Grönland zwischen USA und NATO: Misstrauen in Nuuk
24. Januar 2026
Vor dem US-Konsulat in Nuuk ist heute business as usual. Noch vor wenigen Tagen hatten hier wütende Grönländer Flaggen geschwenkt und gegen die Pläne von US-Präsident Donald Trump zur Übernahme der Insel protestiert. Seit der Ankündigung eines "Deals" zur Zukunft der arktischen Insel am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos stehen die Zeichen in Nuuk wieder stärker auf Entspannung, berichtet die Menschenrechtsaktivistin Najannguaq Christensen der DW.
Erleichterung, aber auch Unsicherheit: "Ich weiß gar nicht so recht, ob das überhaupt ein Deal ist … aus unserer Sicht ist das einfach typisch Trump." Bislang, so empfindet es die in Nuuk lebende Christensen, gebe es zwar große Ankündigungen, aber wenig Greifbares. Und das Gefühl, dass wieder über Grönland gesprochen wird, ohne Grönland wirklich einzubeziehen.
Beginn eines Verhandlungsmarathons
Das soll sich nun aber ändern. Am Freitagnachmittag ist Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen nach Grönland gereist, "um der grönländischen Bevölkerung unsere starke Unterstützung aus Dänemark zu zeigen. Es war eine sehr, sehr schwierige Zeit." Frederiksen will mit der Regierung der teilautonomen Insel über die nächsten Schritte beraten.
Premierminister Jens-Frederik Nielsen ist froh, dass die Drohungen einer US-amerikanischen Militärintervention zunächst vom Tisch sind. Aber er hat in den vergangenen Tagen immer wieder klargestellt, dass niemand das Mandat habe, Abkommen über Grönland auszuhandeln, ohne dass die grönländische Regierung beteiligt ist.
Das sieht die dänische Regierungschefin ähnlich, betonte aber nach einem Treffen mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte am Freitag, dass Verteidigung und Sicherheit in der Arktis eine Angelegenheit der gesamten NATO seien. Kopenhagen kündigte an, die Gespräche mit den USA würden "zügig" starten.
Was steht im "Grönland-Deal"?
In Grönland, sagt die Aktivistin Christensen, warten die Menschen nun auf Details, was sich in Zukunft verändern soll. Denn noch gibt es kein klares, öffentlich einsehbares Dokument, sondern unterschiedliche Lesarten der in Davos angekündigten Rahmenvereinbarung. Nach US-amerikanischer Darstellung haben sich die Parteien auf eine dauerhafte Absicherung amerikanischer Interessen in der Arktis verständigt. Dabei gehe es um militärische, strategische und wirtschaftliche Fragen. NATO-Generalsekretär Mark Rutte spricht hingegen vor allem von einer Sicherheitskooperation - nicht von einem Verzicht Dänemarks oder Grönlands auf eigene Rechte.
Absehbar ist, dass das derzeit gültige Abkommen über die Stationierung von US-Streitkräften auf Grönland aus dem Jahr 1951 angepasst werden soll. Diese Vereinbarung erlaubt den USA, Grönland militärisch zu nutzen und Verteidigungsanlagen zu betreiben - im Rahmen der gemeinsamen Verteidigung. Anders als im Kalten Krieg, als die USA zeitweise an über 20 Standorten aktiv waren, steht heute mit der US-Weltraumbasis Pituffik nur noch ein zentraler Stützpunkt zur Verfügung. Das könnte sich in Zukunft jedoch wieder ändern.
Trumps "Golden Dome"
Grönland könnte künftig auch noch stärker zum Schlüsselpunkt für amerikanische Frühwarn- und Abfangsysteme werden. Trump hat Grönland wiederholt als entscheidend für sein geplantes Raketenabwehrsystem "Golden Dome" bezeichnet. Ob und wie die Insel tatsächlich einbezogen würde, bleibt bislang allerdings unklar.
Militärisch ist Grönland für die USA auch wegen seiner Lage an der sogenannten GIUK-Lücke von Bedeutung. Wer das Nadelöhr zwischen Grönland, Island und dem Vereinigten Königreich (UK) kontrolliert, kann den Zugang vom Nordmeer in den Atlantik beeinflussen. In einer Zeit wachsender Spannungen mit Russland bekommt diese geopolitische Lage wieder mehr Gewicht.
Wirtschaftliche Interessen
Trump denkt dabei neben sicherheitspolitischen Fragen auch wirtschaftlich. Grönland verfügt über Mineralien, die für die Rüstungs- und Hightechindustrie wichtig sind. Die USA wollen verhindern, dass China hier Einfluss gewinnt. Für Nuuk ist das heikel: Seit Beginn der erweiterten Selbstverwaltung im Jahr 2009 kontrolliert Grönland seine Bodenschätze selbst. Exklusive Zugriffe oder Sonderrechte für die USA würden wie ein Eingriff in die eigene Souveränität wirken.
Der Konflikt um Grönland steht jedoch nicht nur für Trumps Politikstil, sondern ist auch Ausdruck einer größeren Verschiebung. Der Klimawandel öffnet Routen und macht Ressourcen in der Arktis leichter zugänglich. Das zwingt die Großmächte, ihre Strategien zu überprüfen.
Deeskalation, aber keine Entwarnung
Grönland, so sieht es die Aktivistin Christensen, sei bereit für eine Kooperation mit den USA bei den Themen Sicherheit, Verteidigung und Investitionen - aber nicht für eine Übernahme. Nach der Davos-Ankündigung seien viele Grönländer erleichtert, dass eine militärische Eskalation zunächst vom Tisch sei.
Auch wenn US-Präsident Trump von einer Vereinbarung für die Ewigkeit sprach, zeigt die Erfahrungen der vergangenen Monate, dass die Tonlage aus Washington jederzeit wieder kippen kann. Christensen spürt aktuell eine große Unsicherheit auf der Insel.
Endziel Unabhängigkeit
Die politische Lage der 56.000-Einwohner-Insel ist kompliziert: Regierungs- und Oppositionsparteien verfolgen langfristig das Ziel der Unabhängigkeit der Insel. Doch die Krise hat die Dringlichkeit dieser Forderung relativiert. Vor der Eskalation befand sich Grönland laut Christensen in einer "dekolonialen Phase", in der Themen wie Gerechtigkeit, Aufarbeitung und mehr Selbstbestimmung in den Vordergrund gerückt seien. Dies habe sich geändert. Die Unabhängigkeit werde mittlerweile als sehr langfristiges Projekt gesehen.
In der aktuellen Weltlage wächst das Bedürfnis nach Schutz. Eigene Streitkräfte besitzt Grönland nicht.
Genau darin liegt die Sorge vieler Inselbewohner: Dass sie am Ende nicht als gleichberechtigter Partner am Tisch sitzen, sondern wieder zum Objekt strategischer Interessen werden. "Wir wurden schon einmal kolonisiert, wir wollen das nicht zum zweiten Mal erleben", sagt die Menschenrechtsaktivistin Christensen.