Generation Corona: Karriereknick oder Chance? | Deutschland | DW | 07.12.2020
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COVID-19

Generation Corona: Karriereknick oder Chance?

Patricia und Mathilde wollten im Ausland arbeiten, Christian an Musikwettbewerben teilnehmen. Corona durchkreuzte ihre Pläne. Wie gehen sie damit um?

Patricia Paule: Durch Corona bekam ich Schub, den ich brauchte. Foto, als Reisen noch unbeschwert war: Patricia am Am Cap de Santa Maria, Portugal im Mai 2019

Patricia Paule: "Durch Corona bekam ich den Schub, den ich brauchte"

Der Nachwuchspianist Christian Gassenmeier (19) hatte 2020 viel vor: im Mai und Juni bei drei Musikwettbewerben mitspielen, im Juli für einen Meisterkurs nach Litauen fliegen - und dann noch zwei Meisterkurse in Italien. All das, aber auch viele Konzerte, die von seiner Hochschule für Musik in Detmold geplant waren: wegen der Corona-Pandemie ausgefallen. "Das sind die Dinge, die mir am meisten wehgetan haben", sagt Christian im Video-Chat mit der DW.

Nur noch einen Meisterkurs in Italien konnte er im September abschließen. Auch sonst war wenig normal für ihn in diesem Jahr mit den Corona-Lockdowns, berichtet er. Früher übte Christian intensiv an seiner Hochschule. Doch nun musste er am eigenen Klavier spielen - keine ideale Option: "Beim Üben war ich zu Hause zu uneffektiv". Für einen angehenden Berufsmusiker spielte er zu wenig - nie über vier Stunden täglich. Die Ziele waren weggefallen, die Motivation angekratzt. Christian sagt, er sei manchmal "sehr faul" gewesen.

Für Nachwuchspianisten Christian Gassenmeier war's ein schwieriges Jahr: keine Konzerte, keine Musikwettbewerbe. Auf dem Bild: Porträt von Christian Gassenmeier

Für Nachwuchspianist Christian Gassenmeier bedeutet die Corona-Krise: keine Konzerte, keine Musikwettbewerbe

Er fand den Weg aus der persönlichen Krise, indem er neue Musikstücke dazulernte und Grundtechniken seines Klavierspiels verbesserte. Er träumt jetzt von neuen Herausforderungen, dadurch könne er wieder konzentriert üben.

"Okay, jetzt ist Corona-Zeit, man muss sich etwas suchen"

Mathilde de Maizière (19) reiste nach ihrem Abitur im August 2019 nach Peru, um dort ein Jahr einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst zu machen. Es war schon immer ihr großer Traum, im Ausland zu leben: "Ich wollte die Sprache sprechen, eine andere Kultur erleben". Sie betont: "kein Work and Travel, nicht als Touri rumreisen".

In der peruanischen Hauptstadt Lima half Mathilde an einer Grundschule und in einer Kita. Keine komplizierten Aufgaben, sagt sie: mit Kindern zusammen sein, ihnen die Natur ein wenig näherbringen. In Lima gebe es nicht so viele grüne Flächen. Zusammen mit den Kindern habe sie Gemüse im Schulgarten angebaut. Ein Junge habe sich über eine Salatpflanze gewundert: "Wie, zum Essen? Für ihn war das unvorstellbar - Salat kauft man doch auf dem Markt!"

Mathilde de Maizière studiert an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Auf dem Bild: Mathilde de Maizière

Mathilde de Maizière wollte immer ins Ausland. Seit der Pandemie aber gilt: "Das Projekt Universität zu Ende führen"

Nach nur sieben Monaten musste Mathilde das Freiwilligenprogramm "weltwärts" abbrechen. Die Reise zurück nach Deutschland war lang und kompliziert - ein harter Einschnitt, weil alle Pläne in Peru sich erledigt hatten. "Plötzlich wurde man in Deutschland vor die Aufgabe gestellt: Okay, jetzt ist Corona-Zeit, man muss sich etwas suchen, was man macht."

Kommilitoninnen "nur Namen vor dem Zoom-Hintergrund"

Wie soll man fünf Monate spontan gestalten? Mathilde sagt, sie habe die Zeit einerseits intensiv für sich genutzt: viel mehr Sport gemacht, gebastelt, genäht. Aber auch mehr Kontakt mit Menschen gesucht - sowohl digital, als auch persönlich. Die Corona-Zeit habe ihr eher geholfen als geschadet. Im Sommer bewarb sie sich fürs Studium und studiert jetzt Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin: "In Bezug auf die Uni-Entscheidung war es vorteilhaft, dass ich früher zurückgekommen bin."

Mit dem digitalen Unterricht kommt Mathilde zwar ganz gut klar, sagt sie, aber man müsse sehr strukturiert selbst lernen. "Ich habe keinen einzigen Kurs im Präsenzunterricht." Sie muss lachen: "Meine Universität habe ich noch gar nicht gesehen." Es sei zudem "sehr komisch", dass die Kommilitoninnen für sie nur in Videokonferenzen, "nur als Namen vor dem schwarzen Zoom-Hintergrund oder als Stimmen" existieren: "Von den meisten kenne ich nicht mal ein Gesicht." Mit dem Leben in der Corona-Pandemie habe sie sich trotzdem so gut arrangiert, dass sie sich vorstellen könne, noch ein paar Semester so weiter zu machen.

Der letzte Schub zur Selbständigkeit

Patricia Paule (28) hatte bereits ihr Studium an der Universität TU München erfolgreich abgeschlossen und, wie sie sagt, "sonst auch alles gemacht, um einen perfekten Lebenslauf zu generieren: Praktika gesammelt, Konferenzen besucht, wissenschaftliche Papers veröffentlicht, außeruniversitäres Engagement gezeigt". Parallel hat sie bei einem führenden internationalen Technologiekonzern gearbeitet und Mitarbeiter beraten. Eine steile Karriere, viel Arbeit, Patricia merkte: "Das war es wert, aber mir ging die Energie aus." 

2020 wollte sie auswandern, "in Irland noch ein paar Jahre Berufserfahrung sammeln". Sie hatte schon 2019 Reisen und Arbeiten kombiniert - auf dem Jakobsweg von Portugal nach Spanien, als Auszeit, um sich neu zu orientieren.  

Patricia Paule machte sich 2020 selbstständig als Trainerin, Coach und Consultant für Innovationsmanagement. Auf dem Bild: Patricia Paule

Corona-Krise? "Man ist eingeschränkt, aber ich habe versucht, so gut es geht, die Zeit zu genießen", sagt Patricia Paule

Dieses Jahr wollte sie weiter pilgern, sie war schon in Spanien, besuchte Verwandte. Dann kam der Lockdown in Spanien: "Es wurde ganz schnell ernst." Es folgte eine komplizierte Reise zurück nach München über mehrere Zwischenstopps, weil Flüge ausgebucht waren. "Und in Deutschland angekommen: Was mache ich denn nun? Mein Plan geht nicht auf."

Patricia Paule hatte schon länger überlegt, sich als Trainerin, Coach und Consultant im Innovationsmanagement selbstständig zu machen. "Ich musste mir die Frage stellen: Gehe ich in mein altes Leben und ein Angestelltenverhältnis zurück oder traue ich es mir zu, in die Selbstständigkeit zu gehen - schneller als gedacht?" Das eine fühlte sich falsch an, das andere erforderte Mut und war ein "Sprung ins kalte Wasser". Den Schritt bereut Patricia nicht: "Durch Corona bekam ich den kleinen Schub, den ich brauchte."

Die "Rush Hour" des Lebens  

Trotz der Rückschläge blicken die drei jungen Menschen, mit denen die DW gesprochen hat, versöhnlich auf 2020 zurück. Auf die Frage, ob es ein verlorenes Jahr war, sagen sie unisono: "Auf keinen Fall." 

Happy End also? Für diese drei vielleicht. Aber insgesamt bleibt die Situation für die junge Generation fragil, warnen Sozialforscher. "Dieser historische Einschnitt betrifft Karrieren. Und die jungen Menschen stehen am Anfang ihrer Karrieren. Deswegen trifft es sie besonders", sagt Professor Michael Corsten von der Universität Hildesheim der DW. Er hat den Begriff "Generation Corona" mitgeprägt.

Video ansehen 02:55

Frankreichs Jugend droht die Arbeitslosigkeit

Das bedeute nicht, das junge Leute es unbedingt schwerer haben als andere. Aber es sei ein besonderer Lebensabschnitt, denn zwischen 18 und 30 Jahren stellten viele die Weichen für ihr weiteres Leben: "Sie machen die Schule fertig, ziehen vielleicht zum ersten Mal von zuhause aus, lernen möglicherweise den Partner oder die Partnerin ihres Lebens kennen oder zumindest den ersten Partner, mit dem sie länger zusammenleben. Sie gründen vielleicht eine Familie, sie beginnen zu studieren, sie schließen das Studium ab", fasst Michael Corsten zusammen.

"Manche nennen es die "rush hour of life" - plakativ, aber es drückt aus, dass wichtige biografische Übergangsentscheidungen in hoher Dichte aufeinanderfolgen." Der Sozialwissenschaftler führt aktuell eine Studie zu Auswirkungen der Corona-Pandemie auf junge Menschen durch. Aufgrund seiner Recherche vermutet er, dass viele in der Krise ihre früheren Ideale hinterfragen dürften: "Es kann ein Diskurs entstehen: Wie können wir eigentlich anders leben?"

Experten: Corona-Krise ist auch eine Chance

Die Corona-Pandemie ist eine Denkpause, bestätigt Heike Solga, Soziologie-Professorin an der FU Berlin, im DW-Interview: "Viele werden sagen: Das war mein Wunschberuf, jetzt sehe ich, was mit ihm in der Krise passiert, da frage ich mich, ob ich eine andere Branche und einen anderen Beruf wähle."

Solga analysiert die Trends auf dem Ausbildungsmarkt. Sie beobachtet, dass manche jungen Menschen, die vor der Krise in eine Ausbildung gegangen wären, sich heute "für einen höheren Schulabschluss entscheiden. Nach dem Motto: Wo alles unsicher ist, bleibe ich lieber in dem Kontext, den ich kenne."

Für eine Aussage, ob die Pandemie-Krise der jungen Generation einen nachhaltigen Wettbewerbsnachteil bringt, sei es einfach noch zu früh, sagen beide Experten. Sie sei "eine Herausforderung, aber auch eine Chance".