Gastkommentar: Grenzen brauchen Freiheit | Kommentare | DW | 08.11.2019
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30 Jahre Mauerfall

Gastkommentar: Grenzen brauchen Freiheit

Vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer. Eine in Beton gegossene, die Welt teilende Grenze wurde überwunden. Michel Friedman greift den Anlass auf - mit Gedanken zu Grenzen und Begrenztheit, Freiheit und Grenzenlosigkeit.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein schreibt: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Dies gilt selbstverständlich auch für mich, der den Versuch unternimmt, über Grenzen nachzudenken. Obwohl auch mein Denken begrenzt, mein Bewusstsein unzureichend ist, sodass meine Sprache unweigerlich an ihre Grenzen stößt.

Grenzen sind dynamisch und nicht, wie viele es sich erhoffen, statisch. Sie sind in Bewegung, weil Menschen in Bewegung sind, weil neues Wissen die Begrenztheit des alten Wissens zeigt, es falsch oder einfach hinfällig sein lässt. Die Erkenntnisse, die aus dem neuen Wissen entstehen, bilden für einen kurzen Augenblick ein Ausrufezeichen und können alte Grenzen einreißen und neue ziehen. Aber selbst diejenigen, die diesen Prozess hervorgerufen haben, werden sehr schnell wieder als Nicht-Genug-Wissende markiert.

Die Sehnsucht nach dem "Darüber-Hinaus"

Grenzen brauchen Freiheit - ein paradoxes Verhältnis. Die Sehnsucht, Grenzen zu überschreiten - Denkgrenzen, Gefühlsgrenzen, Zeitgrenzen, physische Grenzen, nationale Grenzen, Grenzen im Universum - die Sehnsucht, das "Darüber-Hinaus" zu erfahren, bringt uns auf den Mond, auf den Mars, am liebsten in das ganze Universum. Gleichzeitig ist der Mensch auf Grenzen, und seien es nur temporäre, angewiesen. Sie geben Orientierung, Halt. Das Gehirn braucht Muster, um arbeiten zu können.

Begrenzung muss nicht zwangsläufig Begrenztheit bedeuten. Zunächst markiert sie nur und erhält erst durch hinzugefügte Attribute ihren ausgrenzenden Charakter. Grenzen können identitätsstiftend sein oder zerstörerisch.

Mauermaler in Berlin (picture-alliance/ZB/P. Grimm)

Kiddy Citny bemalt am 09.11.1999 ein Originalteil der Berliner Mauer (Archivfoto)

Für den Menschen ist das Bewusstsein von der zeitlichen Begrenztheit der eigenen Existenz, die Vorstellung vom Ende - jedenfalls des Hierseins - eine tiefsitzende Kränkung. Doch dass Phantasie und Vorstellungskraft neue und andere Welten oder die Unendlichkeit des Universums, also die räumliche Dimension, nur schwer denken können, bedeutet nicht, dass unsere gedanklichen Grenzen unüberwindbar sind. Emotionale und kognitive Intelligenz sowie soziale Empathie ermöglichen es dem Menschen, seit es ihn gibt, die eigenen Grenzen zu überwinden, um neue Konzepte und Techniken des Überlebens zu entwickeln. Die Begrenztheit des Denkens, so scheint es jedenfalls, ist temporär und öffnet sich neuen Lösungen und Gedanken - auch wenn das Gefühl entsteht, dass dies bisweilen zu langsam und nicht immer zielführend erfolgt.

Abschottung vs. Durchlässigkeit

Alle Grenzen, vor allen Dingen physische (Grundstücke) oder nationale (Staaten), sind Konstruktionen. Gleichzeitig stellen sie den Versuch dar, aus Menschengruppen Gemeinschaften zu kreieren, teils mit einer nationalen Identität, und diese Eingrenzung mit allen Mitteln der Macht und der Gewalt zu verteidigen. Manchmal, so scheint es, sind diese Konstruktionen hilflos.

Grenzkonstruktionen haben neben dieser Machtkomponente immer auch eine ökonomische. Die Erhaltung des eigenen Wohlstandes und der Privilegien ist eines der stärksten Motive, sich abzuschotten und nur dort (Schein-)Öffnungen zu ermöglichen, wo es dem eigenen Vorteil dient. Diese immer noch dominante Denkweise erleben wir gerade (nicht nur) in der Europäischen Union in aller Deutlichkeit. Es zeigt sich, dass Grenzen verschiedene Grade der Durchlässigkeit aufweisen und diese immer wieder neu verhandelt werden müssen.

Bulgarien Grenze Türkei Frontex Beamte (EU/N. Doychinov)

Die EU unternimmt massive Anstrengungen, sich nach außen abzuschotten

Die innere Grenzenlosigkeit der EU ist in vielen Bereichen relativiert worden. Die Bereitschaft, dem Menschen an sich - unabhängig von seiner Hautfarbe, seiner Religion, seines Geschlechts und seiner Herkunft - grenzenlos in die Augen zu schauen, statt ihm mit Abwehr und Vorurteilen zu begegnen, erlebt in den liberalen Demokratien einen massiven Rückschlag.

Der Schlüssel zum inneren Gefängnis

Jedes "Wir" braucht ein "Ihr", jede Grenze ist nicht nur die Verteidigung vor dem Eindringling von außen, sondern auch ein "Gefängnis" derjenigen, die sich im Inneren befinden. Der Schlüssel zum inneren Gefängnis liegt in einem selbst, kann aber nur gefunden werden, wenn man dieses Ich infrage stellt und dadurch Risse in den in Beton gegossenen Wahrheiten zulässt.

Dass Mauern, die errichtet werden, auch wieder eingerissen werden können, ist vor 30 Jahren in Deutschland demonstriert worden. Hierbei ist bemerkenswert, dass es die Bürgerinnen und Bürger der deutschen Diktatur in der DDR waren, die trotz berechtigter Angst vor dem System die entscheidende Energie aufgewandt haben, um diese Mauer, also diese physische Grenze, zum Einsturz zu bringen. Alle politisch Verantwortlichen, die heute wieder Mauern erbauen, sollten sich im Klaren sein, dass man die Freiheit des Menschen unterdrücken und begrenzen kann, den Freiheitswillen aber nie - und dass die Sehnsucht nach einem Stück mehr Grenzenlosigkeit die treibende Hoffnung unserer Existenz ist.

Michel Friedman ist Jurist, Publizist und Fernsehmoderator. An der Frankfurt University of Applied Sciences ist er Professor für Immobilien- und Medienrecht. Außerdem leitet er dort ein Forschungszentrum für Europafragen und ist einer von vier Direktoren des 2016 gegründeten "Centers for Applied European Studies". Bei der Deutschen Welle moderiert er die Talk-Formate "Conflict Zone" und "Auf ein Wort... mit Michel Friedman".