Gastkommentar: Kalter Krieg in Venezuela? | Kommentare | DW | 13.02.2019
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Lateinamerika

Gastkommentar: Kalter Krieg in Venezuela?

Alle Großmächte kämpfen um Venezuela. Doch der laute Auftritt von den USA und Russland entspricht nicht den realen Machtverhältnissen. Viel massiver sind der Einfluss und die Interessen Chinas, meint Alexander Busch.

Wenn es um Venezuela geht, greifen die ehemaligen Supermächte USA und Russland in die verbale Mottenkiste des Kalten Krieges. "Die militärische Option ist noch nicht vom Tisch", erklärte kürzlich der US-amerikanische Sicherheitsberater John Bolton. Er kündigte an, alle Einnahmen Venezuelas aus dem Erdöl-Export in die USA einzufrieren.

Damit nicht genug: Nach einem Bericht der New York Times hat die US-Regierung mittlerweile die Kontrolle über die eingefrorenen Öl-Gelder dem venezolanischen Oppositionsführer Juan Guaidó übergeben.

Der russische Außenminister Sergei Lawrow hat mehrfach vor einer militärischen Einmischung der USA in Venezuela gewarnt. Doch auch die russische Seite weiß zu provozieren: Im Dezember 2018 ließ Präsident Vladimir Putin zwei Überschall-Bomber in Venezuela stationieren.

Leise Töne, aber umso einflussreicher

Alexander Busch, Kolumne Tropiconomia bei DW Brasil	(Paulo Fridman)

Lateinamerika-Korrespondent Alexander Busch ist Kolumnist der brasilianischen DW-Redaktion

Im Vergleich zu den politischen Provokationen zwischen den USA und Russland nehmen sich die Äußerungen Chinas geradezu moderat aus: Das chinesische Außenministerium forderte beim Thema Venezuela alle Seiten zur Besonnenheit auf. Hinter den harmlos klingenden Formulierungen, die sprachlich eine gewisse Ähnlichkeit mit UN-Resolutionen aufweisen, verbergen sich Pekings Pragmatismus und Understatement. Denn die Weltmacht China unterstützte Caracas in den vergangenen zehn Jahren mit mehr als 60 Milliarden US-Dollar. Ohne Peking wären die Links-Caudillos in Caracas schon längst nicht mehr an der Macht.

Kein anderes Land hat so viele chinesische Kredite bekommen wie Venezuela - eine Tatsache, die in Peking mittlerweile zutiefst bereut wird. Denn China ist in erster Linie an politischer Stabilität interessiert. Die aktuelle internationale Aufmerksamkeit für Venezuela durchkreuzt Pekings von langer Hand geplante Strategie zur strategischen Eroberung Lateinamerikas. Denn sie legt den enorm gestiegenen Einfluss Chinas in der Region in den vergangenen 15 Jahren offen. Und dies im "Hinterhof" der USA, als den Washington die 23 Länder mit ihren 650 Millionen Einwohnern seit 200 Jahren betrachtet.

Alles begann im Jahr 1823 mit der sogenannten "Monroe-Doktrin", als der damalige US-Präsident James Monroe die Region zwischen Mexiko und Feuerland zur exklusiven Einflusszone der USA erklärte. Mit Chinas Auftreten in Lateinamerika steht die Monroe-Doktrin zur Disposition - genau wie vor 50 Jahren, als die Sowjetunion versuchte, ihren Einfluss in der Region über Kuba hinaus auszudehnen.

Ein ganzer Kontinent abhängig von Exporten nach China

Die neuen Machtstrukturen haben unvorhersehbare Konsequenzen. Die chinesische Offensive hat das anfängliche Ziel, Rohstoffe und Energiezufuhr zu sichern, bereits bei weitem überschritten. Mittlerweile ist ganz Lateinamerika abhängig von den Eisenerz-, Soja-, Kupfer- und Erdölexporten nach China. Bereits 150 Milliarden Dollar hat Peking in die Region investiert. Dies übertrifft sogar die chinesischen Investitionen in Afrika und wird nur vom chinesischen Engagement in Asien übertroffen.

Chinesische Konsortien kaufen Fabriken, Leitungsnetze, Häfen. Sie bauen Schienennetze, errichten Freihandelszonen und investieren in Automobilproduktion und digitale Plattformen. Seit 2018 führt sogar die Route der "neuen Seidenstraße" durch Lateinamerika. 14 lateinamerikanische Länder haben sich seitdem um chinesische Investitionen beworben. Chile, Peru und Kolumbien konkurrieren als Pazifikanrainer darum, sich als Brückenköpfe chinesischer Importe nach Lateinamerika zu etablieren. Und sie sind dafür zu politischen Konzessionen bereit.

Und wieder einmal die Taiwan-Frage

Die Dominikanische Republik, El Salvador und Panama geben die Richtung vor: Sie brachen im vergangenen Jahr ihre diplomatischen Beziehungen zu Taiwan ab und nahmen diese stattdessen mit der Volksrepublik auf. Peking zeigte sich erkenntlich: Es vereinbarte mit Panama, das mit seinem Kanal eine wichtige Achse für die strategische Dominanz der USA in der Region ist, 20 große Infrastruktur-Projekte.

Auch Mexikos neuer linksliberaler Präsident Andrés Manuel López Obrador zeigt sich gegenüber chinesischen Investitionen offen. Zusammen mit Peking will er einen "Marshallplan für Mittelamerika" umsetzen, der Investitionen in Höhe von 30 Milliarden Dollar vorsieht. Mit dem Geld sollen Infrastrukturmaßnahmen finanziert werden, die Arbeitsplätze in der Region schaffen und die Abwanderung gen Norden aufhalten. Gegen solche Investitionen kann noch nicht einmal US-Präsident Trump argumentieren.

Alexander Busch schreibt regelmäßig Kolumnen für die brasilianische Redaktion der DW. Der Journalist und Buchautor ist seit mehr als 25 Jahren Korrespondent in Lateinamerika und schreibt für die Wirtschaftswoche, das Handelsblatt und die Neue Zürcher Zeitung. Er wuchs in Venezuela auf, studierte Wirtschaft und Politik in Köln, und lebt und arbeitet zurzeit in São Paulo und in Salvador da Bahia.

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