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Georg Stefan Troller zum 100. Geburtstag

Christine Lehnen
9. Dezember 2021

Er entkam den Nazis, befreite als US-Soldat das KZ-Dachau, stahl Souvenirs aus Adolf Hitlers Wohnung und ging dann nach Paris. Ein Jahrhundertzeuge.

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Erstaunlich aufrecht, nur leicht gebeugt, betrat Georg Stefan Troller im letzten Jahr den lang gestreckten Raum im Kölner Literaturhaus. Rosagestreiftes Hemd, farbenfrohes Sakko, die Frisur leicht verwegen. Er war an diesem Februarabend 2020, kurz vor dem Corona-Lockdown, zur Lesung aus seinen Büchern gekommen: Biografisches, Anekdoten aus seiner Zeit in Paris, historische Begebenheiten, die er 1945 als jüdischer Emigrant und US-Soldat im zerstörten Deutschland erlebt hat. Das beschäftigt ihn bis heute.

Mit wachem Blick schaute er sich von dem erhöhten Podest interessiert die Zuhörerschaft an. Typischer Reporterblick: Wen habe ich da vor mir? Dabei hatte er es einem Zufall zu verdanken, dass er Journalist wurde, wie er später am Abend erzählte.

Trollers Kindheit im jüdischen Wien

Geboren wird Georg Stefan Troller am 10. Dezember 1921 in Wien, als Sohn einer Pelzhändler-Familie. Er hat es nicht leicht als jüdischer Junge, er wird auf der Straße gehänselt und von Schulkameraden verspottet. "Mit so was musste man leben. Und unter den Nazis wurde das noch härter", berichtet er. 

Österreich Café Sacher in der Nacht.
Das berühmte Wiener Café Sacher bei Nacht: Treffpunkt der Bohème (Foto um 1930)Bild: picture-alliance/IMAGNO/Austrian Archives

Bildung ist die Antwort. Sein Vater ringt ihm die Lektüre sämtlicher Klassiker ab. Den Faust-Monolog könne er bis heute auswendig, sagt er. Mit 16 leiht er sich eine alte Schreibmaschine und haut eigene Gedichte und Gedanken in die Tasten: "Georg Stefan Trollers Gesammelte Werke" steht auf dem Deckblatt.

Wenig später beginnt seine Emigranten-Odyssee. 1938 kann er aus dem okkupierten Wien vor den Nazis fliehen: "Nachts mit einem Schmuggler über die Grenze und von da an alles nur noch illegal, ohne Papiere." Tschechoslowakei, Frankreich sind die Stationen. In Marseille kann er sich mit viel Glück ein Visum in die USA besorgen. 1941 kommt Georg Stefan Troller im gelobten Land Amerika an. 

Rückkehr nach Europa als US-Soldat

1943 wird er von der US-Army zum Kriegsdienst eingezogen. Beim Vormarsch der alliierten Truppen durch das besetzte Frankreich und Nazi-Deutschland leistet er den Amerikanern mit seinen Deutschkenntnissen wertvolle Dienste. Er kennt die Mentalität der Mitläufer und Nazi-Täter und wird deshalb bei der Vernehmung von deutschen Kriegsgefangenen eingesetzt. 

Zweiter Weltkrieg, US-Truppen patrouillieren mit Jeeps durch die Innenstadt von München 1945.
Soldaten der US-Army inspizieren im Mai 1945 die Straßen von MünchenBild: picture-alliance/dpa

Als emigriertem Wiener Juden kann ihm keiner was vormachen. "Das Wort Befreiung habe ich nie gehört damals", berichtet Troller in vielen Interviews. "So was wie Freiheit und Demokratie, das war ja überhaupt nicht im Gedankenschatz der Deutschen vorgesehen. Unser Kriegsmaterial haben sie alle bewundert, die Jeeps, die Walkie-Talkies. Kein Wunder, dass ihr den Krieg gewonnen habt, mit dem Material, bekam ich zu hören", erzählt er 2005 in einem TV-Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk. 

Ende April 1945 rücken die US-amerikanischen Truppen bis München vor. Der Versuch in den kriegszerstörten Städten eine öffentliche Ordnung herzustellen, sei bei den besiegten Deutschen nicht auf Gegenliebe gestoßen, berichtet Troller: "Die standen da herum um die Bretterzäune und Plakatsäulen, wo die ersten Anordnungen der Militärregierung klebten und wussten eigentlich nicht, wie ihnen geschah."

Troller inspizierte Hitlers Wohnung

Bei der Durchsuchung der Privatwohnung von Adolf Hitler und Eva Braun lässt der junge GI kleine "Nazi-Souvenirs" mitgehen. Sein Vater, dem er das in die USA schickt, ist entsetzt.

Am 1. Mai 1945 fährt US-Soldat Troller mit dem Jeep in das von US-Truppen befreite Konzentrationslager Dachau. Er soll dort gefangene SS-Leute verhören. Nur mit dem distanzierten Blick durch die Kamera kann er den grauenhaften Anblick der vielen verhungerten, ermordeten Häftlinge ertragen - eine erschütternde Erfahrung für ihn, die ihn sein Leben lang beschäftigt.

Nach einem kurzen Intermezzo bei Radio München landet Georg Stefan Troller als Reporter bei der "Neuen Zeitung". Aber in München hält ihn nichts, er will zurück nach Wien, seine Heimatstadt. "Ich bin damals alle Straßen abmarschiert, die ich kannte, tagelang, nächtelang, um mein Heimweh zu stillen. Aber schließlich fand ich für mich diesen Satz: Eine Heimat kann man sowenig wiederfinden wie eine Kindheit."

Er geht zurück in die USA, studiert Theaterwissenschaften - und landet dank eines Stipendiums 1950 in Paris. Die Universität Sorbonne, die quicklebendige Stadt an der Seine, der Esprit der französischen Frauen - all das ist eine neue Welt für ihn.

Troller führte legendäre Promi-Interviews

Er entwickelt sich zum Flaneur, zum feinsinnigen Beobachter der Lebenskunst der Franzosen. "Paris hat mir die Augen geöffnet und unendlich viel beigebracht. Es war ein Großstadtleben gegenüber der kleinstädtischen Beschränktheit, die man in Deutschland überall fand", erzählt er in seinen Lebenserinnerungen ("Selbstbeschreibungen", 2009).

Georg Stefan Troller sitzt neben einem anderen Mann auf einem Sofa. Vor ihm liegt ein Mikrophon.
Journalist und Autor Georg Stefan Troller in seinen frühen Pariser Jahren (1961)Bild: picture-alliance/United Archives/S. Pilz

In Paris findet Georg Stefan Troller Anfang der 1960er-Jahre auch seine Berufung als Fernseh-Reporter. Für den Westdeutschen Rundfunk in Köln produziert er dort neun Jahre lang als Kulturkorrespondent die Sendung "Pariser Journal", einfühlsame Milieustudien und Menschenporträts, die ein Paris zeigen, was man in Deutschland bis dato nicht kannte.

1971 wirbt ihn das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) ab, eine Weichenstellung für sein Leben. 22 Jahre lang wird er in den 70 Folgen seines legendären Interview-Formats "Personenbeschreibung" Fernsehgeschichte schreiben - stilbildend, frech und mit unkonventionellen Fragen. Stars wie Marlon Brando, Brigitte Bardot, Alain Delon, Woody Allen, Kirk Douglas, Romy Schneider oder Box-Legende Muhammed Ali stehen ihm Rede und Antwort.

Kamera ist eine Art Schutzschild

"Journalist zu sein, war für mich ein Mittel der Selbstheilung und Lebensrettung", erinnert sich Troller. "Meine Seele als jüdischer Emigrant, der dem Holocaust entkommen war und der 19 Angehörige verloren hatte, war verletzt", sagte er in einem Interview mit dem DJV-Journal 2017. "Ich nenne meinen Job heute: Gesundung durch andere." Ein gutes Interview sei für ihn fast wie ein Beichte, fügt er hinzu.

Romy Schneider verschränkt die Arme und schaut in die Kamera.
Auch Schauspielerin Romy Schneider wurde von Troller für das deutsche Fernsehen in Paris interviewtBild: picture-alliance/Sven Simon

Fernsehfilme, Dokumentationen, Bücher, Fotobildbände und Essays für Zeitschriften kommen später dazu. Jedes Manuskript tippt Troller auf seiner alten Hermes-Schreibmaschine. "Ich habe keinen Computer und kein Internet", erzählt er lachend während der Lesung in Köln. "Meine Manuskripte faxe oder schicke ich meinem Verleger per Post. Anmerkungen mache ich mit einem vierfarbigen Kugelschreiber."

Seine zahlreichen Fernseh- und Grimme-Preise sowie Ehren-Urkunden hat nach seiner Pensionierung aus Versehen eine Putzfrau im Studio Paris entsorgt. Darüber kann er nur lachen. Sein größter Stolz ist etwas anderes: "Ich habe sozusagen in meinem Alter eine neue Karriere angefangen, nämlich als Fotograf." Die Fotografien aus seiner frühen Pariser Zeit werden mittlerweile in Ausstellungen ("Die Erfindung von Paris") gezeigt und auf Auktionen verkauft.

Eine Frau betrachtet an der Wand aufgehängte Schwarzweiß-Fotografien.
Foto-Ausstellung mit SW-Fotografien von Troller im Literaturmuseum in Marbach (2018)Bild: picture alliance/dpa/R. Böhm

Zumal sich die Preise immer weiter anhäufen. Im Jahr 2021 erhielt er den Ehrenpreis für das Lebenswerk beim Deutschen Dokumentarfilmpreis, das Bundesverdienstkreuz und die Ehrung durch den Staat Österreich hat er schon lange, eine Oscarnominierung versteht sich da beinahe von selbst. Im September 2021 nimmt der 99-Jährige digital, ganz Pandemie-konform, am Internationalen Literaturfestival Berlin teil, auch in Wien steht er im November wieder auf der Bühne.

"Meine ersten 100 Jahre"

Dreißig Minuten lang erzählt er für das Internationale Literaturfestival Berlin vor der Kamera von seinem Leben und Schreiben. "Man wird fauler", sagt er zwar, schreiben tue er aber immer noch - nur die langen Nächte seien vorbei: "Ich war ein Nachtschreiber, ich habe bis in die Morgenstunden hinein geschrieben, das fand ich romantisch", sagt er mit einem schalkhaften Augenzwinkern. "Das Gegenteil ist jetzt der Fall. Ich bin ein Nachmittagsschreiber geworden".

Premiere | Auslegung der Wirklichkeit | Georg Stefan Troller
Reist noch immer: Bei der Österreich-Premiere des Dokumentarfilms "Auslegung der Wirklichkeit" trat der damals noch 99-jährige Troller am 5. November 2021 in Wien auf.Bild: Georg Hochmuth/APA/picture alliance

Kein Wunder, dass Troller selbst das Thema vieler Dokumentationen geworden ist. Im Jahr seines 100. Geburtstag veröffentlichte die österreichische Regisseurin Ruth Rieser einen abendfüllenden Dokumentationsfilm über ihn, der unter dem Titel "Auslegung der Wirklichkeit - Georg Stefan Troller" beim DOK.fest 2021 in München Premiere feierte.

Davon wusste Georg Stefan Troller im Februar 2020 im Literaturhaus Köln, kurz vor dem ersten Corona-Lockdown, noch nichts. Es hätte ihn wohl auch nicht gekümmert - denn am allermeisten freute er sich damals über den Titel seines neuesten Buches: "Liebe, Lust und Abenteuer - 97 Begegnungen meines Lebens", 2019 erschienen. "Das war mein Leben", sagt er mit Nachdruck und Wiener Charme. Und seine Augen blitzten verschmitzt in diesem Moment. Inzwischen hat er schon ein neues Buch vorgelegt: "Meine ersten 100 Jahre" heißt es. An diesem 10. Dezember wird der Weltbürger Georg Stefan Troller 100 Jahre alt. Gratulation!