Hausarrest für Regisseur Serebrennikow verlängert | Filme | DW | 25.05.2018
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Russland

Hausarrest für Regisseur Serebrennikow verlängert

Viele in Russland glaubten, dass Star-Regisseur Serebrennikow vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft frei kommt - wegen weltweit negativer Schlagzeilen. Doch ein Gericht hat seinen Hausarrest erneut verlängert.

"Ich glaube nicht, dass hinter dem Prozess gegen Kirill Serebrennikow Herr Putin steckt", meint Jan Raczynski, Vorsitzender des Menschenrechtszentrums "Memorial International" in Moskau. Zur Erinnerung: Der Star-Regisseurs steht nach wie vor unter Hausarrest. Das wird wohl auch bis zum 19. Juli so bleiben, denn am vergangenen Montag (21.05.) lehnte ein Moskauer Gericht eine Klage gegen die Verlängerung des Hausarrests ab. Dann ist der bekannte Künstler bereits knapp ein Jahr beinahe vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Die russische Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Fördergelder in der Höhe von umgerechnet rund zwei Millionen Euro veruntreut zu haben. Serebrennikow bestreitet dies jedoch vehement. Der 48-Jährige konnte deshalb nicht zum Filmfest nach Cannes fliegen, um dort seinen Film "Leto" als Weltpremiere zu präsentieren.

Prominente halten beim 71. Filmfestival in Cannes ein Transparent hoch mit dem Namen Kirill Serebrennikow. Premiere vom Film Leto. (picture-alliance/dpa/AP/Invision/J. C Ryan)

Zur Premiere des Films "Leto" in Cannes demonstrierten Prominente für Serebrennikow

Bestellte Anklage?

Jan Raczynski kann auch nur spekulieren, was hinter der Anklage steckt. Er glaubt, dass sie von irgendwem "bestellt" worden sei, erklärt er gegenüber der Deutschen Welle. Es könne zum Beispiel um die Verteilung von Theatergeldern gehen. Oder es gebe einen anderen finanziellen Hintergrund. Oder ein mächtiger Dunkelmann habe seinen Freunden im Sicherheitsapparat entsprechende Befehle gegeben "ohne sich mit irgend jemandem abzusprechen", erklärt Jan Raczynski. Und die Beamten glaubten nun, dass jemand noch Mächtigeres dahinterstecken würde. Er halte die Verfolgung Serebrennikows für ungesetzlich.

Den Hausarrest des Regisseurs verurteilt auch Natalya Solzhenicyna, Witwe des Literatur-Nobelpreisträgers und Autors von "Archipel Gulag", Alexander Solschenizyn. Sie habe eine Petition mitunterzeichnet, in dem Serebrennikows Freilassung gefordert wird. Die 79-jährige, energische Präsidentin der Solzhenicyn-Stiftung sagt: "Der Staat sollte sich nicht in die Arbeit von Künstlern einmischen." Sie hält es für falsch, Serebrennikow unter Hausarrest zu stellen, ohne Beweise für die erhobenen Vorwürfe vorzulegen.

Foto von Natalya Solzhenicyna. (DW/M. Soric)

Natalya Solzhenicyna

Dass der Regisseur ins Ausland fliehen könnte, hält sie für Unfug. Ihrer Ansicht nach sei er "sehr talentiert". Man müsse nicht alles, was Serebrennikow macht, gut finden, um das zu erkennen. Sie erinnert daran, dass es derzeit in Russland fast überhaupt keine privaten Theater gebe. Die meisten seien auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Noch immer im Umbruch

In den Massenmedien herrsche Zensur, wenngleich nicht in dem Umfang wie zu sowjetischen Zeiten, sagt Solzhenicyna. Die Literatur sei allerdings frei. "Wenn ein russischer Schriftsteller kein Geld vom Staat annehme, könne er sich mit gutem Gewissen für Verfolgte wie Serebrennikow einsetzen", so die studierte Mathematikerin, die auch die 30-bändigen Werke ihres Ehemannes herausgibt.

Natalya Solzhenicynas Urteil über Russlands Gegenwartsliteratur: Die Werke, die jetzt in Russland entstünden seien gut, aber nicht bleibend. "Russland befindet sich seit den 1990er Jahren in einer Zeit des Umbruchs", analysiert sie: Keine gute Zeit, um wirklich große, bleibende Literatur zu schreiben. Wenn sich die Dinge schnell ändern sei dies die Zeit des Journalismus, der Publizistik, des Fernsehens. "Es bleibt einfach kaum Zeit, um die Entwicklungen tiefer und gründlicher zu analysieren."

"Schizophrenie" in vielen Bereichen

Foto von Jan Raczynski, Vorsitzender von Memorial International. (DW/M. Soric)

Menschenrechtler Jan Raczynski

Jan Raczynski beklagt eine Schizophrenie der Macht, Freiheit und Unfreiheit gleichermaßen. Einerseits gibt es Tendenzen, Stalin als großen Führer, als "Generalissimus" zu rehabilitieren. Andererseits eröffnet Präsident Putin selbst Denkmäler für die Opfer des Stalinismus. Zwar sei das kulturelle Leben relativ frei und es herrsche eine große Meinungsbreite, doch gebe es gleichzeitig keine freie Presse, keine unabhängigen Gerichte, kein echtes Parlament, so Raczynski. Und Natalya Solzhenicynas meint, Russland sei noch eine "schwache Demokratie". Sie beginne gerade erst sich zu entwickeln. Sie hofft, dass der Westen Geduld mit Russland hat. Druck von außen könne kontraproduktiv sein.

Ungeachtet des Hausarrestes für Kirill Serebrennikow herrscht Alltag im Moskauer Kulturbetrieb. Es gibt erste Ankündigungen, wo ausländische Künstler anlässlich der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft ihre Werke vorführen werden. Von all dem wird der Regisseur jedoch nichts haben.

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