Grüner Wasserstoff: Deutsche Elektrolyseure kämpfen um Markt
3. Juli 2026
Das Wassermolekül ist zäh. Es braucht viel Energie, um es per Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff zu zerlegen. Diese chemische Reaktion spielt sich in Zellen mit je einer Kathode und Anode ab, getrennt durch eine Membran. Die dafür benutzen Anlagen bestehen oft aus Hunderten solcher Zellen. Wenn die Wasserspaltung mit Sonnen-, Wind- und Wasserkraft betrieben wird, wird der resultierende Wasserstoffe als "grün" bezeichnet. Wasserstoff dient als Rohstoff und Kraftstoff. Und seine Herstellung ermöglicht Überschüsse von Ökostrom monatelang zu speichern.
Elektrolyse ist daher eine Schlüsseltechnologie für die Energiewende und größtenteils "made in Germany". Das Verfahren wurde ursprünglich in der Chemieindustrie entwickelt und zur Chlorherstellung benutzt. Es gibt eine große Bandbreite von Anlagenbauern mit verschiedenen Technologien und Leistungsklassen für diverse Anwendungen. Darunter sind Konzerntöchter wie Thyssenkrupp Nucera und Siemens Energy, Mittelständler wie Neumann&Esser, iph Hähn und Sunfire und Start-ups wie H2Powercell und Enapter.
Deutsche Elektrolyseure im Ausland nachgefragt
Thyssenkrupp Nucera stützt sich auf jahrzehntelange Erfahrung mit Chlor-Alkali-Elektrolyse, um Module für die Gewinnung von grünem Wasserstoff (GH2) zu entwickeln. Die Standard-Einheit "Scalum" erzeugt mit 20 Megawatt Leistung rund 2000 Tonnen Wasserstoff jährlich. Diese Einheiten lassen sich zu gigantischen Anlagen für Großprojekte zusammenschalten.
Die Anlagen sind gefragt: Im 2. Quartal gingen beim Dortmunder Unternehmen viermal so viele Aufträge ein wie im Jahr davor. Allein Moeve aus Spanien bestellte 15 Module für sein Andalusian Green Hydrogen Valley. "Scalums" gehen auch nach Saudi Arabien, Schweden, Kanada und in die Niederlande. Dabei setzt Nucera auf die bewährte alkalische Wasserstoffelektrolyse (AWE): Sie hat einen relativ hohen Wirkungsgrad und ist robust, aber lässt sich nicht schnell rauf- und runterfahren.
Der internationale Markt wächst, aber auch die Konkurrenz chinesischer Hersteller nimmt zu. Sie können dank Subventionen und niedriger Lohnkosten einfache alkalische Elektrolyseure deutlich günstiger anbieten. Nucera will mit Langlebigkeit, Austauschbarkeit einzelner Zellen und mit Serviceleistungen überzeugen. Um Kosten zu senken, lässt das Unternehmen die Module in Spanien und Vietnam fertigen.
Elektrolyse soll deutsche Industrie dekarbonisieren
Die meisten hiesigen Hersteller bevorzugen die PEM (Proton-Exchange-Membran)-Technologie zur Wasserspaltung. Ihr Vorteil: Sie reagiert blitzschnell auf Lastschwankungen und eignet sich noch besser für volatile Erneuerbare Energien. Der Nachteil: Die Membranen und Elektroden benötigen teure und kritische Rohstoffe wie Platin und Iridium.
Die derzeit größten Anlagen in Deutschland setzen dennoch auf die PEM. Sie entstehen in Emden (320 MW) und Hamburg (100 MW) und sollen die Windenergie optimal nutzen. Siemens Energy liefert die Elektrolyseure. Mit klimaneutralem Wasserstoff wollen etwa Stahlhersteller Salzgitter und Klebstoff-Produzent Tesa ihre Betriebsprozesse dekarbonisieren.
Doch nicht alles läuft rund für die Elektrolyse "made in Germany". In Deutschland stockt der Wasserstoff-Hochlauf trotz einzelner Großprojekte. Stahlhersteller etwa pausieren ihre Transformation zu grünem Stahl, der mit Hilfe von Wasserstoff produziert werden kann. Wasserstoff-Tankstellen schließen, da sich bei Zügen, Lkw und Pkw eher Batterien durchzusetzen scheinen. Die Wasserstoff-Heizung wird wahrscheinlich gegen die Wärmepumpe verlieren. Setzt bald das Firmensterben ein?
Welche Elektrolyseure das Rennen machen ist offen
"Der Markt ist noch im Entstehen", sagt Marc-Simon Löffler, Fachgebietsleiter für die Elektrolyse beim Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung Baden-Württemberg (ZSW). Weltweit seien bis 2050 mehrere Tausend Gigawatt an Elektrolyse geplant. Installiert seien aktuell weniger als fünf GW.
Wer das Rennen macht, sei offen. "Die Anbieter von Komplettsystemen aus Europa und China halten sich derzeit die Waage." Die Europäer müssten ihre Stärken bei der Performance, Effizienz und Sicherheit ausspielen und sich weiter in Richtung Hightech entwickeln. Wasserstoff gelte jedoch nicht mehr als Allheilsbringer. "Der Hype ist vorbei", sagt der Forscher, "jetzt sind wir in der Konsolidierungsphase. Nun geht es darum, welche Anwendungen und Projekte wirtschaftlich tragfähig sind".
In Deutschland sind die Stromkosten hoch und die EU-Regulierung ist äußerst streng: Wasserstoff wird oft als "Champagner der Energiewende" bezeichnet. In anderen Regionen lässt er sich günstiger erzeugen, auch in Teilen Europas. "Die These war immer, dass Deutschland Wasserstoff größtenteils importieren, aber Technologie exportieren wird", betont Löffler. Aber der Heimatmarkt sei wichtig, um die eigene Technologie zu demonstrieren, entwickeln und skalieren.
Staat sollte Abnahmegarantien geben
"Während andere Regionen wie China entschlossen skalieren, stockt in Europa der Ausbau. Projekte verzögern sich oder werden gestrichen. Ohne einen starken Heimatmarkt in Europa verlieren wir in der globalen Konkurrenz am Boden - und damit langfristig auch die Technologieführerschaft", sagte Werner Ponikwar, CEO von Thyssenkrupp Nucera, auf dem World Hydrogen Summit in Rotterdam. Elektrolyse sei kapitalintensiv: Sie brauche Skalierung, um günstiger zu werden. Der Markt werde sich jedoch nicht von selbst entwickeln, so Ponikwar: "Wasserstoffmärkte werden aufgebaut".
Große Hersteller wie Thyssenkrupp Nucera und Siemens Energy hätten einen längeren Atem, der Mittelstand brauche dagegen dringend eine Perspektive, meint der ZSW-Forscher Löffler. KMU und Startups rüsten meist nicht die Projekte der Superlative aus. Sie stellen kleinere, dezentrale Anlagen für Logistikknoten, Unternehmensstandorte sowie Insellösungen her, die ohne Stromnetz auskommen. Und sie arbeiten an innovativen Elektrolyse-Verfahren, um teure Materialien zu sparen oder weitere Anwendungen zu erschließen.
Dafür müsste der Staat Genehmigungen und Anforderungen an den Wasserstoff vereinfachen und beispielsweise über Quoten verbindliche Abnahme garantieren. Einen entscheidenden Hebel sieht Löffler auch bei den Förderprogrammen: "In staatlich geförderten Projekten sollten vor allem nationale oder europäische und keine chinesischen oder US-amerikanische Technologien zum Zug kommen".