Gastkommentar: MBS′ rigoroser Weg nach ganz oben | Kommentare | DW | 15.03.2020
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Saudi-Arabien

Gastkommentar: MBS' rigoroser Weg nach ganz oben

Der saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman arbeitet konsequent an seinem Ziel, seinem Vater als König zu folgen. Doch dieser Weg ist nicht ohne Risiko, meint Rainer Hermann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Ginge es nach den bisherigen Regeln, die in Saudi-Arabien die Thronfolge festlegen, dürfte Mohammed Bin Salman, MBS genannt, nicht Kronprinz geworden sein, und er dürfte auch nicht König werden. Eine der beiden Regeln ist das Senioritätsprinzip, die andere der Konsens im Hause Saud. Da der 34 Jahre alte Kronprinz aber skrupellos ehrgeizig ist und seinen 84 Jahre alten Vater, König Salman Bin Abd al-Aziz Al Saud, beerben will, verstößt er gegen beide und setzt damit auch die Stabilität der Monarchie aufs Spiel.

Denn wenn er sein Ziel erreichen will - und vieles spricht dafür, dass ihm das gelingen wird - muss er die ausschalten, die nach dem Senioritätsprinzip mehr Anrecht auf den Thron haben als er, und er muss gegen jene vorgehen, die sich im Familienrat des Hauses Saud gegen ihn stellen. Diesen Familienrat hatte im Jahr 2007 der damalige König Abdallah geschaffen, um einen Kronprinzen zu benennen und beim Ableben eines Königs den neuen Monarchen. 

Verhaftungen und Mord als Machtinstrument

Auf dem Weg, König Saudi-Arabiens zu werden, geht Mohammed Bin Salman keinem Konflikt aus dem Weg. Im Juni 2017 hatte er den damaligen Kronprinzen, Mohammed Bin Nayef, absetzen und unter Hausarrest stelle lassen; im November 2017 ließ er über Hundert Geschäftsleute, unter ihnen auch Prinzen, unter dem Vorwand der Korruptionsbekämpfung über Wochen im Hotel Ritz Carlton einsperren; und im Oktober 2018 wurde der kritische Journalist Jamal Khashoggi, sicher nicht ohne sein Wissen, im Istanbuler Generalkonsulat Saudi-Arabiens ermordet. 

Rainer Hermann

Rainer Hermann ist Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Nie wurde Mohammed Bin Salman aber in die Schranken verwiesen, und er zog daraus den Schluss, dass er tun und lassen kann, was er möchte. Zumal er seit 2017 mit Donald Trump einen ihm sehr gewogenen Freund im Weißen Haus weiß, der stets billigt, was immer auch der Kronprinz tut. 

Die lästige Verwandtschaft

Vor einer Woche musste der Kronprinz wieder handeln. Denn der Gesundheitszustand des Königs, der ohnehin unter Demenz leidet, verschlechtert sich; es ist nicht sicher, ob Trump im November wiedergewählt wird; und vor allem hat ihm sein gefährlichster Herausforderer im Haus Saud, Prinz Ahmad, der um sechs Jahre jüngere Vollbruder seines Vaters, im vergangenen Monat erneut den Treueeid verweigert. Schließlich, so argumentiert Prinz Ahmad, sei er nach den Regeln des Hauses Saud der legitime Thronfolger und künftige König. Prinz Ahmad ist in Saudi-Arabien der ranghöchste Kritiker des Kronprinzen. Es ist bekannt, dass er im Familienrat einer der drei war, die gegen die Ernennung von Mohammed Bin Salman zum Kronprinzen gestimmt haben. Auch öffentlich kritisierte er dann dessen Politik. Er glaubte wohl, dass er als einer der Führenden im Hause Saud Immunität genieße. Doch der Kronprinz ließ ihn ebenso festnehmen wie eine Reihe anderer Prinzen. 

Der Ausbau der Macht

Die beispiellose Maßnahme in der Geschichte des Königreichs Saudi-Arabien erfüllte zwei Zwecke: potentielle Rivalen wurden kaltgestellt, und es war eine Warnung an alle anderen Zweige des weitläufigen Königshauses. Es soll im Familienrat keine Mehrheit gegen ihn geben. Jeder soll seine Loyalität gegenüber dem Mann bekunden, der bereits als Kronprinz mehr Macht in seinen Händen hält als alle Könige der vergangenen Jahrzehnte. Da ihm auch die Armee, die Nationalgarde und Geheimdienste unterstehen, würde ohnehin kein Prinz die Macht haben, für einen Machtwechsel Truppen auf den Palast marschieren zu lassen.

Mohammed Bin Salman hat in den vergangenen fünf Jahren seine Macht kontinuierlich ausgebaut und dabei ein gespaltenes Bild geschaffen. Zum einen ist er der Modernisierer, der die Fesseln islamischer Dogmatiker abschüttelt und mit kulturellen Reformen für mehr Freiheiten der Frauen und der Jugend sorgt. Zum anderen aber lässt er Dissidenten und Kritiker, unter ihnen Frauenrechtlerinnen, einsperren, und die Verwirklichung seines großen Reformprojekts "Vision 2030" ist längst nicht so erfolgreich, wie es erforderlich wäre, um in der Gesellschaft auf Dauer eine breite Unterstützung zu sichern.

Kommen diese Reformen nicht in Fahrt und sinkt der Ölpreis auf lange Sicht, könnte dies für Mohammed Bin Salman gefährlicher werden, als es die Prinzen waren, die er jetzt ausgeschaltet hat.