Grüne Woche in Berlin: Bauernhöfe sterben trotz hoher Preise
15. Januar 2026
Agrarpolitik führt in Deutschland normalerweise ein Schattendasein. Die Nöte von Landwirten und die Preise in den Supermärkten schaffen es selten in die Schlagzeilen, vor allem in Zeiten von Kriegen und autoritären Bestrebungen weltweit.
Aber zu Jahresbeginn gibt es immer einen Anlass, über die Landwirtschaftspolitik zu sprechen: wenn in Berlin die "Grüne Woche" ihre Türen öffnet. In diesem Jahr feiert die weltweite Agrarmesse ihr hundertjähriges Bestehen. Rechtzeitig davor hat die "Heinrich-Böll-Stiftung", die den Grünen nahesteht, ihren "Konzernatlas 2026" veröffentlicht.
Die Preise steigen, die Höfe sterben
Tenor der Studie: In Deutschland sterben immer mehr vor allem kleinere und mittlere landwirtschaftliche Betriebe. Ein Grund: Auf der Abnehmerseite der inländischen Lieferketten für Milch, Fleisch und Gemüse stehen gerade einmal vier große Einzelhandels-Ketten, die die Preise diktieren und den Bauern die Luft zum Atmen nehmen.
Die Kunden im Supermarkt profitieren kaum davon, dass die Einzelhändler Druck auf die Landwirte machen: Laut einer Umfrage des "Bundesverbands Verbraucherzentrale" geben 68 Prozent der Menschen an, die steigenden Lebenshaltungskosten am meisten bei den Lebensmitteln zu spüren. Seit 2020 sind Lebensmittel demnach um rund 35 Prozent teurer geworden.
Hohe Belastungen durch Pandemie und Ukraine-Krieg
Der "Konzernatlas" nennt noch einen weiteren Grund für die Preissteigerung an der Wurst-Theke: "Die Corona-Pandemie und der russische Angriffskrieg auf die Ukraine haben gezeigt, wie fragil globale Agrarlieferketten sind und wie stark die Auswirkungen volatiler Öl- und Gaspreise sein können. Unser Ernährungssystem ist deshalb so anfällig für Krisen und Preisschocks, weil es stark konzentriert ist."
Tatsächlich teilen sich vier große Handelskonzerne in Deutschland den Markt größtenteils untereinander auf. Während einer Podiums-Diskussion von Politikern - vom Deutschen Bauernverband zum Auftakt der Grünen Woche organisiert - fasste das der Fraktionschef der Regierungspartei SPD im Bundestag, Matthias Miersch, so zusammen: "Seit 2020 haben wir eine 35-prozentige Steigerung der Preise im Lebensmittelbereich, aber das führt nicht dazu, dass die Einkünfte der Landwirte gestiegen sind. Und deshalb gibt es eine Lieferkette, an der ganz viele partizipieren, aber nicht die Verbraucherinnen und Verbraucher."
Zahl großer Betriebe im Osten Deutschlands steigt
Der "Konzernatlas" der Böll-Stiftung listet auf, welche Betriebe konkret betroffen sind: Danach ist die Zahl der Höfe zwischen 2010 und 2024 in den beiden ostdeutschen Ländern Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen um rund die Hälfte gestiegen, weil die Betriebe hier überdurchschnittlich groß sind.
In allen anderen Bundesländern, auch in den klassischen Agrar-Gebieten in Bayern und Schleswig-Holstein, ist die Zahl dagegen dramatisch zurückgegangen. Die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Britta Haßelmann, fasst zusammen: "Wir sehen, dass immer mehr Höfe sterben, dass gerade kleinere und mittlere Betriebe sich nicht halten können."
Monopolkommission sorgt sich um Weltmarkt-Risiken
2024 hatte die damalige Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP nach heftigen Bauernprotesten gegen die Erhöhung der Preise für Bio-Diesel die Monopolkommission mit einer Untersuchung der Konzentration im Lebensmittel-Einzelhandel beauftragt. Diese Kommission ist ein aus fünf Experten bestehendes unabhängiges Beratungsgremium, das Gutachten für die Bundesregierung erstellt.
Tomaso Duso, der Vorsitzende des Gremiums, fasste zusammen: "Die Macht des Lebensmittel-Einzelhandels und teilweise der Hersteller ist zulasten der Verbraucherinnen und Verbraucher deutlich gestiegen, während die Landwirtschaft oft den Weltmarktrisiken ausgesetzt ist."
Auf diesem Weltmarkt müssen sich die deutschen Landwirte demnächst auch unter den Bedingungen des neuen Mercosur-Abkommens behaupten. Nach quälenden, langjährigen Verhandlungen hatten sich die Botschafter der 27 EU-Mitgliedstaaten zu Jahresbeginn mehrheitlich für das Freihandelsabkommen mit Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay verständigt.
Kern des Abkommens: Der Wegfall von Zöllen. Die EU hofft auf mehr Exporte von Autos und chemischen Produkten, die südamerikanischen Staaten wollen mehr landwirtschaftliche Produkte liefern. Das macht den deutschen Landwirten zusätzliche Sorgen.
Grüne sind trotz aller Kritik für Mercosur
Denn viele Experten fürchten, dass die hohen EU-Standards bei Umwelt- und Tierschutzauflagen durch das Abkommen unterlaufen werden könnten. Grünen-Politikerin Haßelmann teilt die Sorge, ist aber dennoch für den Mercosur-Vertrag, dem das EU-Parlament noch zustimmen muss.
In Zeiten von zunehmendem Nationalismus sei ein solches Abkomme vieler Staaten an sich schon ein Wert, argumentiert sie: "Es ist für Europa, auch für Deutschland, relevant, das zu tun. Um deutlich zu machen, dass wir in der Lage sind, faire Handelsabkommen als Europäer mit anderen Staaten auf den Weg zu bringen."
SPD schlägt einen "Lebensmittelkorb" vor
Die Sozialdemokraten haben den Vorschlag gemacht, die wichtigsten Grundnahrungsmittel in einem "Lebensmittelkorb" in den Supermärkten verbilligt anzubieten, um den hohen Preissteigerungen entgegenzuwirken. Der Vorsitzende der "Tafel Deutschland", Andreas Stepphuhn, hält davon wenig: "Wenn man die soziale Situation hierzulande ändern will, muss man die Einkommenssituation der Menschen ändern."
Die Politik müsse sich stärker mit der wachsenden Armut beschäftigen, sagte Stepphuhn der "Katholischen Nachrichtenagentur" (KNA). Die Tafel betreibt in Deutschland rund 970 Einrichtungen mit nach eigenen Angaben rund 1,5 Millionen Kunden.
Bei aller Kritik an den Supermärkten und deren Konzentration, an den hohen Preisen und bei aller Sorge um die vielen kleinen Landwirte: Der Fraktionschef der konservativen Regierungs-Parteien CDU und CSU im Bundestag, Jens Spahn, gibt sich optimistisch: "Die Deutschen kriegen die besten Lebensmittel der Menschheitsgeschichte von den best-ausgebildeten Landwirten in der Menschheitsgeschichte - zu in der Menschheitsgeschichte relativ günstigen Preisen." Die Grüne Woche in Berlin öffnet am Freitag und dauert bis zum 25. Januar.