Wie Indigene Kanadas Literatur bereichern | Bücher | DW | 14.10.2020
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Frankfurter Buchmesse

Wie Indigene Kanadas Literatur bereichern

Als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse stellt Kanada 2020 die "einzigartige Vielfalt" seiner Literatur vor. Indigene Autoren tragen eindeutig dazu bei.

Porträtfoto Tanya Tagaq in buntem Oberteil und schulterlangen, schwarzen Haaren (Foto: Rebecca Wood).

Gehört zu den indigenen Schriftstellerinnen Kanadas: Sängerin und Autorin Tanya Tagaq

Das literarische Bild, das viele Deutsche von den amerikanischen Ureinwohnern haben, ist geprägt von den sehr erfolgreichen Winnetou-Büchern, die weltweit gelesen wurden. Verfasst hat diese Romane der deutsche Schriftsteller Karl May im ausgehenden 19. Jahrhundert.  

Als er 1893 begann, die Geschichten rund um den fiktiven Apachen-Häuptling Winnetou zu schreiben, der sich mit dem Ich-Erzähler Old Shatterhand anfreundet, hatte er seine Heimat Sachsen noch nie verlassen. In den 1960er-Jahren des nachfolgenden 20. Jahrhunderts entstanden auch populäre Filme auf Basis der Bücher, die deren Beliebtheit vor allem bei jüngeren Lesern nochmals steigerten. 

Im Kern vermittelten die literarischen Abenteuer von Karl May das romantische Ideal vom einfachen Leben im Einklang mit der Natur. Dabei hatten sie nur wenig mit der tatsächlichen Lebenswelt der kanadischen Ureinwohner und der Kultur der indigenen Völker Nordamerikas zu tun.

Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 

Mit Kanada als Gastland der Frankfurter Buchmesse wird die deutschsprachige Leserschaft Gelegenheit bekommen, ihr Wissen über die Lebensbedingungen der nordamerikanischen indigenen Völker durch die Bücher von Gegenwartsautorinnen und -autoren zu erweitern. Aktuelle Romane und Erzählungen aus Kanada werden nicht nur 2020, sondern auch im nächsten Jahr auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert werden.

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"Special Edition" der Frankfurter Buchmesse

Aufgrund der Corona-Pandemie hat die weltgrößte Buchmesse ihre klassische Buchpräsentation vor Ort in den Frankfurter Messehallen ausgesetzt. Das bedeutet, dass Kanada auch im nächsten Jahr Gastland der Buchmesse bleiben wird. In diesem Jahr finden einige Veranstaltungsreihen ausschließlich virtuell statt, in der Hoffnung, dass 2021 wieder ein erweitertes Vor-Ort-Programm in Frankfurt zustande kommt. 

Unter dem Motto "Singular Plurality - Singulier Pluriel" (dt.: "Einzigartige Vielfalt") zielt der kanadische Messeauftritt, der vom eigens dafür gegründeten Unternehmen Canada FBM2020 organisiert wurde, darauf ab, für die Vielfalt kanadischer Stimmen zu werben. Auch in Europa unbekannte indigene Autorinnen und Autoren werden präsentiert. Das ist ein sehr heikles Thema im Land. Die Canada FBM2020 arbeitete deshalb mit dem literarischen Komitee zur Programmgestaltung nach einem Prinzip, das sowohl die französischsprachige, die englischsprachige und die indigene Literatur berücksichtigt.

Logo des Ehrengasts Kanada zeigt drei verschieden hohe Piktogramme von Bergen (Copyright: Canada FBM2020).

Einzigartige Vielfalt: Logo und Motto des Buchmessen-Gastlands Kanada

Die indigenen Autorinnen und Autoren sind auch Teil der offiziellen Delegation, die 2021 in Frankfurt vertreten sein werden. Sie sind so verschieden wie die übrigen ausgewählten Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die ebenfalls für die höchst unterschiedliche Literatur Kanadas stehen.

Indigene Erzählweisen: "Wonderworks"

Unter den Autorinnen der kanadischen Delegation befindet sich auch die preisgekrönte Künstlerin Tanya Tagaq, eine Kehlkopf-Sängerin vom Volk der Inuit, die erstmals durch ihre Zusammenarbeit mit der isländischen Sängerin Björk für das 2004 erschienene Album "Medúlla" international bekannt wurde. Daraufhin hat Tagaq eigene Alben veröffentlicht, die traditionelle und elektronische Klänge verbinden.

In ihrem belletristischen Debüt "Split Tooth", das 2018 veröffentlicht wurde und 2020 auf Deutsch unter dem Titel "Eisfuchs" im Kunstmann Verlag erschienen ist, verbindet sie verschiedene Genres: Tagebucheinträge mit Gedichten, literarische Prosa mit volkstümlichen Überlieferungen der Inuit. Die Erzählerin in ihrem Erstlingswerk "Eisfuchs" ist eine junge Inuk, die in den 1970er-Jahren in einer kleinen Stadt im Norden Kanadas, im Territorium Nunavut, aufwächst.

Für Daniel Heath Justice, den Verfasser von "Why Indigenous Literatures Matter" (2018) und Professor für Indigene Studien an der University of British Columbia, ist Tagaqs Buch ein Beispiel seines Konzepts der "Wonderworks" - und davon, wie indigene Schriftstellerinnen und Schriftsteller westliche Traditionen in der Literatur unterlaufen.

Portraitfoto von Joshua Whitehead mit Ziegenbart, weißen hängenden Ohrringen und goldener Nickelbrille (Foto: Tenille Campbell/Sweetmoon Photography).

Joshua Whiteheads neuer Roman wird den Titel "Making Love with the Land" tragen

Dekoloniale und queere Identitätswelten

Die kanadische Delegation promotet gezielt junge Autorinnen und Autoren, die poststrukturalistische, dekoloniale und queere Theorieansätze in ihre literarische Arbeit einfließen lassen. Einer von ihnen ist Joshua Whitehead. Sein bereits mit Preisen ausgezeichneter Roman "Jonny Appleseed" (2018) wurde erst 2020 ins Deutsche übertragen (Albino Verlag 2020).

Darin erzählt er die Geschichte eines zum Stamm der Oji-Cree gehörenden Indigenen, der sein Reservat verlassen hat und sich seinen Lebensunterhalt als Sexarbeiter in der kanadischen Großstadt Winnipeg verdient. Obwohl er die Freiheit der Stadt genießt, bleibt der Protagonist mit den Traditionen seiner Familie und seines Stammes eng verbunden. 

Ein anderer Autor ist Billy-Ray Belcourt. Er erkundet in "A History of my Brief Body" (2020) koloniale Gewalt und Queerness. Belcourt sucht in seinem Buch die Verbindung zu seiner "kokum" - was Großmutter in der Sprache der Cree bedeutet - und beschreibt sein Aufwachsen in Driftpile, einem Reservat der zu den "Ersten Nationen" gehörenden indigenen Völker im Norden Albertas. Obwohl erst kürzlich veröffentlicht, wurde das Buch zu einem Bestseller in Kanada. 

Beide Autoren zogen anfangs die Aufmerksamkeit durch Gedichtbände auf sich. Whiteheads Band "Full-Metal Indigiqueer" (2017) handelt vom Wiederaufleben einer indigenen queeren Identität, die auch unter dem Namen "Two-spirit" bekannt ist. Diese englische Bezeichnung bezieht sich auf die Vorstellung von einem dritten Geschlecht, wie sie zum Teil noch heute in den Geschlechtermodellen vieler indigener Bevölkerungsgruppen verbreitet ist. Belcourts 2017 vorgelegter Band "This Wound is a World" - ist "teils Manifest, teils Autobiografie" und erhielt bereits verschiedene Auszeichnungen.

Wachsendes Interesse an Kanada

Autor Michel Jean (Foto: Julien Faugere).

Michel Jean ist Herausgeber der Kurzgeschichtensammlung "Amun", was in der Sprache der Innu "Zusammenkunft" heißt

Im vergangenen Jahrzehnt trugen Graswurzelbewegungen, die den Rassismus gegen indigene Völker bekämpfen, dazu bei, ein Bewusstsein von dieser kulturellen Aneignung sowie dem gewaltvollen Erbe des Kolonialismus in Nordamerika zu thematisieren. Dadurch stieg auch das Interesse der kanadischen Öffentlichkeit an der Literatur der Indigenen. Michel Jean, der aus dem in der Provinz Québec gelegenen Reservat Mashteuiatsh stammt, ist inzwischen ein anerkannter Romancier und Journalist. 

Er begegne häufig Vorurteilen gegenüber Angehörigen der "Ersten Nationen", berichtet er im DW-Interview. Er glaubt, dass Literatur ein machtvolles Instrument ist, "die Herzen und den Verstand von Lesern zu erreichen." Jeans jüngster Roman "Kukum" (2020) erzählt die Geschichte seiner Großmutter und der erzwungenen Sesshaftigkeit indigener Völker. "Kanadier sind häufig überrascht, zu erfahren, wie sie vollzogen wurde, und wie gewalttätig sie vollzogen wurde. Häufig nehmen sie an, die Kolonisierung wäre nur in den Vereinigten Staaten so brutal erfolgt", erzählt er. 

Literatur über indigene Themen hinaus

Die kürzlich ins Leben gerufenen "Indigenous Voices Awards", ein Preis für indigene Stimmen, sind nur ein Beispiel für neue Initiativen, die Autorinnen und Autoren der Ersten Nationen, der Ethnie der Métis und der Inuit ins Licht der kulturellen Öffentlichkeit rücken. Wie viele ihrer Schriftstellerkollegen, wurde auch J.D. Kurtness erst 2018 bekannt - im ersten Jahr der Preisvergabe, als sie den "Indigenous Voices Award" gewann.

Autorin J.D. Kurtness mit schwarzer Brille und goldenen Kreolen-Ohrringen (Foto: Seb Loze).

J.D. Kurtness: Eine indigene Autorin, die sich bisher literarisch nicht mit indigenen Themen auseinandersetzte

Die auf Französisch schreibende Romanautorin ist Angehörige der kanadischen Innu Nation und ebenfalls Mitglied der Canada FBM2020 Delegation in Frankfurt. Doch Kurtness thematisiert ihre eigenen Wurzeln in ihren Büchern nicht direkt.

Ihr erster Roman, "Of Vengeance" (2017) ist ein Thriller über eine weibliche Psychopathin, die als junges Mädchen Freude am Töten entdeckt. Der zweite, "Aquariums", sieht eine Zukunft voraus, in der die Menschheit von einer unvorhersehbaren Epidemie getroffen wird. Das Buch ist 2019 erschienen - noch bevor irgendjemand wissen konnte, dass die Corona-Pandemie einige Monate später die ganze Welt betreffen würde.

Danach gefragt, wie sie wahrnimmt, dass sie mit indigenem Hintergrund Bücher schreibt, erzählt Kurtness im DW-Interview, dass es sie freue, weil es ihrer Arbeit nochmal eine "andere Sichtbarkeit" gebe. Und die Neugier der Leser in Kanada sei gewachsen. Doch sie verweist darauf, dass es Leserinnen und Leser in die Irre führen könnte, weil ihre Bücher nicht den Fokus "auf die Lebensbedingungen in Reservaten oder das Leben in den 'guten alten Zeiten'" legen. Doch gerade darin könnte sich eine neue literarische Freiheit zeigen, die die Vielfalt der indigenen Stimmen Kanadas widerspiegelt.

Adaption: Verena Greb

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