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Gewalt in deutschen Zügen nimmt zu

9. Juli 2026

Das Urteil im Prozess um einen getöteten Zugbegleiter wirft ein Schlaglicht auf die zunehmende Aggression gegen Bahnmitarbeitende. Woher kommt sie? Und was kann man dagegen tun?

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Blumen und Kerzen vor einem Zug im Bahnhof
Blumen und Kerzen im Gedenken an den getöteten Bahnmitarbeiter im Februar in LandstuhlBild: Boris Roessler/dpa/picture alliance

Fünf Monate nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter hat das Landgericht Zweibrücken den Angeklagten wegen Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig befunden und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. 

Eine Fahrscheinkontrolle in einem Regionalzug in Rheinland-Pfalz im Februar endete für den 36 Jahre alten Zugschaffner Serkan Calar tödlich. Der 24 Jahre alte Angeklagte hatte bei der Kontrolle weder einen Fahrschein, noch wollte er sich ausweisen. Als Calar ihn aufforderte, den Zug zu verlassen und ihn dabei leicht berührte, schlug der Angeklagte Calar so heftig mit den Fäusten gegen den Kopf, dass der Schaffner zwei Tage später im Krankenhaus an einer Hirnblutung starb. Die Aufnahme der Überwachungskamera aus dem Zug wurde bei dem Prozess gezeigt.

Drei Männer halten Bilder des Getöteten
Erdal Calar (l.), Vater des Getöteten, und zwei seiner Söhne vor dem Landgericht Zweibrücken: Die Familie hatte eine höhere Strafe gefordertBild: Boris Roessler/dpa/picture alliance

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Familie des Opfers hält den Schuldspruch für zu gering und will ihn vom Bundesgerichtshof prüfen lassen. Ihr Anwalt Yalcin Tekinoglu sagte, der Familie gehe es nicht allein um ein höheres Strafmaß. Vielmehr müsse von dem Urteil ein klares Signal gegen die zunehmende Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Nahverkehr ausgehen.

Deutlich mehr Aggression in der Bahn nur einem Jahr

Ein Angehöriger der Bundespolizei hatte im Prozess ausgesagt, dass der Angeklagte am selben Tag bereits aus dem Hochgeschwindigkeitszug von Paris nach Frankfurt am Main in Kaiserslautern des Zuges verwiesen worden war. Grund sei "verbal-aggressives Verhalten" gewesen. "Es war für uns eine Allerweltsmeldung", sagte der Beamte. Die Bundespolizei ist unter anderem für die Sicherheit der Bahn zuständig.

Den Eindruck einer "Allerweltsmeldung" bestätigen auch neue Zahlen des Bundesinnenministeriums. Danach sind Bedrohungen und Angriffe gegen Bahnmitarbeitende und Personal der Bundespolizei in Deutschland an der Tagesordnung. Allein in den ersten fünf Monaten des Jahres seien 1630 Beschäftigte der Bahn und 4672 Beamtinnen und Beamte der Bundespolizei Opfer von Straftaten geworden. Im vergangenen Jahr wurden im Schnitt jeden Tag fünf körperliche Angriffe auf Bahnbeschäftigte registriert. Rechnerisch waren es dieses Jahr schon acht pro Tag.

Aggression als Spiegel der Gesellschaft

Woher kommt die Aggression gerade in der Bahn? Leon Walter, Gewaltforscher an der Universität Bielefeld, sagt der DW: "Diese Trends stimmen mit dem überein, was Menschen im Gesundheitswesen, bei der Feuerwehr oder der Polizei sagen: Sie alle berichten von mehr Feindseligkeit." Es sei ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das mit großer Anspannung vieler Menschen im Alltag zu tun habe. Gewalt sei für manche "ein letzter Ausweg".

Deutschland Hamburg 2026 | Zugbegleiter kontrolliert Fahrgast im Regionalexpress RB81
Vor allem bei der Fahrkartenkontrolle kommt es in letzter Zeit immer häufiger zu Bedrohungen und sogar AngriffenBild: Marcus Brandt/dpa/picture alliance

Dazu kommt der abgeschlossene Raum eines Zuges: Der kann nach Einschätzung von Leon Walter bei einer Ticketkontrolle "ein perfekter Sturm" sein: Manche Menschen, die ohnehin zu aggressivem Verhalten neigen und ohne gültigen Fahrausweis in eine Kontrolle geraten, können dann nicht weglaufen, "nicht aus der Situation fliehen". In seltenen Fällen könne es dann zu Gewalt kommen.

Zugschaffner bekämen auch oft den Ärger von Fahrgästen über die zunehmenden Verspätungen bei der Deutschen Bahn zu spüren: "Die Bahnmitarbeiter sind dann einfach das am leichtesten zugängliche Ziel."

Mehr Bodycams in Zügen

Die Deutsche Bahn hat inzwischen durch aggressives Verhalten von Fahrgästen zunehmend Probleme, Zugpersonal zu finden, sagt Leon Walter. "Viele überlegen, ob sie sich einen anderen Job suchen sollen. Gewalt im Beruf ist da ein wichtiger Faktor. Viele dieser Beschäftigten vermissen auch die nötige Unterstützung, wie sie mit solchen Situationen umgehen können."

Eine Konsequenz aus dem tödlichen Vorfall hat Evelyn Palla, die Chefin der Deutschen Bahn, schon gezogen. Beschäftigte mit Kundenkontakt können mit einer Kamera an der Dienstkleidung ausgestattet werden - freiwillig. Das war bisher nur im Regionalverkehr der Fall, wurde jetzt aber auch auf den Fernverkehr ausgeweitet. Bei Beschäftigten in der Zugbegleitung, in Bordrestaurants und den sogenannten DB Lounges in den Bahnhöfen.

Damit sollen die Mitarbeitenden Übergriffe durch Fahrgäste besser dokumentieren können. Sogenannte Bodycams "haben eine präventive Wirkung und dienen der Abwehr und Reduktion von Gewalttaten sowie der Beweissicherung", heißt es bei der Bahn.

Zugbegleiter mit Bodycam
Von Bodycams erhofft sich die Bahn mehr Sicherheit für ihr PersonalBild: Marcus Brandt/dpa/picture alliance

Christian Deckert, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, bemängelte nach dem Urteilsspruch von Zweibrücken, dass die Aufnahmen tonlos sind: "Wenn man sich so ein Video ohne Ton anguckt, weiß man gegebenenfalls gar nicht, was der eigentliche Auslöser war und wie der gesamte Vorfall tatsächlich abgelaufen ist. Deswegen muss hier gehandelt werden, hier muss eine Tonaufzeichnung her, damit auch die Gerichte entsprechend urteilen können."

Bodycams sind eine Maßnahme von mehreren im sogenannten Aktionsplan für mehr Sicherheit auf der Schiene. Weitere sind die Einstellung von 200 zusätzlichen Sicherheitskräften sowie die Weiterentwicklung eines sogenannten Hilferufknopfs, mit dem die Mitarbeitende in Gefahrensituationen schon jetzt unauffällig die Leitstelle informieren können.

"Niemals einen Fahrgast berühren"

Der Gewaltforscher Leon Walter setzt unterdessen vor allem auf eine Schulung des Zugpersonals. Am wichtigsten sei das Verhalten von Zugbegleiterinnen und Zugbegleitern in einer Konfliktsituation. Besonders wichtig: "Ein Fahrgast sollte niemals berührt oder festgehalten werden."

Die Bahn-Beschäftigten müssten außerdem die Option haben, eine Fahrkartenkontrolle abzulehnen, wenn sie den Eindruck hätten, dass die Dinge außer Kontrolle geraten könnten. "Unsere Untersuchungen zeigen, dass viele glauben, sie müssten das ohne Rücksicht auf Konsequenzen durchziehen."

Hier seien die Arbeitgebenden und der Gesetzgeber gefordert, sagt Walter : "Die Bahngesellschaften und die Bundesregierung sollten Regularien schaffen, die klarstellen, dass Sicherheit immer Vorrang hat."

 

Christoph Hasselbach
Christoph Hasselbach Autor, Auslandskorrespondent und Kommentator für internationale Politik
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