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Gut gemeint: Die MDGs

Helle Jeppesen18. September 2015

Ende des Jahres laufen die Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen aus. Das Ziel, bis 2015 die absolute Armut zu halbieren ist erreicht, doch insgesamt ist die Bilanz der acht Entwicklungsziele gemischt.

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Irakkrieg Armut Kinder
Bild: picture-alliance/dpa/S. Reboredo

Den "größten Erfolg, den die Vereinten Nationen je präsentieren konnten" - nennt Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die Bilanz der Millenniumsentwicklungsziele. Seit 2000 waren die acht Entwicklungsziele der Leitfaden für die globale Entwicklungszusammenarbeit.

Mit dem Hauptziel, Hunger und Armut weltweit zu bekämpfen, wurden politische und finanzielle Ressourcen mobilisiert. Sie sollten dabei helfen, Ausbildung, Gleichberechtigung, Gesundheit und Wasserversorgung auch im globalen Süden auszubauen, hebt Paul Ladd hervor. Er hat das Post-2015-Team beim UNDP, dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, geleitet.

Doch auch wenn es mit der UN-Millenniumskampagne, die die Welt in ein neues und gerechteres Jahrtausend führen sollte, laut UN-Bericht gelungen ist, die absolute Armut zu halbieren, so ist dieser Erfolg nicht unumstritten.

Mittelschicht ab vier Dollar

Die Vereinten Nationen und die Weltbank definieren absolute Armut mit 1,25 US-Dollar pro Tag und Mensch. Wer vier US-Dollar pro Tag zur Verfügung hat, gehört schon zur MIttelschicht.

"Menschen, die von 1,26 US-Dollar leben, leben immer noch nicht in guten und menschenwürdigen Verhältnissen", meint dazu Jens Martens, Geschäftsführer des Global Policy Forums in Bonn. Die Nicht-Regierungsorganisation hat ihren Hauptsitz in New York und hat sich auf die Analyse der Arbeit der Vereinten Nationen spezialisiert. Die europäische Niederlassung ist in Bonn.

"Nur die Indikatoren relativ niedrig anzusetzen führt nicht dazu, dass es den Menschen auf der Welt besser geht", kritisiert Jens Martens, obwohl auch er durchaus die Fortschritte und Erfolge der UN-Millenniumskampagne sieht. .

Mission Millennium: Millennium Village Sauri

Letztendlich kommt es auf die konkrete Umsetzung vor Ort an. Armut ist heute noch vor allem ländlich und weiblich – so wie vor 15 Jahren auch. Die UNDP wollte in Partnerschaft mit dem Earth Institute der Columbia University in New York und der US-Organisation Millennium Promise mit 15 Millenniums-Dörfern in Afrika zeigen, wie die acht Ziele in der Praxis beispielhaft umgesetzt werden. Die Bilanz des Projektes wird gerade ausgewertet und soll 2016 veröffentlicht werden, doch nach ersten Ergebnissen waren die Pilotprojekte recht erfolgreich

Alle gegen Armut

Einer der größten Erfolge der Millenniumsziele, die die internationale Entwicklungspolitik seit dem Jahr 2000 maßgeblich geprägt haben, war zweifellos, dass sie leicht zu kommunizieren waren.

"Jeder ist letztlich dafür, Armut, Hunger und Krankheiten zu bekämpfen und jedes Kind in die Schule zu schicken", sagt Jens Martens. Doch es gehe nicht nur um die Frage der Einkommensarmut, sondern auch um Fragen zu Menschenrechten, Demokratiebeteiligung und Rechtsstaatlichkeit.

Dazu gibt es nur wenige Indikatoren bei den acht Millenniumszielen, die sich vor allem um die reine Armutsbekämpfung im globalen Süden konzentrierten.

Das ist auch einer der großen Kritikpunkte der Gruppe der 77, ein loser Zusammenschluss von Staaten, die bei internationalen Verhandlungen die Interessen der Länder des Südens vertreten.

Ziele für Entwicklungsländer

Denn die acht Millenniumsziele waren vor allem Ziele, die von sogenannten Entwicklungsländern erreicht werden sollten. Armuts- und Hungerbekämpfung, Schulbildung, Senkung der Kinder- und Müttersterblichkeit, Bekämpfung von Krankheiten wie HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose und die Verbesserung der Trinkwasser- und Sanitärversorgung sind alles Aufgaben, die die reichen Industrieländer wenig bis kaum betreffen.

Das dritte Millenniumsziel - Gleichstellung der Geschlechter und eine Stärkung der Rolle der Frauen – betrifft reiche wie arme Länder. Von der großen UN-Frauenkonferenz 1995 in Beijing sei weltweit so gut wie nichts umgesetzt worden, kritisiert Phumzile Mlambo-Ngcuka, die Chefin von UN Women. Besonders an der Situation der Frauen in den am wenigsten entwickelten Ländern habe sich seit Beijing nichts geändert.

Indien Zwei Marktfrauen in Meghalaya
Seit der UN-Frauenkonferenz 1995 hat sich an der Situation der meisten Frauen nichts geändertBild: DW/H. Jeppesen

Ungebremste Umweltzerstörung

Was die Umwelt betrifft, ist die globale Lage düsterer als vor fünfzehn Jahren. Paul Ladd vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen gibt zu, dass das siebte Ziel zu kurz gekommen ist, die Umwelt kaum berücksichtigt wurde.

Die Rodung artenreicher Tropenwälder geht weiter, wenn auch langsamer als befürchtet, der weltweite Ausstoß von Kohlendioxid ist seit 1990 um mehr als 50 Prozent gestiegen, der Artenverlust schreitet rasant voran und der Zustand der Weltmeere verschlechtert sich zusehends. Nach fünfzehn Jahren MDGs lautet die Note für die Umsetzung des siebten Millenniumsziels: Mangelhaft.

Reiche Länder haben Ziele verfehlt

Mit dem achten Millenniumsziel, dem Aufbau einer globalen Entwicklungspartnerschaft, taten sich die reichen Industrieländer schwer.

Die Vorgabe, 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für offizielle Entwicklungshilfe bereit zu stellen, haben bis heute weltweit nur fünf Länder erreicht: Dänemark, Luxemburg, Norwegen, Schweden und Großbritannien.

Zum Thema Afghanistan - Die deutschen Entwicklungshelfer bleiben
Die reichen Länder sind weit hinter den gesteckten Zielen in der Entwicklungszusammenarbeit gebliebenBild: picture-alliance/dpa

Doch auch wenn die meisten Errungenschaften der Millenniumsagenda hinter den gesteckten Zielen zurückgeblieben sind, haben sie viel bewirkt. Nicht zuletzt, weil sie auch das Denken vieler Menschen und Regierungen verändert haben, findet Bärbel Dieckmann, Präsidentin der deutschen Welthungerhilfe.

Auch die deutsche Welthungerhilfe hat in Anlehnung an die acht Ziele fünfzehn Dörfer auf drei Kontinenten betreut und mit den Dorfbewohnern versucht einen Teil der Millenniumsziele zur Armutsbekämpfung umzusetzen.

"Diese Millenniumsziele waren auch wichtig, weil sie eine Orientierung gegeben haben", sagt Dieckmann. "Dass zum Beispiel ein Kontinent wie Lateinamerika praktisch keine hohen Hungerzahlen mehr hat. Das ist ein riesiger Erfolg."

Diesen Erfolg werden auch die Staats- und Regierungschefs beim UN-Gipfel in New York Ende September feiern, wenn sie die Nachfolgerziele, die neuen nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs, Sustainable Development Goals) verabschieden.