Gazas Wasserkrise | Nachrichten & Analysen: der globale Blick auf Schlagzeilen | DW | 13.02.2014
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Gazas Wasserkrise

1,6 Millionen Menschen leben im Gazastreifen - sie alle beziehen ihr Wasser aus nur einem einzigen Grundwasserreservoir. Das bedeutet schwierige Zeiten auch für die Landwirte.

Küste im Gazastreifen (Foto: DW/Krämer)

Wenn das Meer das Grundwasser bedroht

Wenn man jemanden in Gaza nach der Wasserqualität fragt, die zuhause aus dem Wasserhahn kommt, dann wird derjenige sagen: "Qualität? Bei mir kommt nur Meerwasser aus der Leitung, so hoch ist der Salzgehalt", erzählt Munther Shoblak. Er ist Leiter des für Gaza zuständigen kommunalen Abwasserversorgers (Coastal Municipal Water Utility, CMWU) in Gaza-Stadt. Zwar hat er dabei ein Lächeln auf dem Gesicht, aber er weiß, wie ernst die Situation ist. Die Wasserknappheit, die schlechte Qualität und mangelnde Infrastruktur sind reale Probleme im abgeriegelten Gazastreifen – und das schon seit vielen Jahren.

Munther Shoblak (Foto: DW/Krämer)

Munther Shoblak sorgt sich um die Wasserqualität

Flüsse und Bäche sucht man in dem kleinen Küstenstreifen vergeblich. Gaza ist ausschließlich von einem einzigen unterirdischen Wasserreservoir abhängig. Doch der Speicher ist seit Jahren überstrapaziert, denn es gilt 1,6 Millionen Menschen in dem kleinen Landstrich zu versorgen – und die Bevölkerung wächst stetig. Über 90 Prozent des Grundwasserspeichers ist durch Eindringen von Meerwasser aus dem Mittelmeer, Schadstoffen und ungeklärtem Abwasser kontaminiert, so Schätzungen der Vereinten Nationen. Der Nahe Osten ist grundsätzlich von Wasserarmut bedroht, aber im Gazastreifen ist die Situation besonders akut. "Wir können froh sein, wenn in den nächsten Jahren überhaupt noch ein Tropfen trinkbares Wasser vorhanden ist", meint Munther Shoblak. Laut Weltgesundheitsbehörde WHO sind 90 Prozent des zur Verfügung stehenden Wassers nicht als Trinkwasser geeignet.

Rapide sinkender Grundwasserspeicher

Die Wasserkrise betrifft alle Bereiche des Lebens - und auch die Landwirtschaft, die einen erheblichen Teil der wenigen Wasserressource verbraucht. Das stark chloridhaltige Wasser beeinflusst die Erträge und verursacht Schäden an den Pflanzen der Bauern. Auch die Tierhaltung ist davon betroffen, sagt Bauer Mahdi Arafat. Eigentlich müsste er Trinkwasser dazu kaufen. Aber das ist viel zu teuer und würde die Produktionskosten für Gemüse und Obst noch weiter in die Höhe treiben. Die meisten Haushalte in Gaza müssen mit Trinkwasser beliefert werden– es ist ein teures Gut. Die Landwirte brauchen deshalb viel Selbstinitiative, um mit der Wasserkrise umzugehen: Mit dem Sammeln und Verwerten von Regen- und Brauchwasser etwa, auch wenn die Regensaison nur sehr kurz ist. Oder sie bauen statt Gemüse Zitrusfrüchte und Oliven an, die mehr salzhaltiges Wasser vertragen können.

Junge zapft Wasser in Kanister (Foto: DW/Krämer)

Hilfe im Kleinen: Entsalzungsanlagen für den täglichen Wasserbedarf

Der Leiter des kommunalen Abwasserversorgers CMWU, Munther Shoblak, kennt die Probleme nur all zu gut. "Wir müssen uns jetzt doppelt so stark anstrengen, um das Grundwasserreservoir zu stärken, um es auch für die nächste Generation zu erhalten. Dazu gehört, die maximale Wiederverwertung von Regenwasser zu fördern. Die alten Systeme zu reparieren, um kein Wasser zu verlieren. Jeder Tropfen geklärtes Abwasser ist wichtig, um gereinigtes Wasser in das Grundwasser zurückzuleiten." Nach Schätzungen der Vereinten Nationen fließen derzeit rund 90.000 Kubikmeter Schmutzwasser pro Tag direkt ins Mittelmeer.

Zu wenige Kläranlagen

Mit deutscher Hilfe wurde in den letzten drei Jahren ein veraltetes Klärwerk am Rande von Gaza-Stadt renoviert. Damit kann seit Ende 2012 das Abwasser von rund 650.000 Menschen gereinigt werden. "Die Rehabilitierung der Anlage 'Sheikh Ajleen' hilft erstmal einem großen Teil der Bevölkerung hier in Gaza-Stadt und kann das Abwasser zu einem deutlich besseren Level reinigen als das vorher der Fall war", sagt Thomas Eisenbach von der Kreditanstalt für Wiederaufbau, die den Ausbau mit Mitteln des Bundes finanziert. "Aber das ist natürlich noch nicht ausreichend, und es gibt viele Teile des Gazastreifens, die nicht erreicht werden. Und deshalb müssen weitere Klärwerke gebaut und auch die alten weiter verbessert werden, um mehr Reinigungsleistung zu erreichen."

Doch die Renovierung und der Bau neuer Anlagen ist aufgrund der politischen Situation und auch der Sicherheitslage alles andere als einfach. Der von der Hamas regierte Gazastreifen wird von Israel und Ägypten abgeriegelt, die Einfuhr von Baumaterialien auch für internationale Projekte ist streng kontrolliert durch die israelischen Behörden und Projekte kommen nur schleppend voran. Dazu kommen die häufigen und stundenlangen Stromausfälle, die die bereits arbeitenden Anlagen erheblich einschränken – auch wenn diese bei der Renovierung mit Wartungs- und energiearmen Technologien ausgestattet werden. "Wenn wir keine Elektrizität haben, dann kann die Kläranlage keinen Sauerstoff produzieren, um die Bakterien in dem Prozess abzutöten. Dann bricht der ganze Kreislauf zusammen", sagt Farid Ashour, Projektleiter des kommunalen Abwasserversorgers. Im Dezember letzten Jahres fiel eine der Pumpstationen in Gaza-Stadt aus, weil das einzige Elektrizitätswerk des Küstenstreifens mangels Treibstoff abgeschaltet werden musste. Das stark kontaminierte Abwasser konnte so ungehindert in die Strassen von Gaza fließen und setzte ganze Viertel unter Schmutz-Wasser.

Entsalzungsanlagen könnten Abhilfe schaffen

Eines hat Gaza jedoch reichlich, und das ist Meerwasser. Internationale Organisationen wie UNICEF haben bereits kleinere Entsalzungsanlagen gebaut. Die lokalen Anlagen können jeweils rund 15.000 Menschen mit Trinkwasser versorgen. Eine größere Anlage ist schon seit langem im Süden des Gazastreifens geplant, doch auch hier kommen die Baumaßnahmen nur langsam voran. Der Gazastreifen hat in Sachen Wasser aber nur noch begrenzt Zeit. In zwei Jahren, so ein Bericht der Vereinten Nationen, könnte der Grundwasserspeicher völlig unbrauchbar werden.


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