1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Rechenzentren heizen Wohnungen

Matilda Jordanova-Duda
29. Dezember 2025

Überall in Deutschland entstehen Rechenzentren und Elektrolyseure. Bei ihrem Betrieb entsteht Wärme, die als Energiequelle genutzt werden könnte zum Heizen von Wohnungen und für andere Unternehmen.

https://p.dw.com/p/55TkF
Symbolbild I Rechenzentrum
Digitalisierung und Einsatz von KI - es werden immer mehr Rechenzentren gebraucht und die produzieren viel WärmeBild: Channel Partners/Zoonar/picture alliance

In Frankfurt gibt es bereits 80 Rechenzentren, außerdem sind rund 30 weitere in Planung oder im Bau. Damit ist die Stadt ein Hotspot der Branche und das auch buchstäblich: Die großen Serverfarmen müssen aufwändig gekühlt werden, damit sie vor lauter Datenverkehr nicht heiß laufen. Damit erwärmen sie das Mikroklima der Mainmetropole.

Diese Abwärme will die Stadt nutzen, um einen Großteil ihres Wärmebedarfs zu decken. Den Anfang macht "Franky": ein Neubaugebiet mit mehr als 1300 Wohnungen und drei Kitas. Der Energieversorger Mainova berechnet den Wärmebedarf auf rund 4000 Megawattstunden pro Jahr. Mindestens 60 Prozent davon soll das benachbarte Rechenzentrum von Telehouse liefern.

Die 35 Grad warme Luft wird in der Heizzentrale des Franky-Quartiers durch Wärmetauscher und zwei Großwärmepumpen in 70 Grad heißes Wasser umgewandelt, das anschließend durch das Nahwärmenetz strömt. An besonders kalten Tagen nutzt Mainova zusätzlich Fernwärme aus anderen Quellen. Ein ähnliches Projekt gibt es in Hattersheim am Main, wo ein neues Rechenzentrum künftig 450 Haushalte mit Wärme versorgt.

Deutschland Zittau 2025 | Technische Anlagen zur Abwärmenutzung bei Fraunhofer IEG
Wärmepumpe für das Rechenzentrum in Hattersheim Bild: Paul Glaser

"Die Herausforderungen sind das Temperaturniveau der Abwärme, der Platz für die Großwärmepumpen und die Lage der Nutzer", sagt Paula Guesnet von Mainova auf der Bundesländerkonferenz "Föderale Energiewende". In einem Neubaugebiet ließen sich leicht Röhre verlegen und mit dem Bauinvestor ein Komplettpaket für die Wärme aushandeln. Schwierig sei es dagegen im Bestand, erzählt die Ingenieurin, die die Abteilung Wärmeplanung und Contracting leitet. "Da muss man die Kunden einzeln suchen und Verträge abschließen, die alle die gleichen Laufzeiten haben."

Abwärme satt und keiner will sie haben

Rechenzentren müssen ab einer bestimmten Größe einen Teil ihrer Abwärme abgeben. Bei Neubauten wird eine solche Auskopplung technisch von Anfang an mitgedacht. Allerdings sind kommunale Wärmenetzbetreiber nicht verpflichtet, diese Wärme anzunehmen. Oft wollen sie die Wärme nicht einmal - fast - geschenkt bekommen, weil sie investieren müssten, um diese Energiequelle zu erschließen.

Zudem ist die Abluft oder das Kühlwasser aus den Serverfarmen mit Temperaturen zwischen 15 und 60 Grad für ältere städtische Leitungen zu gering. In Kombination mit Wärmepumpen könnten damit jedoch Bürogebäude, Hotels, Wohnblöcke, Turnhallen, Schwimmbäder oder Siedlungen beheizt werden.

Computer als Heizung?

Die Pflicht, die Abwärme abzugeben, erschwere die Standortsuche zusätzlich, heißt es vom Branchenverband Bitkom. Dabei ist steigt der Bedarf an Rechenleistung durch die Nutzung von KI, Streaming, autonomen Fahren und vernetzte Industrieanlagen. 

Rechenzentren bieten Chancen für andere Unternehmen

Das Abwärme-Netzwerk, AWANetz, will Datacenter-Betreiber, Energieversorger und Kommunen früh an einen Tisch bringen. Es trägt Knowhow und Best-Practice-Beispiele zusammen, dient als Kontaktbörse und bietet Musterverträge sowie einen Wirtschaftlichkeitsrechner. Ein Leitfaden "Datacenter Heat" erscheint Anfang 2026. Er baut auf den Erfahrungen von Pilotprojekten wie "Franky" in Frankfurt, "Audi In Campus" in Ingolstadt und "Heinrich des Löwen" in Braunschweig auf.

Deutschland Zittau 2025 | Technische Anlagen zur Abwärmenutzung bei Fraunhofer IEG
PEM-Elektrolyseur zur Wärmenutzung auf dem Dach. Bild: Paul Glaser

Rechenzentren seien verlässliche Wärmelieferanten für mindestens 15 Jahre, wirbt Rüdiger Lohse, Mitinitiator des Netzwerks: "Wir haben noch nie eins schließen sehen". Daher sei es sinnvoll, sie bei der kommunalen Wärmeplanung mitzudenken. Dagegen besteht bei manchen Industrieunternehmen die Sorge, ob der Standort in fünf Jahren noch existiert oder genug Abwärme abwirft. 

Die riesigen Data Center entstehen nun häufiger außerhalb der Metropolen. Im Rheinischen Revier etwa siedelt sich Microsoft im ehemaligen Tagebaugebiet an. Kommunen könnten gezielt solche Unternehmen einladen, die die warme Luft der Rechenzentren brauchen und so neue Gewerbegebiete im Umfeld schaffen, meint Lohse. Mit Niedertemperatur-Abwärme lassen sich beispielsweise Fisch, Algen oder Gemüse im Urban Farming züchten und Trocknungsanlagen von Lebensmittel-, Papier- oder Möbelherstellern betreiben.

Gewinnung von Wasserstoff: Abwärme durch Elektrolyse

Neben Rechenzentren werden auch immer mehr Elektrolyseure gebraucht, um grünen Wasserstoff zu produzieren. Dabei entstehen Sauerstoff und Abwärme als Nebenprodukte. Wie das genutzt werden kann, hat das Projekt IntegrH2ate des Fraunhofer Instituts für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien IEG untersucht.

Deutschland Zittau 2025 | Technische Anlagen zur Abwärmenutzung bei Fraunhofer IEG
Innenaufnahmen des Containers des PEM-ElektrolyseursBild: Paul Glaser

Für die Wirtschaft ist bisher nur der Wasserstoff als Energiespeicher und chemischer Rohstoff interessant. Die Nebenprodukte entweichen bisher ungenutzt. Dabei ließe sich Sauerstoff in der Medizin oder in Kläranlagen verwenden.

Die Abwärme, die aus dem Kühlwasser des Elektrolyseurs gewonnen wird, ist über 50 Grad heiß. Eine IEG-Forschungsanlage auf dem Gelände der Stadtwerke Zittau erprobt zum ersten Mal die Wärmeauskopplung. Dabei hebt eine Großwärmepumpe die Temperatur auf 90 Grad an. Die Stadtwerke speisen dann das heiße Wasser in ihr Fernwärmenetz ein.

Deutschland Zittau 2025 | Technische Anlagen zur Abwärmenutzung bei Fraunhofer IEG
Forschungsanlage LA-SeVe auf dem Gelände der Stadtwerke Zittau Bild: Paul Glaser

"Die Herausforderung bei der Elektrolyse ist, dass sie dynamisch rauf- und runtergefahren wird", sagt der Projektleiter Clemens Schneider vom IEG. Das Verfahren nutzt Überschüsse von Wind- und Solarstrom, daher fällt mal mehr, mal weniger Abwärme an. Eine KI hilft, die verfügbaren Mengen vorherzusagen.

Die Bundesregierung will bis 2030 als Teil der Nationalen Wasserstoff-Strategie zehn Gigawatt an Elektrolysekapazität installieren lassen. Geeignete Standorte sind entweder in der Nähe von Wind- und Solarparks oder dort, wo es einen Anschluss an das  Wasserstoff-Kernnetz beziehungsweise große Verbraucher gibt. Auch ausreichend Wasser für die chemische Reaktion sowie Kühlung des Elektrolyseurs muss vorhanden sein. Ein neues Potenzialatlas, H2PoWerD, zeigt, wo viele Faktoren zusammentreffen, einschließlich möglicher Abwärmenutzung.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen