Frankreichs Logistikzentrum der Superlative | Wirtschaft | DW | 29.06.2020
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E-Commerce

Frankreichs Logistikzentrum der Superlative

Private Investoren bauen, während in der Pandemie der E-Commerce boomt, in Nordfrankreich an Europas wohl größter Logistikplattform. Doch wirklich die Nummer eins zu werden, dürfte nicht ganz so einfach sein.

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E-Valley: Neues Logistikzentrum in Frankfreich

Der ehemalige Militärflugplatz Cambrai-Epinoy in Nordfrankreich hat eine bewegte Geschichte: In beiden Weltkriegen waren dort deutsche Soldaten stationiert. Im zweiten Weltkrieg, nach der Befreiung durch die Alliierten 1944, hoben von den Landebahnen Flugzeuge der britischen Royal Air Force ab. Später waren es Flugzeuge der Nato - bis Frankreich 1966 aus dem nordatlantischen Verteidigungsbündnis austrat. Danach stationierte die Regierung dort eigene Atomwaffenbomber.

2013 wurde der Stützpunkt endgültig geschlossen. International soll die Geschichte des Geländes nun auch weitergehen. Das sogenannte e-Valley entsteht dort gerade - und es soll Europas größte Logistikplattform werden. Doch die Nummer eins zu werden könnte nicht ganz so einfach sein.

Die Pariser Anlagengesellschaft BT Immo Group investiert hunderte Millionen Euro, um auf 320 Hektar acht Lagerhallen mit einer Gesamt-Fläche von 550.000 Quadratmeter zu errichten. Die erste dieser Hallen baut man gerade - sie soll bis Ende des Jahres fertig sein.

E-Valley in Frankreich

So sieht es auf der Baustelle des e-Valley im Frühsommer 2020 aus - die erste Halle wird gerade errichtet

E-Commerce liegt im Trend

Fabrice Galloo, Entwicklungsleiter von e-Valley, meint, das Logistik-Projekt sei seit der COVID-19-Pandemie noch sinnvoller. "Die E-Commerce-Zahlen sind während der Krise durch die Decke gegangen," sagt er DW, während er an einem sonnigen Nachmittag eine Gruppe von Reportern über die Baustelle führt.

"Vielen Unternehmen ist klar geworden,", sagt Galloo, "dass es immer wichtiger wird, in Europa Lagerhallen zu haben, weil mehr und mehr Länder einen Teil der Wertschöpfungskette zurück ins eigene Land verlagern wollen. Uns haben so einige Unternehmen kontaktiert - aus Nicht-EU-Ländern, aus Großbritannien wegen des Brexits, aber auch aus China und Nordamerika."

Den Trend zum E-Commerce bestätigte auch kürzlich eine Studie des Marktforschungsinstitutes Kantar. Demnach sei der Anteil der Verbraucher, die mindestens die Hälfte ihrer Käufe online tätigen, in Europas größten E-Commerce-Märkten Großbritannien, Deutschland und Frankreich während der Pandemie um jeweils 25 bis 80 Prozent gestiegen.

Günstige Lage

Um diesen Trend zu nutzen, soll e-Valley nicht nur mit seiner Größe punkten. Es liegt verkehrsgünstig an der Schnittstelle mehrerer Autobahnen und Bahnstrecken sowie Häfen und Flughäfen. Außerdem wird der geplante 107 Kilometer lange Canal Seine-Nord von Compiègne nach Cambrai die Plattform mit der Seine einerseits und dem Wasserstraßennetz der Beneluxländer auf der anderen Seite verbinden.

Zudem planen die Entwickler, e-Valley zu einem regelrechten Campus zu machen und mit intelligenten Technologien auszustatten, so Galloo: "Wir werden Startup-Inkubatoren bauen und mit künstlicher Intelligenz und Big Data arbeiten. Wir werden Roboter, Exoskelette und Drohnen einsetzen - in und rund um die Lagerhallen. Außerdem wird es Restaurants, Kinderkrippen, Hotels und Ausbildungszentren geben."

E-Valley in Frankreich

"E-Valley wird eine steuerfreie Zone sein", verspricht Fabrice Galloo, der Entwicklungsleiter von e-Valley

Steuerliche Anreize für das e-Valley

Zudem werde die Plattform eine Abteilung für Internetsicherheit haben, die mit der französischen Gendarmerie zusammenarbeiten werde. "Und e-Valley wird eine steuerfreie Zone sein. Das heißt, Unternehmen müssen erst dann Importsteuern zahlen, wenn die Güter unser Gelände verlassen. Das verschafft den Unternehmen erhebliche Liquiditäts-Vorteile," fügt Galloo hinzu.

Für ein Viertel von e-Valleys künftiger Lagerfläche haben die Besitzer schon Mietverträge abgeschlossen. Das amerikanische Modeunternehmen Haddad Brands wird Lagerhalle Nummer eins mieten, die französische Logistikgruppe Bils Deroo einen Teil der zweiten Halle, welche nächstes Jahr fertig sein soll. Bils Deroos Generaldirektor Franck Blot sagt, e-Valley sei für das Unternehmen eine Gelegenheit, mehr im E-Commerce tätig zu werden.

"Unsere Kunden haben den E-Commerce-Anteil an ihrem Umsatz seit der Corona-Krise mitunter verachtfacht. Für uns ist es deshalb wichtig, unser Angebot entsprechend auszubauen. Wir wollen nun auch mit Pure Playern arbeiten, also mit Unternehmen, die ausschließlich über das Internet verkaufen," sagt Blot zu DW. Das Unternehmen will den E-Commerce-Anteil an seinem eigenen Umsatz von aktuell drei auf bis zu 15 Prozent 2024 erhöhen.

E-Valley in Frankreich

Europas größte Logistikplattform zu werden sei nicht ganz einfach, meint Ökonom Michel Ruimy.

Die Krise sorgt für mehr Konkurrenz

Aber Europas größte Logistikplattform zu werden sei nicht ganz einfach, meint jedenfalls Michel Ruimy, Wirtschaftsprofessor an der Pariser Universität Science Po. Denn die COVID-19-Krise habe auch für mehr Wettbewerb gesorgt.

"Der Trend, vor Ort Lagerhallen zu mieten oder zu bauen, hat einen neuen Immobilienmarkt geschaffen," erklärt er gegenüber DW. "Viele Regionen werden nun versuchen, internationale Unternehmen anzulocken, indem sie lokal die Steuern senken. Außerdem beruht e-Valleys Geschäftsmodell auf dem Canal Seine-Nord. Aber der wird erst 2028 fertig sein, fünf Jahre später als geplant."

Entwicklungsleiter Galloo ist dennoch überzeugt, dass sich e-Valley gegenüber der Konkurrenz behaupten wird. "Natürlich werden jetzt auch andere Regionen versuchen, so viele Unternehmen wie möglich anzulocken," sagt er. "Aber es wird einfach sehr schwierig sein, mit einem so großen Areal wie e-Valley mitzuhalten. Außerdem bauen wir ja einen ganzen Campus. Und unser Geschäftsmodell funktioniert auch ohne den Seine-Nord-Kanal - der war von Anfang an nur die Kirsche auf dem Kuchen."

Und dabei könnte e-Valley nur der Anfang sein: Seine Entwickler wollen noch einen zweiten Militärstützpunkt in Frankreich kaufen und später zusätzlich Logistikplattformen im Ausland eröffnen.

 

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