Görlach Global: Die britische Monarchie sollte mit Elizabeth II. enden | Kommentare | DW | 07.08.2021
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Kolumne

Görlach Global: Die britische Monarchie sollte mit Elizabeth II. enden

Das Nebeneinander von Parlament, Verfassung und König passt nicht zu einer modernen Demokratie. Insofern wäre der bevorstehende Generationswechsel im Buckingham Palast eine gute Gelegenheit, meint Alexander Görlach.

Die Netflixserie "Die Krone" ("The Crown") hat die Lebensgeschichte von Königin Elizabeth, die in Deutschland einfach nur "die Queen" genannt wird, packend verfilmt. Historiker sind sich einig, dass die fiktive Verdichtung trägt und sehr nahe an die historische Realität heranreicht.

Vor Elizabeth II., die bald siebzig Jahre auf dem britischen Thron sitzt, kann man nur Respekt haben, wenn man diese Serie schaut. Je näher die Folgen an die gegenwärtige Zeit rücken - im Moment stehen wir vor dem Ende der Ehe von Prinzessin Diana und Thronfolger Charles - frage zumindest ich mich, welche Zukunft die britische Monarchie haben kann.

Teil der gesamteuropäischen Geschichte

Zu allererst ist das natürlich eine Frage, die die Menschen im Vereinigten Königreich beantworten müssen. Aber ein Stück weit ist "die Queen" auch gesamteuropäische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Mit dem Kleid und dem Hut in den Farben der europäischen Flagge, die sie trug, als sie die Absicht der Regierung verkünden musste, den Brexit zu vollziehen, hat sie sich selbst als Europäerin geoutet. Dabei sind ihr parteipolitische Statements - auch das lernen wir in "The Crown" - grundsätzlich verboten.

Queen Elisabeth in blauem Kleid und mit Europa-Hut auf dem Thronsessel im Parlament

Die Queen in den Farben Europas - ein klares Statement bei der Parlamentseröffnung im Juni 2017

Vom 1952 zur Abdankung gezwungenen ägyptischen König Faruq stammt das Bonmot: "Am Ende des 20. Jahrhunderts wird es nur noch fünf Könige geben: die vier aus dem Kartenspiel und den König von England." Diese Prophezeiung hat sich zwar so nicht bewahrheitet, und doch stellt sich die Frage nach der Monarchie auch im 21. Jahrhundert. In Deutschland hat der Adel seine Macht bereits nach dem Ersten Weltkrieg vollständig verloren, und selbst in den Ländern Europas, in denen sie als Staatsoberhäupter fungieren, haben sie keine wirkliche Relevanz mehr. Das ist auch völlig richtig so, denn in Demokratien vererbt sich legitime Herrschaft nicht. Sie kann nicht an ein Geburtsrecht gekoppelt sein.

In Großbritannien erfüllt die Monarchin Aufgaben etwa in der Art, wie in Deutschland der Bundespräsident. Sie sind für vieles die letzte Instanz: Beide können beispielsweise das Parlament auflösen. Der Unterschied jedoch ist, dass der Bundespräsident gewählt wird, das gekrönte Haupt eben nicht. Doch die höchsten Ämter in einem modernen demokratischen Staat müssen allen offen stehen, die sich dafür qualifizieren. Eine Meritokratie und eine Aristokratie schließen sich daher einander aus. 

Nebeneinander von Monarch, Parlament und Verfassung

Auf dem Weg der Demokratisierung wurden die Monarchen (in England bereits sehr früh - im späten Mittelalter) dazu gezwungen, keine umfassende Macht mehr für sich in Anspruch zu nehmen oder gar auszuüben. Grundsätzlich müssen sie jetzt vorab andere Personen oder Gruppen konsultieren, die sich dafür berufen halten oder dazu bestellt wurden. Die Idee, das Entscheidungen für das gesamte Volk nicht von einer Person alleine getroffen werden sollten, zeigt sich auch in der revolutionären Forderung Georg Büchners aus dem 19. Jahrhundert "Friede den Hütten, Krieg den Palästen". Oder in der Behauptung, dass Demokratien keine Kriege gegeneinander führen. Dort, wo dynastische Legitimation akzeptiert war, waren die Menschen Leibeigene oder dem Souverän verpflichtet, für ihn in den Krieg zu ziehen. In Demokratien hingegen wird das Parlament befragt, und ein Ausnahmezustand wird dort verhängt beziehungsweise kontrolliert. 

Auf dem Weg aus dem Mittelalter, im Prozess der sukzessiven Abgabe von vererbter Macht, sind zum Teil merkwürdige Gemeinwesen entstanden, die ein Parlament, eine Verfassung und einen Monarchen haben. Im britischen House of Lords sitzen bis heute noch alle Bischöfe der Anglikanischen Kirche, auch wenn sich nur noch zwanzig Prozent der Briten als Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft definieren. 

Charles, William und Anne in Uniform zu Pferde bei der Parade Trooping the Colour in London

Mit Prinz Charles (links) und Prinz William (Mitte) stehen bereits die nächsten Könige bereit. Rechts Prinzessin Anne, die jüngere Schwester von Thronfolger Charles

Thronfolger Charles hat begonnen, die greise Monarchin bei offiziellen Terminen zu vertreten. Und mit Prinz William, dem ältesten Sohn des mittlerweile 72-jährigen Charles, steht bereits die nächste Generation bereit. Doch in einer Demokratie leuchtet es nicht ein, warum eine im frühen Mittelalter entstandene, dynastische Erbfolge an der Spitze des modernen Rechtsstaates stehen sollte. Wenn das "Elizabethanische Zeitalter", wie die Regentschaft von Queen Elizabeth in "The Crown" genannt wird, dereinst zu Ende gehen wird, ist der richtige Moment gekommen, um das Ende der Monarchie in Großbritannien zu beschließen.

 

Alexander Görlach ist Senior Fellow am Carnegie Council for Ethics in International Affairs, Research Associate am Internet Institut der Universität Oxford und Honorarprofessor für Ethik und Theologie an der Leuphana Universität. Der promovierte Linguist und Theologe arbeitet zu Narrativen der Identität, der Zukunft der Demokratie und den Grundlagen einer säkularen Gesellschaft. Nach Aufenthalten in Taiwan und Hongkong wurde diese Weltregion, besonders der Aufstieg Chinas und was er für die freie Welt bedeutet, zu seinem Kernthema. Er hatte verschiedene Positionen an der Harvard Universität und der Universität von Cambridge inne. Von 2009-2015 gab er als Chefredakteur das von ihm gegründete Magazin The European heraus.

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