Geschlechtskrankheiten - Ist MG ein neuer Superbug? | Wissen & Umwelt | DW | 14.07.2018
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Medizin

Geschlechtskrankheiten - Ist MG ein neuer Superbug?

HIV, Syphilis und Tripper sind sexuell übertragbar - aber das ist Mycoplasma Genitalium (MG) auch. "Wir müssen diesen Erreger sehr ernst nehmen, und wir müssen dringend handeln", sagt Norbert Brockmeyer im DW-Interview.

Syphilis Erreger (picture-alliance/dpa/PD Dr. Annette Moter/Charite-Universitätsmedizin Berlin)

Syphilis gehört zu den bekannten Geschlechtskrankheiten

DW:Herr Professor Brockmeyer, MG ist eine Geschlechtskrankheit, über die die meisten von uns bislang kaum etwas wissen. Was ist kennzeichnend für diese Erkrankung?

Norbert Brockmeyer: MG ist ein kleines Bakterium, das Mykoplasma genitalium. Es ist am ehesten vergleichbar mit Chlamydien. Die meisten dieser Infektionen verlaufen ohne wirkliche klinische Symptome. Es kann aber auch zu einem leicht wässrigen Ausfluss führen oder zu Brennen in der Harnröhre, zu Juckreiz. Es können auch Rötungen auftreten zum Beispiel im Mund-Rachenbereich.

Wie ist der Übertragungsweg?

Es muss nicht immer Geschlechtsverkehr sein, auch einfache, sexuelle Kontakte anderer Art sind ausreichend für eine Infektion. Dazu gehört auch Küssen. Für MG gibt es sehr viele verschiedene Übertragungswege. Wir finden den Erreger bei bis zu 20 Prozent bei Menschen, die auch andere, sexuell übertragbare Infektionen haben oder bei denen ein Risiko besteht, sexuell übertragbare Infektionen zu bekommen. Vor allem bei Männern, die Sex mit anderen Männern haben, hat die Verbreitung zugenommen.

Deutschland Norbert Brockmeyer Leiter des Zentrums für Sexuelle Gesundheit und Medizin in Bochum (picture-alliance/dpa/Katholisches Klinikum Bochum)

Professor Brockmeyer warnt vor der Geschlechtskrankheit MG

Warum taucht MG jetzt auf?

Wir haben diese Erkrankung bislang recht stiefmütterlich behandelt. Wir haben sie nicht diagnostiziert und nicht behandelt, weil sie selten war und weil sie selten gravierende Symptome aufweist. Jetzt haben wir eine hohe Resistenzrate. Die Bakterien reagieren nur noch auf wenige Antibiotika. Deswegen müssen wir uns unbedingt darum kümmern. Hier müssen wir Ärzte gemeinsam mit den Patienten eine Strategie entwickeln. Daran arbeitet die Gesellschaft für sexuelle Gesundheit (DSTIG).

Müssen wir uns denn Sorgen machen?

Das Problem ist, dass diese Infektionen über lange Zeit bestehen bleiben können. Auch danach wissen wir nicht genau, welche Spätfolgen es geben kann. Bei Chlamydien wissen wir, dass die Infektion zu Unfruchtbarkeit führen kann. Das ist sicherlich auch bei Mykoplasma möglich. Chlamydien können zudem Tumore induzieren. Wir haben es mit einem Erreger zu tun, der durchaus ernst zu nehmen ist und den wir diagnostizieren und dann einmalig und richtig behandeln müssen, damit wir die Chance nutzen, ihn direkt zu eliminieren.

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Könnten Infektionen mit MG zu einer Epidemie werden?

Wir haben eindeutig ein Problem mit den Resistenzen, und hier haben wir jetzt einen Super-Bug, einen Erreger, der quasi durch nichts mehr behandelbar ist. Diese Probleme sind bei MG schon jetzt wesentlich größer als bei Gonorrhö, zum Beispiel. Damit besteht das Risiko einer Epidemie. 

Was beunruhigt Sie am meisten?

Die hohen Resistenzraten und dass diese resistenten Erreger sich weiter verbreiten. Das Risiko, sich bei einem Partner mit MG-Infektion zu infizieren liegt bei 60 Prozent. Die Behandlung wird dann schwierig. Zum Teil benötigen wir schon Antibiotika, die in Deutschland gar nicht erhältlich sind. Sie müssen über eine Auslandsapotheke eingeführt werden. Die Krankenkassen müssen die Kostenübernahme genehmigen. Auch das ist ein Problem, das wir angehen müssen.

Was ist der beste Schutz?

Der beste Schutz ist nach wie vor das Kondom, auch für die Frau, oder Lecktücher. Wenn man weiß, dass man diesen Erreger hat, sollte man auf jeden Fall den Partner oder die Partnerin informieren. Sie können dann ebenfalls behandelt und therapiert werden. Nur so kann die Weiterverbreitung verringert werden, und das um etwa 50 Prozent. Nur wenn wir den Partner oder die Partnerin benachrichtigen, können wir Infektionsraten durchbrechen. Wir praktizieren das in Deutschland noch viel zu selten. Die Vorstellung, wenn es keine Symptome gibt, muss auch nicht behandelt werden, ist ein Trugschluss.

Professor Norbert Brockmeyer leitet das Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin in Bochum und ist Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft.

Das Interview führte Gudrun Heise.

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