Erfahrungen mit der indischen Delta-Variante

Auch Ärzte aus St. Petersburg bestätigen eine dritte Coronavirus-Welle. "Wir gehen davon aus, dass wir bei den Fallzahlen im Juli Spitzenwerte wie im Winter erreichen und diese sogar übertreffen werden. Schon jetzt liegen sie über denen des Frühjahrs 2020", sagt Michail Tscherkaschin, stellvertretender Chefarzt am Medizinischen Sergej-Beresin-Institut in St. Petersburg im Gespräch mit der DW. Während der Pandemie ist er für das Computertomographie-Zentrum zuständig.

"Wir hatten Zeit, uns vorzubereiten. Jetzt rüsten wir wieder die Krankenhäuser, die schon im Frühjahr zu ihrem regulären Betrieb zurückgekehrt waren. Es ist schwer vorherzusehen, was passieren wird", betont der Arzt. Ihm zufolge besteht aber Hoffnung, dass die Infektionszahlen bis zum Herbst zurückgehen werden. Mit Sicherheit lasse sich dies jedoch nicht sagen.

Die Aufregung rund um die indische Delta-Variante hält Tscherkaschin für übertrieben. Sie sei zwar deutlich ansteckender, aber sie führe nicht zu einem schwereren Krankheitsverlauf. Der Mediziner rät daher zur Impfung und kritisiert die mangelnde Bereitschaft der Menschen: "Meine wichtigste Empfehlung ist, sich impfen zu lassen. Leider läuft die Impfkampagne in Russland immer noch zu langsam und schlecht, weshalb in einer Reihe von Regionen eine Impfpflicht eingeführt wird. Außerdem sollte man natürlich Schutzmasken tragen, die Hände waschen und Menschenansammlungen meiden", so Tscherkaschin.

"Es ist die Hölle..."

Mit einem deutlichen Anstieg der Infektionszahlen im Juli rechnen auch Ärzte in anderen Landesteilen. In einigen Krankenhäusern sind schon jetzt die Betten knapp. "Es ist die Hölle, schon seit zwei Tagen. Diese dritte Welle hat mich einfach überrollt. Ich arbeite 12 Stunden, bin erschöpft und habe kaum Kraft zu reden. Und das, obwohl unsere Klinik mit Ärzten voll besetzt ist", sagt Jelena Koltschina gegenüber der DW. Sie leitet eine Poliklinik im sibirischen Krasnojarsk. "Allein gestern sind 62 Personen mit Fieber zu uns gekommen und 52 haben ihren Hausarzt angerufen, so viele Fälle hatten wir früher nicht", erzählte die Medizinerin.

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Laut Koltschina stoßen die Krankenhäuser allmählich an ihre Kapazitätsgrenzen. Vor einigen Wochen hätten die Polikliniken noch die Anweisung erhalten, alle Corona-Patienten, die älter als 70 Jahre sind, ins Krankenhaus zu bringen. Jetzt sei es schwer, freie Betten zu finden. "Ich denke, das liegt an der zu langsamen Impfung der Bevölkerung. Hier bei uns sind nur 3000 Menschen geimpft, das ist nichts. Mein Freund berichtet aus dem Krankenhaus, dass alle Patienten, die eingeliefert werden, nicht geimpft sind", so die Ärztin.

Kritik am Umgang mit der Situation

Nur noch wenig freie Betten gibt es auch in den Krankenhäusern von Brjansk. Wladimir Perluchin ist Arzt in einer Klinik im Umland der Stadt. Er sagte der DW: "Bei uns im Krankenhaus ist noch was frei, aber in Brjansk, wohin wir Patienten schicken, gibt es Probleme. Patienten ohne COVID werden abgewiesen, weil die Betten schon mit Corona-Kranken voll sind."

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Den starken Anstieg der Fallzahlen führt der Mediziner auf die vielen Urlaubsreisen der Menschen zurück: "Die Leute gehen sorglos mit der Situation um. Sie laufen in Gruppen von fünf bis zehn Menschen herum. Ich arbeite derzeit in der Patientenaufnahme. Innerhalb von nur fünf Stunden habe ich 30 Patienten aufgenommen. Im Vergleich zur ersten und zweiten Welle sehe ich immer mehr junge Patienten."

Auch der Rettungssanitäter aus Orjol, Dmitrij Seregin, befürchtet eine dritte Welle in seiner Stadt. Sorge bereitet ihm die wachsende Zahl von COVID-19-Patienten in den Nachbarregionen. Dabei habe sich seine Stadt erst vor kurzer Zeit von der zweiten Welle erholt. Nach dem Rückgang der Inzidenz im Frühjahr seien sogar die Ärzteteams für Coronavirus-Patienten reduziert worden. "Die medizinischen Einrichtungen hatten schon damit begonnen, die für COVID-Kranke vorgesehenen Betten wieder als übliche Patientenbetten vorzubereiten. Ich fürchte, das war zu früh", betont Seregin.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

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