Frankreichs holpriger Impfstart | Europa | DW | 09.01.2021
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COVID-19

Frankreichs holpriger Impfstart

Frankreich will seine Impfkampagne gegen COVID-19 beschleunigen. Denn es hinkt im Vergleich zu anderen Ländern hinterher. Doch einer flächendeckenden Impfung steht nicht nur die Logistik im Wege.

Vor einem beigefarbenen Hangar im nordwestlichen Pariser Vorort Poissy im Département Yvelines haben sich rund zwei Dutzend Journalisten versammelt. Während französische und internationale Kameras die Szene einfangen, schneidet eine Gruppe Lokalpolitiker und Ärzte ein Band in blau-weiß-rot, den Farben der französischen Flagge, durch, das an zwei weißen Metallpfosten befestigt ist. "Wir sind nicht die Gegenspieler der Zentralregierung - wir sind ihre Partner", sagt Karl Olive, Bürgermeister von Poissy, breit lächelnd in ein Mikrofon. Dann geht die Gruppe, gefolgt von den Journalisten, in das Gebäude, das Frankreichs erstes Gemeindeimpfzentrum für COVID-19 sein wird. Solche Zentren sollen helfen, die Impfkampagne zu beschleunigen und Frankreichs Rückstand im Vergleich zu manch anderen Industrienationen aufzuholen. Doch einer flächendeckenden Impfung steht so einiges im Wege.

Frankreich | Impfungen in Poissy - Impfzentrum

Das Corona-Impfzentrum im französischen Poissy

"Teil eines historischen Moments"

"Ich möchte wieder ins Restaurant gehen, Partys feiern und meine Kinder sorglos in den Arm nehmen können", sagt Christian Lehmann, Allgemeinmediziner in Poissy, während er als erster in dem neuen Zentrum eine Impfung gegen COVID-19 erhält. Später wird er sich selbst einen blauen Medizinerkittel überziehen, um hier andere Menschen zu impfen.

Bürgermeister Olive beobachtet die Szene zufrieden. "Sag uns, ob es piekst", ruft er ihm über die Mauer an Kameras zu. Ihn freut es, dass Gemeinden sich nun mehr einbringen können im Kampf gegen COVID-19. "Es ist wichtig, Teil dieses noch nie da gewesenen historischen Moments zu sein. Ich als Bürgermeister von Poissy mit seinen 40.000 Bewohnern will zeigen, dass wir wirklich helfen können, diese globale Pandemie zu überwinden", sagt er gegenüber der DW. Im Département Yvelines soll es bald zehn solcher Gemeindeimpfzentren geben, im ganzen Land 300. "Wir werden hier bald 500 Leute pro Tag impfen – und sehr schnell alle Franzosen im ganzen Land", erklärt Olive.

Frankreich | Impfungen in Poissy - Bürgermeister Karl Olive

Ist zufrieden mit dem Start der Impfkampagne: Poissys Bürgermeister Karl Olive

"Wir sind zur weltweiten Lachnummer geworden"

Frankreichs Impfkampagne zu beschleunigen ist bitter nötig. Bisher hat das Land nur einige zehntausend Menschen geimpft - im Vergleich zu Hunderttausenden in manchen anderen europäischen Ländern. Das habe wohl vor allem logistische und administrative Gründe, meint Michaël Rochoy, Allgemeinmediziner im nordfranzösischen Outreau. Rochoy hat zusammen mit 30 anderen Medizinern einen offenen Brief verfasst, in dem sie fordern, die Impfkampagne zur "Großen Nationalen Angelegenheit" zu machen. "Wir sind zur weltweiten Lachnummer geworden", meint er gegenüber DW. "Wie kann es nur so langsam voran gehen in einem Land, das ein so gutes flächendeckendes Gesundheitssystem hat? Und wie kann die Regierung jemanden wie Alain Fischer zum Chef-Impfstrategen ernennen? Er ist zwar Mediziner, sagt aber selbst, dass er keine Ahnung von Logistik hat, was wiederum zentral ist bei dieser Kampagne!" Zudem müsse man in einer separaten Besprechung die Zustimmung des Patienten zur Impfung einholen und ein Online-Formular auf einer neuen Webseite ausfüllen, die aber erst Tage nach dem Impfstart funktioniert hätte. "Das alles verlangsamt den Prozess doch nur noch mehr", meint er.

Frankreich | Abgeordneter Jacques Marilossian

Es gebe keine Probleme, sagt der französische Abgeordnete Jacques Marilossian

Doch die Regierung streitet ab, dass Frankreich den Zeitplan nicht einhalte. "Es gibt kein Problem", sagt Jacques Marilossian gegenüber der DW. Er ist Abgeordneter der Regierungspartei LREM in der Nationalversammlung für das Département Hauts-de-Seine bei Paris. "Das ist wie bei einem Fußballspiel. Dessen Ergebnis beurteilen Sie doch auch nicht nach fünf oder sechs Sekunden, obwohl das Spiel 90 Minuten dauert." Frankreich käme derzeit nur schlechter an Spezial-Gefrierschränke als andere Länder. Das bisher einzige verfügbare Serum von Pfizer und BioNTech muss nämlich bei minus 70 Grad gelagert werden. Dennoch werde man jetzt schneller impfen, so Marilossian: "Wir werden die Impfung von Gruppen wie medizinischem Personal vorziehen. Außerdem sollten wir bald andere Impfstoffe bekommen, die nicht bei so extrem niedrigen Temperaturen aufbewahrt werden müssen." Frankreichs höchste Gesundheitsbehörde hat am Freitag einen COVID-19-Impfstoff von Moderna zugelassen, der immerhin nur bei minus 20 Grad aufbewahrt werden muss.

Problem ist nicht nur die Logistik

Doch selbst wenn Frankreich die verlorene Zeit aufholt - es gibt da noch ein anderes Problem. Frankreich hat laut einer Studie des Gallup-Wellcome-Trusts 2018 den weltweit größten Anteil an Impfgegnern. So wollen sich nur vier von zehn Franzosen gegen COVID-19 impfen lassen.

Frankreich | Impfungen in Poissy

Nur vier von zehn Franzosen wollen sich gegen COVID-19 impfen lassen

Das liegt wohl auch daran, dass laut Umfragen nur 40 Prozent der Franzosen glauben, dass die Regierung die Krise meistern wird. Der langsame Start der Impfkampagne wird wohl kaum dazu beitragen, das Vertrauen in die Regierung wieder herzustellen. Bürgermeister Olive will deshalb selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Er fordert zusammen mit rund 300 anderen Bürgermeistern in einem offenen Brief, dass Bürgermeister sich öffentlich impfen lassen sollten: "Ich glaube, solche Symbolhandlungen sind wichtig - sie können Menschen von der Wirksamkeit der Impfung überzeugen."

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