Luftverkehr: Ticketsteuer sinkt, Ticketpreise auch?
Veröffentlicht 5. Dezember 2025Zuletzt aktualisiert 21. Mai 2026
Wird Fliegen bald wieder billiger? Die Luftverkehrsteuer soll jedenfalls zum 1. Juli wieder auf das Niveau vor Mai 2024 sinken. Der Bundestag beschloss am Donnerstagabend in Berlin die von Union und SPD auf den Weg gebrachte Gesetzesänderung. Den Bund kostet das rund 350 Millionen Euro im Jahr. Neben den Koalitionsparteien stimmte auch die AfD für die Änderung, die Grünen und die Linke votierten dagegen.
"Wir sind natürlich dankbar über dieses Signal, die letzte Steuererhöhung zurückzunehmen, aber das ist noch keine Trendwende", erklärt Kay Lindemann, Leiter Konzernpolitik und Bevollmächtigter des Vorstands der LufthansaGroup, im DW-Gespräch.
Die Luftverkehrsteuer mache nur einen Teil der gesamten Abgabenkulisse aus, die sich in Deutschland seit 2019 verdoppelt habe. Lindemann: "Wenn wir uns in Deutschland zu sehr belasten, dann verlieren wir Flugzeuge an andere Standorte, weil die Standortbedingungen dort attraktiver sind, und damit wandert Wertschöpfung ab."
Kerosinpreise explodieren
Auch Experten dämpfen die Erwartungen: "Der Staat verzichtet auf Einnahmen, aber bei den Passagieren wird die Steuersenkung nicht ankommen", erklärt Luftfahrtberater Gerald Wissel von der Consultingfirma Airborne Consulting. "Die Maßnahme wird verpuffen."
Für Inlands- und Europaflüge sowie andere Kurzstrecken sollen künftig statt 15,53 Euro noch 13,03 Euro Luftverkehrsteuer anfallen. Bei Mittelstrecken (Zielländer zwischen 2500 und 6000 Kilometer Entfernung) ist eine Reduzierung von 39,34 Euro auf 33,01 Euro vorgesehen, bei Langstreckenflügen fallen künftig 59,43 Euro an und nicht mehr 70,83 Euro.
Allerdings sind die Kosten für Treibstoff durch den Iran-Krieg stark gestiegen. "Die jüngste Explosion der Kerosinpreise hat uns gezwungen, die ein Prozent unprofitabelsten Strecken aus dem Netz zu nehmen", erklärt Lufthansa Group Politikchef Lindemann.
Luftverkehrsteuer - Segen für den Haushalt
Für den Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft(BDL) "reicht die aktuelle Absenkung der Luftverkehrsteuer nicht aus, um die Wettbewerbsnachteile bei den staatlich induzierten Kosten gegenüber anderen europäischen Ländern auszugleichen", heißt es in einem Statement des Verbands.
Die Belastungen spiegeln sich in verhaltenen Wachstumsraten der Branche wider. Nach Angaben des Statistikamtes Destatisstieg die Anzahl der steuerpflichtig beförderten Fluggäste in Deutschland zwar von 62 Millionen Passagieren 2022 auf 84 Millionen Fluggäste im vergangenen Jahr. Allerdings ist das Vor-Corona-Niveau noch nicht wieder erreicht: 2019 wurden 96 Millionen Menschen befördert.
Im Gegensatz zu den Passagierzahlen haben die Einnahmen aus der Luftverkehrssteuer (siehe Grafik) das Vor-Corona-Niveau bereits weit übertroffen. Seit der Einführung der Abgabe 2011 unter der schwarz-gelben Regierungskoalition stiegen die Einnahmen von 963 Millionen Euro auf 2,1 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.
Nicht nur in Deutschland, auch in vielen anderen Ländern gehören Luftverkehrssteuern- und Abgaben zum festen Bestandteil der nationalen Budgetplanung, wie auch eine Untersuchung der Internationalen Luftverkehrs-Vereinigung IATA(International Air Transport Association) zeigt.
"Die Luftverkehrssteuer und vergleichbare Steuern in anderen Ländern werden in Europa zusätzlich zu den Infrastrukturentgelten erhoben und fließen - in aller Regel - ohne Zweckbindung in den allgemeinen Haushalt," erläutert Frank Fichert, Professor für Touristik und Verkehrswesen an der Hochschule Worms, im DW-Gespräch.
Natürlich könne der Staat Steuern und Gebühren senken, allerdings müssten die Einnahmenrückgänge dann durch Mehreinnahmen an anderer Stelle kompensiert oder durch Einsparungen ausgeglichen werden - ein angesichts der aktuellen Haushaltslage schwer vorstellbares Szenario.
Weltweite Flotte veraltet
Fichert stellt klar: "Passagiersteuern sind deshalb ein wichtiger, aber nicht der einzige Faktor, der sich auf die Attraktivität eines Standortes auswirkt."
Ein weiterer, oft nicht thematisierter wichtiger Faktor sind fehlende Flugzeuge. Nach einer neuen IATA-Untersuchunghaben die Fluggesellschaften weltweit mit einem beispiellosen Mangel an Flugzeugenzu kämpfen, der noch ein weiteres Jahrzehnt andauern könnte.
Der Verband warnt vor einer "fehlenden Flotte" von mehr als 5000 Flugzeugen aufgrund von Produktionslücken in der Pandemiezeit, aufgeschobenen Stilllegungen und Auftragsrückständen.
Laut Luftfahrtexperte Wissel verdeckt die Kritik an den hohen Standortkosten in Deutschland genau dieses Problem. Billigflieger wie Easyjet und Ryanair hätten ihre Verbindungen in Deutschland nicht wegen hoher Gebühren und Abgaben reduziert, sondern weil ihnen "schlicht und ergreifend die Flugzeuge fehlen".
Das Durchschnittsalter der weltweiten kommerziellen Flotte beträgt mittlerweile 15 Jahre und sei damit das höchste in der Geschichte der Luftfahrt. Hinzu komme ein struktureller Pilotenmangel.
Ryanair und EasyJet streichen Flüge
Luftfahrtexperte Wissel erklärt, dass Ryanair und EasyJet besonders stark vom Flugzeugmangel betroffen sind. "Ryanair soll 400 Flugzeuge in der Auslieferung haben, 100 als Ersatz und 300 zum Wachstum", erklärt er. Das gleiche gelte für EasyJet.
Auf die beschlossene Senkung der Luftverkehrssteuer reagierten beide Fluglinien verhalten. EasyJet kündigte zwar an, die Sitzplatzkapazitäten 2026 zwischen zwei bis vier Prozent zu erhöhen. Dies liege unter dem konzernweiten Durchschnitt von rund sieben Prozent, sagte Deutschland-Chef Stephan Erler gegenüber dem Portal "Airliners".
Ryanair hat Verbindungen in Deutschland gestrichen. Der Konzern hatte Ende April angekündigt, am Flughafen in Berlin seine Basis mit sieben fest stationierten Flugzeugen zu schließen und ab Herbst die Zahl der Berlin-Flüge zu halbieren. Köln/Bonn büßt 44 Frequenzen ein.
Dieser Artikel wurde am 21.05.2026 aktualisiert.