Schutz vor Gewalt? Frauenhäuser haben zu wenig Plätze
22. Dezember 2025
"Wir müssen fast jeden Tag Frauen oder Familien abweisen", sagt Navina Reichardt, Sozialarbeiterin bei "Hilfe für Frauen in Not - Frauenhaus Bonn e.V.", im Interview mit der DW. "Nicht, weil sie keinen Schutz brauchen, sondern weil wir keinen Platz mehr haben."
Manchmal sei es eine einzelne Frau, häufig eine Mutter mit Kindern. Die Gespräche endeten mit dem Verweis auf andere Städte oder Bundesländer. "Das fühlt sich an, als würden wir die Frauen zurück in die Gewalt schicken", sagt Reichardt.
Rund um Weihnachten und in den Ferien spitze sich die Lage zu. "In dieser Zeit steigt aus unserer Erfahrung die Nachfrage spürbar", berichtet die Sozialarbeiterin. Enge Wohnverhältnisse, Feiertage und der Wegfall von Schule oder Arbeit wirkten wie ein Verstärker für bereits bestehende Gewalt gegen Frauen.
Wie groß das Ausmaß häuslicher Gewalt ist, zeigen aktuelle Zahlen des Bundeskriminalamts (BKA). Nach dem im November veröffentlichten Lagebericht wurden 2024 in Deutschland fast 266.000 Opfer häuslicher Gewalt registriert, so viele wie nie zuvor, ein Anstieg um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die große Mehrheit der Betroffenen sind Frauen. Besonders häufig handelt es sich um Partnerschaftsgewalt: In fast 80 Prozent dieser Fälle sind die Opfer weiblich.
Frauen- und Familienministerin Karin Prien spricht von dramatischen Entwicklungen: "Umgerechnet bedeutet das: Pro Stunde sind in Deutschland 15 Frauen von partnerschaftlicher Gewalt betroffen." Sie betont, dass die Zahlen nur das Hellfeld zeigen. Experten gehen davon aus, dass bei Gewalt durch (Ex-)Partner weniger als fünf Prozent der Fälle angezeigt werden. Das tatsächliche Ausmaß der Gewalt gegen Frauen liegt deutlich höher.
Auch die Gesamtzahl aller Straftaten gegen Frauen und Mädchen ist angestiegen. 308 Mädchen und Frauen wurden 2024 im Zusammenhang mit Partnerschaftsgewalt getötet.
Vorgaben der Istanbul-Konvention werden nicht erfüllt
Tut Deutschland genug, um Frauen zu schützen? Nach der Frauenhaus-Statistik 2024 des Verbands "Frauenhauskoordinierung e.V." gibt es bundesweit knapp 400 Frauenhäuser. Übers Jahr verteilt fanden geschätzt knapp 14.000 Frauen und mehr als 15.000 Kinder Schutz in den Einrichtungen.
Gemessen an den Vorgaben der Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen fehlen demnach mehr als 12.000 Frauenhausplätze. Diese Lücke ist seit Jahren bekannt. Studien im Auftrag des Bundesfamilienministeriums (BMFSFJ) zeigen, dass jede zweite Frau keinen Platz in ihrer Region findet. Zwei Drittel müssen sogar sehr weit entfernt untergebracht werden, oft hunderte Kilometer von ihrem bisherigen Wohnort und Netzwerk entfernt.
Beispiel Bonn: Notaufnahme und Überlastung im Frauenhaus
Im Autonomen Frauenhaus Bonn zeigt sich diese Überlastung täglich. "Wenn ein Platz frei wird, ist er in der Regel innerhalb von ein bis zwei Stunden wieder belegt", sagt Mitarbeiterin Sonja Grafschaft der DW. Wartelisten führen die Häuser bewusst nicht - zu instabil und gefährlich ist die Situation vieler Frauen. "Die Vorstellung, zwei Wochen auf einen Schutzplatz zu warten, ist für viele schlicht nicht machbar."
Das Haus verfügt offiziell über 15 Plätze für Frauen und elf bis 14 Plätze für Kinder, doch häufig leben mehr Menschen gleichzeitig dort. Notaufnahmezimmer werden eingerichtet, um akute Fälle kurzfristig abzufangen. "Wir arbeiten dauerhaft über der Belastungsgrenze", sagt Grafschaft.
Nur wer sich sicher fühlt, kann über Gewalt berichten
Nach der Aufnahme beginnt für die Frauen die eigentliche Arbeit: Gefährdungsklärung, Schutzmaßnahmen, gerichtliche Schritte. "Viele Frauen sprechen hier zum ersten Mal über das, was sie erlebt haben", erklärt Sonja Grafschaft. Die Anonymität der Häuser sei entscheidend: "Nur wenn sie sich wirklich sicher fühlen, können sie anfangen zu erzählen."
Auch die Kinder werden von Beginn an einbezogen. "Sie kommen aus hochbelasteten Situationen", betont die Bonner Sozialarbeiterin. "Hier erleben viele zum ersten Mal Ruhe", da gehe es nicht um Stille, sondern um die innere Entlastung der Kinder.
Hürden für Frauen mit Migrationsgeschichte
Besonders schwierig ist der Zugang zu Hilfsangeboten für Frauen mit Flucht- oder Migrationserfahrung. Sprachbarrieren, fehlende Kenntnisse des Hilfesystems und ein oft sehr kleines soziales Netzwerk erschweren den Zugang. "Über Gewalt zu sprechen ist schon schwer genug", sagt Grafschaft. "Das dann in einer fremden Sprache zu tun, ist noch schlimmer - für viele Frauen nahezu unmöglich."
Hinzu kommen rechtliche und finanzielle Einschränkungen: Je nach Finanzierungsmodell dürfen nicht alle Frauen aufgenommen werden - etwa Studentinnen oder Frauen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus. "Dass Gewalt nicht alleiniger Aufnahmegrund ist, sondern Einkommen oder Papiere eine Rolle spielen, ist für viele Frauen fatal", kritisiert Navina Reichardt von "Hilfe für Frauen in Not".
Rechtsanspruch auf Schutz vor Gewalt mit Verzögerung
Das Gewaltschutzgesetz ist eines der Instrumente im Umgang mit häuslicher Gewalt. Es ermöglicht Gerichten unter anderem, Täter aus der gemeinsamen Wohnung zu verweisen, sowie Kontakt- und Näherungsverbote anzuordnen.
Eine neue Regel nach spanischem Vorbild ermöglicht, dass besonders gefährliche Täter künftig per elektronischer Fußfessel überwacht werden können, um Verstöße gegen diese Verbote schneller zu erkennen. Das Gewaltschutzgesetz wirkt für viele Betroffene vor allem über die Beratungsstellen: Sie helfen nach Gewalt und Polizeieinsätzen, Kontakt- und Näherungsverbote für die Täter zu beantragen.
Hoffnung setzen viele Einrichtungen auf das im Februar vom Bundestag beschlossene Gewalthilfegesetz. Es soll erstmals einen bundesweiten Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung schaffen und die Finanzierung von Frauenhäusern unabhängig vom Einzelfall regeln. Ziel ist es, dass Frauen einen Schutzplatz erhalten, ohne dass Einkommen, Aufenthaltsstatus oder Zuständigkeiten einzelner Kommunen darüber entscheiden.
Doch die Umsetzung braucht Zeit. Erst 2032 soll der Rechtsanspruch vollständig greifen. "Bis dahin arbeiten wir weiter im Mangel", stellt Sonja Grafschaft fest. "Und selbst dann bleibt offen, wie bedarfsgerecht die Finanzierung und Platzverteilung tatsächlich ausfallen werden."
Auch in der Weihnachtszeit müssen Frauen abgewiesen werden
Gerade in der Weihnachtszeit versuchen die Teams in Frauenhäusern, neben der Sicherheit vor Gewalt auch Normalität zu schaffen. Adventskränze werden gebastelt, Plätzchen gebacken, kleine Ausflüge unternommen. "Kurz vor den Feiertagen kommt der Weihnachtsmann mit Geschenken für Frauen und Kinder, das meiste davon finanziert durch Spenden", erzählt Reichardt.
Es sind kleine, stille Momente in einem hochbelasteten System. Auch wenn Weihnachten ist: Die Frauenhäuser sind voll. Deshalb müssen immer wieder Frauen und ihre Kinder, die Gewalt erleben, abgewiesen werden.