Frauenmorde in Mexiko werden mehr - und brutaler | Kommentare | DW | 20.08.2019
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Kolumne "Gegen den Strom"

Frauenmorde in Mexiko werden mehr - und brutaler

56 Prozent des mexikanischen Staatsgebietes gelten offiziell als gefährlich für Frauen. Eine Lösung zu finden gegen die ausufernde Gewalt ist nicht leicht, denn es gibt kein einheitliches Muster, meint Anabel Hernández.

In der Nacht des 3. August kehrte die 17-jährige Yolanda von einer Party in ihr Zuhause in Azcapotzalco, einem Distrikt von Mexiko-Stadt, zurück. In der Nähe ihrer Wohnung trennte sie sich von ihren Freunden und ging alleine weiter. Plötzlich hielt ein Polizeiauto neben ihr an, und die Polizeibeamten fragten, was sie alleine auf der Straße mache. Sie setzten sie in das Fahrzeug und dort wurde sie, so ihre Aussage, von vier Beamten sexuell missbraucht. Danach ließen sie das junge Mädchen, das unter Schock stand, auf der Straße zurück. Noch in derselben Nacht ging sie in Begleitung ihrer Eltern zur Staatsanwaltschaft und erstattete Anzeige.

Am nächsten Morgen konfiszierte die Polizei alle Videoaufnahmen der privaten Sicherheitskameras der Ladenlokale in der Straße, obwohl dies laut Gesetz nur die Staatsanwaltschaft hätte veranlassen können. In der Straße, in der der Angriff geschah, gibt es auch staatliche Sicherheitskameras, diese werden von der Regierungsbehörde für öffentliche Sicherheit in Mexiko-Stadt verwaltet.

Wenige Tage später berichten die Eltern des Kindes, dass sie die Anzeige nicht mehr weiter aufrecht halten, weil sie bedroht worden seien. Die verdächtigten Polizisten erklärten sich für unschuldig und stehen bisher nicht unter Anklage. Sonderbarerweise haben es die Experten für Sexualstraftaten der Staatsanwaltschaft versäumt, schnellstmöglich DNA-Proben beim Opfer zu entnehmen, wie die Staatsanwaltschaft selbst zugeben musste. Erst drei Tage nach dem Vorfall wurde die junge Frau hierfür vorgeladen. Zu diesem Zeitpunkt waren aber alle biologischen Beweise längst verloren. Die Behörde hat also die Hauptbeweisstücke verschlampt.

Zwei Morde von vielen

Am 6. August wurde in Atitalaquia, im Bundesstaat Hidalgo, unter einer Autobrücke die nackte, in ein Tuch gehüllte Leiche der 29-jährigen Angelica gefunden. Einen Tag zuvor hatten Verwandte ihr Verschwinden in einem Nachbarort gemeldet - einige Kilometer entfernt von der Stelle, wo ihr Körper mit Spuren von Folter und sexueller Gewalt gefunden wurde.

***

Die sechsjährige Cristina reiste diesen Sommer nach Cuernavaca, die Hauptstadt des Bundesstaates Morelos, um dort den Urlaub mit ihren Großeltern zu verbringen. Die meiste Zeit verbracht sie mit ihrer Großmutter im Tortilla-Laden. Und während die handgefertigten Tortillas auf die flache Grillplatte gelegt wurden und ein süß-rauchiger Duft von Mais den Raum füllte, spielte Cristina und sang.

Am 10. August ging Cristina früher zu Bett. Als die Großeltern sich später vergewissern wollten, dass alles in Ordnung sei, fanden sie Cristina leblos und mit Stichwunden vor. Ihre Großmutter versuchte sie noch wiederzubeleben, aber Cristina war schon tot. Die herbeigerufenen Notärzte stellten fest, dass sie zuvor missbraucht worden war.

Immer schwerer zu verstehen

Die Zahl der Frauen und Mädchen in Mexiko beträgt etwas mehr als 63 Millionen, was rund 60 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Yolanda, Angelica, und Cristina stehen auf der langen Liste der Opfer der wachsenden Gewalt gegen Frauen in Mexiko. Diese Gewalt wird immer häufiger, immer brutaler und immer schwerer zu verstehen.

DW-Kolumnistin Anabel Hernández

DW-Kolumnistin Anabel Hernández

Die heftige geschlechtsspezifische Gewalt, die in den 1990er-Jahren in Ciudad Juárez auftrat und Hunderte von Frauen das Leben kostete, breitete sich auf andere Teile Mexikos aus und zwang die Regierung zum Handeln. Seit 2007 gibt es das Programm gegen geschlechtsspezifische Gewalt AVGM, um die "Gewalt gegen Frauen in einem bestimmten Gebiet zu bekämpfen und zu beseitigen". Das Programm sieht eine Reihe von Präventions- und Sofortmaßnahmen vor, die für die Behörden verpflichtend sind.

Neben dem vorsätzlichen Mord, den alle Strafgesetzbücher der Welt kennen, zwang die brutale Gewalt gegen Frauen in Mexiko die Regierung, im Jahre 2012 einen neuen Straftatbestand zu schaffen: den Frauenmord. "Das Verbrechen des Femizids liegt vor, wenn einer Frau aus geschlechtsspezifischen Gründen das Leben genommen wird". Als geschlechtsspezifische Gründe gelten Anzeichen sexueller Gewalt, Verstümmelungen, erniedrigende Verletzungen, wenn es eine Vorgeschichte von familiärer Gewalt gibt, der Körper an einem öffentlichen Ort abgelegt wird oder es eine sentimentale, affektive oder vertrauensvolle Beziehung zwischen Mörder und Opfer gab.

Amerika und Afrika an der Spitze

Im Jahre 2017 veröffentlichten die Vereinten Nationen eine Studie, wonach in Amerika und Afrika Frauen am häufigsten ermordet werden - mit Raten von 3,1 Prozent bis 1,6 pro 100.000 Frauen. Zum Vergleich: Ozeanien hat eine Rate von 1,3, Asien 0,9 und Europa 0,7.

Von 2015 bis Juni 2019 wurden in Mexiko mindestens 3080 Frauen ermordet. Nach offiziellen Angaben der mexikanischen Regierung lag die Opferrate pro 100.000 Frauen im Jahr 2015 bei 0,66 Prozent, in 2016 bei 0,93, im Folgejahr bei 1,16 und im Jahr 2018 bei 1,19. Das bedeutet, dass sich die Rate in nur drei Jahren fast verdoppelt hat.   

Eine Analyse der Gründe dieser Gewalt gegen Frauen in Mexiko ist kompliziert. Man könnte davon ausgehen, dass die Gewalt gegen Frauen sich vor allem auf Bundesstaaten mit der allgemein höchsten Gewaltrate konzentriert. Dann wäre es so, dass die Gewalt sich gar nicht absichtlich gegen Frauen richtet, sondern gegen die Bevölkerung im Allgemeinen, und dass vieles auf die Gewalt der Drogenkartelle zurückzuführen. Dies ist aber nicht der Fall.

Viele Morde bedeutet nicht automatisch viele Morde an Frauen

Ich habe für diese Kolumne die Kriminalitätsrate in den 32 Bundesstaaten Mexikos überprüft. Ich habe mir dabei die Zahl der vorsätzlichen Tötungen mit weiblichen Opfern und die Zahl der Femizide im Besonderen angeschaut. Ergebnis: Die Staaten mit den meisten Morden in Mexiko sind nicht unbedingt dieselben, in denen die meisten Frauen getötet werden. Und die Staaten mit den häufigsten Tötungen von Frauen sind im Allgemeinen nicht die Staaten, in denen die meisten Femizide begangen werden.     

Seit 2015 hat die mexikanische Regierung in 18 der 32 Bundesstaaten das Präventionsprogramm AVGM ausgerufen. Das heißt, dass 56 Prozent des Staatsgebietes als gefährlicher Ort für Frauen gelten. Die Verteilung der betroffenen Staaten weist kein einheitliches Muster für Gewalt gegen Frauen aus: Es sind Staaten sowohl im Norden, Süden, Osten als auch im Westen des Landes. In den Staaten Veracruz, Morelos, dem Bundesstaat Mexiko, Puebla, Guerreo und Colima hat das Programm AVGM bisher zu keinem Rückgang der Gewalt geführt.

Mexiko Frauenprotest gegen Vergewaltigung zweier minderjähriger Mädchen durch Polizisten (Getty Images/AFP/A. Estrella)

Protest für dem Ministerium für öffentliche Sicherheit in Mexiko-Stadt

Protest gegen die zunehmende Gewalt

Am 16. August fand in Mexiko-Stadt ein Protestmarsch von Frauen und Männern zum Gedenken an Yolanda und gegen geschlechtsspezifische Gewalt statt. Die Demonstranten riefen "Wir glauben dir" und "Sie töten uns, und ihr tut nichts". Außerdem forderten sie das Programm AVGM auch für die Hauptstadt.

Solange aber die besonderen Umstände und die soziale Dynamik eines jeden Ortes, an denen Frauenmorde geschehen, nicht fundiert untersucht werden, wird es nicht möglich sein, die Gewalt an Frauen in Mexiko zu bekämpfen. An diesen Nachforschungen und Studien müssen sich Vertreter nationaler und internationaler Organisationen und nicht zuletzt auch Journalisten beteiligen, um Antworten zu finden und Lösungsansätze zu entwickeln.  

Die Journalistin und Buchautorin Anabel Hernández berichtet seit vielen Jahren über Drogenkartelle und Korruption in Mexiko. Nach massiven Morddrohungen musste sie Mexiko verlassen und lebt seitdem in Europa. Für ihren Einsatz erhielt sie beim Global Media Forum der Deutschen Welle in Bonn den DW Freedom of Speech Award 2019.

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