Gegen Kirchenschwund: Dorf importiert Kapelle | Deutschland | DW | 03.11.2020
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Deutschland

Gegen Kirchenschwund: Dorf importiert Kapelle

Reihenweise werden in Deutschland christliche Gotteshäuser abgerissen. Die Kirchen müssen sich verkleinern. Doch ein Dorf im Harz hält dagegen - unter dem Motto: "Der Wille kann Kirchen versetzen." 

Corona kann sie nicht stoppen. In den nächsten Tagen beginnen im Örtchen Stiege in Sachsen-Anhalt Arbeiter mit Erdarbeiten. Denn Stiege bekommt eine Kapelle. "Das wird etwas Besonderes sein für Stiege und für den gesamten Oberharz", sagt Regina Bierwisch der Deutschen Welle.

Deutschland Verein „Stabkirche Stiege | Regina Bierwisch

Regina Bierwisch (re.) mit einer Mitstreiterin auf einem Weihnachtsmarkt 2019

Die 68-Jährige ist Sprecherin des Vereins "Stabkirche Stiege". Wenn es nach den Plänen der Mitglieder geht, steht im Spätsommer 2021 die Eröffnung der Kapelle an repräsentativer Stelle in der Nähe des kleinen Bahnhofs an: Stiege bekommt eine neues altes Kirchlein.

Moder und Metall

Gut sechs Kilometer südlich steht zwischen heruntergekommenen Ruinen im Wald eine der schönsten Stabkirchen Deutschlands (siehe Titelbild). Stabkirchen sind reine Holzbauten, deren Dach auf Stäben ruht. In Skandinavien sind sie sehr verbreitet, in Deutschland selten. Bei der Stabkirche im Wald von Stiege ist das Dach vermodert, dicke Metallbleche schützen die Fenster vor Vandalismus. Eine grobe Stahltür verwehrt den Eingang. In einem Jahr soll dieser Holzbau im neuen Glanz erstrahlen. Am Bahnhof von Stiege.

Vor 115 Jahren wurde die Stabkirche errichtet, zur Einweihung erschien sogar Prinzregent Albrecht von Preußen. Der Holzbau ergänzte das "Albrechtshaus", eine für damalige Verhältnisse moderne Lungenheilstätte. Ein großer Komplex entlegen im Wald – wer hier lag, sollte seine Lungentuberkulose auskurieren und niemanden anstecken.

Deutschland Stabkirche Stiege

Von der Anlage der einstigen Lungenheilstätte ragen nur Ruinenreste in die Höhe

Vom Kaiserreich bis ans Ende der DDR-Zeit diente der Komplex aus mehrgeschossigen Holzhäusern Lungenkranken, zunächst als Heilstätte, dann in DDR-Zeiten als Fachkrankenhaus und Sanatorium, schließlich von 1991 bis 1993 als Reha-Klinik. Dann war Schluss. Pläne für ein Wellness-Hotel zerschlugen sich nach der Jahrtausendwende. Stattdessen nagte der Zahn der Zeit. Verfall, Verwüstung, ein Großbrand 2013. Das Albrechtshaus ist auch ein trauriges Beispiel für die Abwicklung der DDR.

Denkmal von nationaler Bedeutung

Und das evangelische Kirchlein, dieser Holzbau? - Seit 2011 liefen Sicherungsarbeiten für das Gebäude, das als "Denkmal von nationaler Bedeutung" gilt. Das Großfeuer des wenige Schritte entfernten Albrechtshauses 2013 verschonte das Gotteshaus. Seitdem steht es verrammelt und von einer Alarmanlage geschützt in einer Umgebung, die auch in den Herbst 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg passen könnte. 

Deutschland Stabkirche Stiege

Eine schwere Metalltür schützt die Kapelle vor Vandalismus

Bis Regina Bierwisch und andere aktiv wurden. "Der Bau ist doch etwas Besonderes. Der muss erhalten, der muss genutzt werden", sagt die pensionierte Lehrerin. 2014 gründeten einige einen Förderkreis zum Erhalt des Gebäudes, zu dem Bierwisch zwei Jahre später hinzukam. 2017 wurde daraus der offiziell eingetragene Verein "Stabkirche Stiege." Der Verein hat sich von der kirchlichen Seite den Holzbau gesichert. Die Kommune "Stadt Oberharz am Brocken" übertrug ihm die Wiese neben dem Bahnhof Stiege.

Viele freiwillige Helfer

Der Bau "muss erhalten werden, muss genutzt werden", betont Bierwisch. Ihr gehe es, sagt sie, vor allem um die kulturgeschichtliche Bedeutung der Kapelle. "Ich bin nicht in der Kirche. Aber das ist doch das Gute, dass ich mich trotzdem für ein solches Sakralgebäude einsetzen kann." Für das Projekt engagierten sich Menschen aus allen Richtungen, seien sie gläubig oder nicht. Als Mitte Oktober der Innenraum der Stabkirche leer geräumt wurde, kamen 30 freiwillige Helfer, berichtet sie. "Durch dieses Engagement sind richtig gute Kontakte und Beziehungen gewachsen, mit jungen und älteren Leuten."

Deutschland Verein „Stabkirche Stiege | Regina Bierwisch

Eine Kapelle mit vielen Helfern: Regina Bierwisch betont das Engagement von Einheimischen unabhängig von einer religiösen Bindung

Das sei "sehr bemerkenswert", bestätigt Karsten Höpting, der evangelische Pfarrer für Stiege und benachbarte Orte. Leute fänden sich auch ohne Kirchenzugehörigkeit zusammen, um ihrer Heimat einen Kirchbau irgendwie zu erhalten. Das gebe es in den ostdeutschen Bundesländern des öfteren, vielleicht eher als im Westen. Höping kennt aber auch die Befürchtungen in der alteingesessenen evangelischen Gemeinde von Stiege, deren Kirche neben dem kleinen Schloss im Ortszentrum steht. Er hofft auf Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit beider Seiten. Und ahnt, dass die Stabkirche als touristisches Highlight auch ein attraktives Hochzeits-Kirchlein sein könnte. 

"Am Anfang belächelt"

Und auch Ronald Fiebelkorn (CDU), der Bürgermeister der Stadt Oberharz am Brocken, zeigt sich im DW-Gespräch beindruckt vom Engagement der Stieger Helfer. "Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen. In ihrer Freizeit bemühen sich die Leute, ein solch altes Gut zu bewahren." Das stärke auf alle Fälle die Dorfgemeinschaft. Fiebelkorn erinnert sich schmunzelnd daran, wie er mit einigen Mitgliedern des Fördervereins Idee und Konzept bei der Landesregierung von Sachsen-Anhalt vorstellte und um finanzielle Hilfe bat. "Am Anfang haben die uns belächelt in Magdeburg."

Deutschland Gustav-Adolf-Stabkirche

Die größte Stabkirche Deutschlands: Die Gustav-Adolf-Stabkirche bei Goslar

Heute lächelt da niemand mehr. Ja, in Deutschland werden seit Jahren Kirchengebäude aufgegeben. Gemeinden verschwinden, Seelsorger fehlen. Gotteshäuser werden entweiht oder umgenutzt, manchmal kommt die Abrissbirne, manchmal die Umrüstung. Der Kampf der Menschen in Stiege um die Stabkirche ist ungewöhnlich. Vielleicht hilft ein Blick nach Hahnenklee südlich von Goslar im Westharz, gut eine Autostunde von Stiege entfernt. Dort steht, wenige Jahre jünger als Stiege, die größte Stabkirche in Deutschland. Gleichfalls ein Kleinod. In Details ein anderer Bautyp, etwas weniger Jugendstil. Die Stabkirche in Hahnenklee ist ein Besuchermagnet. Wohl kaum ein anderes der Region verzeichnet höhere Besucherzahlen.

Projekt für strukturschwache Region

So hofft Bierwisch zuversichtlich auf eine touristische Belebung des durchaus attraktiven Ortes und der Region. Die Stabkirche als Highlight, da könnten mal deutlich mehr Fahrgäste aus der Harzer Schmalspurbahn aussteigen. Die gebürtige Stiegerin hofft, dass das Projekt der ganzen Region im strukturschwachen Ostharz zugute kommt. Dafür hat der Verein von vielen Seiten Zuschüsse organisiert, um die rund 1,1 Millionen Euro für den Umzug und die Renovierung der Kirche tragen zu können. So zählen unter anderem die Kulturbeauftragte der Bundesregierung und die Stiftung Braunschweiger Kulturbesitz, die Harzsparkasse, das Land Sachsen-Anhalt und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz zu den Förderern. Viel hilft viel.

Deutschland Stabkirche Stiege

Noch herrscht beschauliche Ruhe: Die Initiatoren hoffen, dass sich der Bahnhof der Schmalspurbahn bald mit Touristen füllt

In den nächsten Tagen beginnen die Arbeiten am künftigen Fundament, im frühen Frühjahr 2021 soll der Holzbau hinten im Wald fachmännisch zerlegt und ins Dorf gebracht werden. Die Fachzeitschrift "bmh" (Bauen mit Holz) schrieb schon vom "wohl ältesten Fachwerkhaus Deutschlands". Über den Sommer folgt dann die Aufarbeitung und Restaurierung des Innenraums.

Die finanzielle Unterstützung ist geklärt, Verträge sind geschlossen. Freiwillige Helfer packen mit an, falls sie gebraucht werden. Aber es gibt noch einen weiteren Punkt, der Bierwisch zuversichtlich macht, dass die "Translocation" gelingt und der Bau zum Erfolg wird. Wer durch die Wiese und unter Bäumen die knapp 100 Meter vom Schmalspurbahn-Bahnhof zum Bauplatz geht, kommt an einem gepflegten länglichen Holzhaus vorbei. "Kegelhalle SV Stiege" steht am Eingang. Auch diese Halle – die 68-Jährige erwähnt es nur nebenbei – war einst Teil der Lungenheilstätte sechs Kilometer weiter südlich und wurde 'importiert'.

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