FinCEN Files: Hilfe für Wirecard und die Porno-Industrie | Wirtschaft | DW | 21.09.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Investigation

FinCEN Files: Hilfe für Wirecard und die Porno-Industrie

Zwielichtige Transaktionen für Wirecard, die Porno-Industrie und fragwürdige Kunden aus Afghanistan: Die FinCEN Files rücken die türkische Aktif Bank in ein schlechtes Licht und liefern Indizien für Geldwäsche.

Türkische Unternehmen und Banken spielen eine bedeutende Rolle in den FinCEN Files, einer Sammlung von geheimen Dokumenten aus dem US-Finanzministerium, die dem US-Medienunternehmen BuzzFeed News zugespielt wurden. Buzzfeed hat sie anschließend gemeinsam mit dem Internationalen Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ) ausgewertet.

Aus der Untersuchung heraus sticht vor allem die Aktif Yatirim Bankasi bzw. Aktif Bank, die im Verdacht steht, dem skandalgeschüttelten deutschen Finanzdienstleister Wirecard bei seinen dubiosen Geschäften geholfen zu haben.

Die Aktif Bank gehört zur Calik Holding, einem der größten Konzerne der Türkei, zu dem mehr als 30 Unternehmen gehören. Calik wiederum hat enge Beziehungen zur türkischen Regierung. Eine ganze Reihe von sogenannten "verdächtigen Transaktionen", die in den FinCEN Files erwähnt werden, wurden getätigt, als Berat Albayrak Hauptgeschäftsführer der Calik Holding war. Albayrak ist der Schwiegersohn des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und derzeit türkischer Finanzminister.

SPERRFRIST 20.09.2020 19 Uhr / Recep Tayyip Erdogan und Berat Albayrak, Istanbul (picture-alliance/dpa/TASS/M. Klimentyev)

Der türkische Präsident und sein Schwiegersohn

Die Hinweise gegen Aktif stammen aus sogenannten SARs. Diese Abkürzung steht für Suspicious Action Reports. Die Verdachts-Berichte über auffällige Aktivitäten werden von FinCen, einer Spezialabteilung im US-Finanzministeriums, geprüft. Die bankinternen Verdachtsmeldungen sind verpflichtend für alle Geldinstitute. Sie spiegeln die Bedenken von Überwachungsbeauftragten in Banken wider und beweisen nicht zwangsläufig kriminelle Aktivitäten. 

Der nächste große ICIJ-Coup nach den Panama und Paradise Papers 

Mehr als 400 Journalisten aus 88 Ländern haben die geleakten FinCen Files 16 Monate lang unter die Lupe genommen und dadurch einen bisher versperrten Blick auf die internationalen Finanzströme erhalten. Die ICIJ-Recherche deutet darauf hin, dass mit Hilfe von Aktif offenbar auch schmutziges Geld in den Markt gepumpt worden ist. 

Video ansehen 02:14

Wie funktionieren SARs? (in Englisch)

So finden sich in den FinCEN Files Warnmeldungen der Bank of New York Mellon (BNY Mellon) und der Bank of America (BoA), die beide als Korrespondenzbanken für das Auslandsgeschäft von Aktif tätig waren oder sind. Nach den FinCEN Files wickelte Aktif zwischen dem 6. Juni 2013 und dem 1. Juli 2014 verdächtige Transaktionen in Höhe von 91,6 Millionen Dollar über ihre beiden US-Partner ab.

Helfer für Wirecard

In den letzten Wochen hat vor allem ein Aktif-Kunde weltweit für Schlagzeilen gesorgt: die deutsche Wirecard Bank AG, derzeit in einen milliardenschweren Betrugsskandal verwickelt und pleite. Aktif brachte Wirecard auch mit seiner amerikanischen Korrespondenzbank BNY Mellon zusammen. Doch der New Yorker Kreditgeber markierte die Wirecard-Transaktionen als "hochrisikobehaftet" und fror sie ein - was Aktif nicht daran hinderte, Wirecard trotzdem zu helfen: Laut FinCEN Files überwies Aktif das Geld anschließend unter einem verborgenen Namen an BYN Mellon. 

Deutschland Wirecard Symbolbild | Logo (Getty /L. Preiss)

Der deutsche Finanzdienstleister Wirecard ist in einen milliardenschweren Bilanzskandal verstrickt

Wirecard machte viele Geschäfte mit Kunden aus der Porno- und Glücksspielbranche. Laut FinCEN Files ermöglichte die Aktif Bank einen großen Teil dieser Geschäfte. BNY Mellon meldete schon im Dezember 2013 "verdächtige Überweisungen" im Volumen von etwa 17,5 Millionen US-Dollar. Die meisten davon kamen von großen Namen aus der Porno-Industrie, darunter MindGeek, Eigentümer von Pornhub und Youporn. Bis 2013 war MindGeek als Manwin bekannt und ist auch als Manwin in den Dokumenten erfasst.

Viele Wege führen nach Afghanistan

Der Blick auf die afghanischen Aktif-Kunden macht ebenfalls stutzig. So orchestrierte Aktif zwischen dem 27. Mai und dem 1. Juli 2014 genau 561 "verdächtige" Geldüberweisungen im Wert von 35,3 Millionen Dollar von afghanischen Konten. Da keine öffentlich zugänglichen Informationen über die Unternehmen und ihre tatsächlichen Geschäfte vorlagen, konstatierte der SAR, dass "diese Überweisungen verdächtig erscheinen, weil die beteiligten Unternehmen nicht einfach durch eine Internetrecherche oder die Quelle dieser Beträge identifiziert werden konnten. Der wahre Zweck dieser Transaktionen ist unbekannt oder konnte nicht bestätigt werden."

Auch die New Kabul Bank zählt zu den Aktif-Kunden. Das afghanische Finanzinstitut war 2010 in einen Korruptionsskandal in Milliarden-Höhe verstrickt, bevor es sich ein Jahr später unter seinem heutigen Namen neu erfand. Korruption ist im bitterarmen Afghanistan ein lukratives Geschäftsmodell - und BNY Mellon markierte mehrere von Aktif weitergeleiteten Transaktionen der New Kabul Bank als "verdächtig".

Video ansehen 02:40

Die FinCen Files - ein Überlick (in Englisch)

Die Bank of America (BoA) reiht sich ebenfalls mit Verdachtsmeldungen in die afghanische Indizienkette gegen Aktif ein. In einem eigenen Abschnitt über "Kundendetails" konstatierte die BoA, dass die Aktif Bank "eine Korrespondenzbankbeziehung mit der Bank of America in New York unterhält" und dass "dieser Kunde keine offenen Konten" mehr habe. Eine Korrespondenzbank ist ein Kreditinstitut im Ausland, über das eine inländische Bank Auslandsüberweisungen oder -geschäfte abwickelt.

In einem der SARs der BoA stehen auffällige Transaktionen im Mittelpunkt, die Aktif im Auftrag des afghanischen Unternehmens Watan Oil and Gas in die Wege leitete. Dabei geht es um mehr als drei Millionen US-Dollar, die zwischen Juni 2013 und März 2014 abgewickelt wurden. 

Nach Angaben der  BoA - dokumentiert in einem FinCEN-Bericht vom 20. Dezember 2017, der den entsprechenden Suspicious Action Report zitiert - hat die Bank eine interne Überprüfung veranlasst, nachdem sie "potentiell ungewöhnliche Überweisungen für überwiegend große, runde Dollarbeträge" festgestellt hatte.

Dazu schrieb die BoA in ihrem SAR wörtlich: "Die Überweisungen, die Watan Gas über die Aktif Bank durchführte, wurden zu zwei lettischen Banken in Riga weitergeleitet, und die Unternehmen, die das Geld empfingen, scheinen in den Britischen Jungferninseln bzw. in Hongkong ansässige Briefkastenfirmen zu sein."

Die BoA kam in ihrem Pflichtbericht an FinCEN zu dem Schluss: "Es liegt eine geographische Entkopplung zwischen den Banken in Lettland und dem Standort der Begünstigten vor. Afghanistan, die Türkei und Lettland gelten als Hochrisiko-Länder in Bezug auf Geldwäsche und andere illegale Aktivitäten."

Afghanistan - Taliban Kämpfer (Getty Images/AFP/N. Shirzada)

19 Jahren nach dem 11. September wollen die USA den Krieg gegen die Taliban nun beenden

Geld für die Taliban?

Im selben SAR geht die Bank of America auch die fragwürdige Geschichte der Watan-Gruppe und eines ihrer Tochterunternehmen ein.

Alarmiert durch ältere Medienberichte, von denen einige bis 2010 zurückreichen, drückte BoA ihre Sorge über zurückliegende US-amerikanische Ermittlungen gegen die Watan-Gruppe aus.

Tatsächlich hatte die US-Regierung nach einer Untersuchung im Jahr 2010 vorübergehend alle Verträge mit einer Tochtergesellschaft der Watan-Gruppe ausgesetzt. Die amerikanischen Ermittlungen ergaben, dass das betroffene Tochterunternehmen Watan Risk Assessment den Taliban mehrere Millionen US-Dollar gezahlt hatte, damit diese ihre Konvois nicht angriffen.

Gegen die Taliban waren nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 internationale Sanktionen verhängt worden. Vor und während der Ermittlungen gegen Watan Risk Assessment bekämpften die US-Truppen in Afghanistan die Taliban noch aktiv.

SPERRFRIST 20.09.2020 19 Uhr

Die FinCEN Files haben mehr als 400 Journalisten aus 88 Ländern recherchiert

Aktif Bank wehrt sich gegen Anschuldigungen

Die Aktif Bank wollte keinen direkten Kommentar zu den Verdachtsmomenten in den FinCEN Files abgeben. Stattdessen erklärte das türkische Finanzhaus, dass bankinterne Verdachtsmeldungen (SARs) allein noch kein Beweis für verbotene oder illegale Transaktionen seien. 

Die Bank betonte, sie handele nach den Richtlinien der türkischen Ermittlungsbehörde für Finanzkriminalität (MASAK) und internationaler Behörden.

Außerdem erklärte die Aktif Bank, dass sie verpflichtet sei zu wissen, wer ihre Kunden seien, ob sie auf nationalen oder internationalen Sanktionslisten stünden oder ob Kreditinstitute in der Vergangenheit beispielsweise in Geldwäsche oder Terrorfinanzierung verwickelt waren.

Aktif betonte ebenfalls, dass man sich einer jährlichen Leistungsüberprüfung durch Partner-Korrespondenzbanken unterziehe und keine Transaktionen zum Zweck der Geldwäsche durchführe. Die Bank gab auch an, dass es ihre Grundwerte nicht zuließen, mit Unternehmen aus der Pornobranche Geschäftsbeziehungen zu unterhalten.

Anmerkung der Redaktion (08.10.2020):

Die DW hat diesen Beitrag aktualisiert, nachdem sie am 2. Oktober 2020 einen Brief der Aktif Bank erhalten hat.

Die DW hat den Verdacht der Bank of America mit Blick auf die Firmengeschichte der afghanischen Watan-Gruppe ausführlicher dargestellt.

In dem an die DW gerichteten Brief betont die Aktif Bank: "Unsere Bank hat keinerlei Überweisung an eine verbotene Gruppierung oder die Taliban ausgeführt."

Aktif stellt außerdem klar, dass die Watan-Gruppe "von der US-Armee 2010 lediglich für einen Zeitraum von drei Jahren von der Abgabe von Angeboten ausgeschlossen wurde" und dass dieses Verbot vorzeitig aufgehoben worden sei. Aktif unterstreicht, dass die Watan-Gruppe derzeit auf keiner schwarzen Liste stehe und dass "US-amerikanische Unternehmen weiterhin mit der besagten Gruppe zusammenarbeiten".

Zusammenfassend betont die Aktif Bank in ihrem Brief an die DW erneut, die Bank habe "definitiv keinerlei Mittlertätigkeit übernommen für eine Person oder eine Transaktion", die durch nationale oder internationale Stellen verboten seien. Sie habe "definitiv keine Vermittlung geleistet für Transaktionen mit Bezug zu Geldwäsche. Solche eine Vermittlung ist definitiv unmöglich."

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema

Anzeige