Die Bundeswehr und der lange Krieg in Afghanistan | Deutschland | DW | 11.09.2020
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Militärische Bilanz

Die Bundeswehr und der lange Krieg in Afghanistan

Der Afghanistan-Einsatz ist der blutigste in der Geschichte der Bundeswehr. 19 Jahre nach dem 11. September stehen die Zeichen auf Abzug. Was haben die deutschen Soldaten erreicht? Die DW hat nachgefragt.

War es das wert? Diese Frage stellen sich nicht nur die Familien der 59 deutschen Soldaten, die in Afghanistan ihr Leben verloren haben. Der Einsatz sollte für die Bundeswehr ausdrücklich kein Kampfeinsatz sein, sondern nur eine kurze Intervention zur Stabilisierung eines kriegsgeschundenen Landes, in dem sich Osama bin Laden versteckte.

Doch es kam alles ganz anders: Die Bundeswehr ist bis heute in Afghanistan im Einsatz - mit derzeit maximal 1300 Soldaten. In Spitzenzeiten waren es mehr als 5000.

Erfolg und Misserfolg

Das fundamentalistische Taliban-Regime, das Al-Kaida in Afghanistan Unterschlupf gewährt hatte, wurde gestürzt. Auch Al-Kaida-Chef Osama bin Laden wurde getötet – im Mai 2011 im Nachbarland Pakistan.

Afghanistan hat heute einen gewählten Präsidenten und ein gewähltes Parlament. Frauen dürfen arbeiten und Mädchen zur Schule gehen. Die Trümmerwüste Kabul hat sich in eine moderne Stadt verwandelt, in der Internet und Smartphone zum Alltag vieler Menschen gehören. 

Doch der Konflikt in Afghanistan gehört immer noch zu den blutigsten der Welt. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in bitterer Armut. Ohne internationale Hilfe kann sich die Islamische Republik nicht finanzieren, Korruption und Machtgier zerfressen den Staat. War es das wert? Das hat die DW Zeitzeugen gefragt.

Carl-Hubertus von Butler (69) war von Januar bis Juni 2002 der erste deutsche Kommandeur in Afghanistan, danach absolvierte er viele Kurzeinsätze im Land. Der pensionierte Heeres-General stammt aus einer Soldatenfamilie und lebt heute auf einem Gutshof in Bayern.

DW Special zu Bundeswehr 20 Jahre Afghanistan (AFP)

Carl-Hubertus von Butler

"Es war wie ein Erdbeben", erinnert sich Carl-Hubertus von Butler an seinen ersten Eindruck von Kabul im Januar 2002. Afghanistan hatte zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre Krieg hinter sich: die sowjetische Besatzung, den Bürgerkrieg, das Taliban-Regime. Die Bilder von damals begleiten ihn bis heute. "Man sah kaum Leute auf der Straße. Alles war zerstört. Man muss sich das vorstellen wie Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg." 

Bis zum 11. September wusste der deutsche General "so gut wie nichts" über das ferne Land in Zentralasien. Das änderte sich schlagartig, als die NATO nach den Terroranschlägen den Bündnisfall ausrief. Schon am 7. Oktober 2001 flogen die USA die ersten Luftangriffe. Am 5. Dezember beschloss eine internationale Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn, in Afghanistan einen demokratischen Staat aufzubauen. Der UN-Sicherheitsrat erteilte das Mandat für eine internationale Schutztruppe (ISAF) in Kabul.

"Wir waren damals sehr blauäugig"

Es war der Marschbefehl für Carl-Hubertus von Butler, der die erste Brigade in Kabul anführte: "Man hat gedacht, das wird schnell erledigt sein. Maximal ein bis zwei Jahre. Dann wird Afghanistan stabilisiert und möglicherweise sogar demokratisiert sein - und wir gehen raus, und alles ist gut." 

DW Special zu Bundeswehr 20 Jahre Afghanistan (picture alliance / dpa)

Die Bundeswehr rechnete anfangs mit einem kurzen Einsatz in Afghanistan

Doch das war ein Irrglaube. "Ich denke, dass wir damals wirklich sehr blauäugig waren", gibt von Butler ohne Umschweife zu. Man habe die afghanische Geschichte und die Jahre der Gewalt völlig verkannt. Aber vor allem: "Wir haben verkannt, dass eine afghanische Zentralregierung überhaupt nicht in der Lage sein wird, in die Provinzen hineinzugreifen. Wir haben verkannt, dass die Warlords in den Provinzen eine Riesenautorität hatten." Mit Warlords meint er auch die Mudschahedin, die mit US-Hilfe schon gegen die sowjetische Besatzung gekämpft hatten.

Das amerikanische Militär machte sie wieder zu Partnern - eine schwere Belastung für die Demokratie, die mit internationaler Hilfe entstehen sollte. "Das Mandat war einfach zu hoch gesetzt", betont Carl-Hubertus von Butler.

Im Oktober 2003 wurde das Einsatzgebiet der ISAF auf das ganze Land ausgeweitet. Deutsche Soldaten starben durch Selbstmordanschläge und in Gefechten. Afghanische Zivilisten starben, weil ein deutscher Oberst in Kundus einen Luftangriff auf die Taliban befahl. 

"Auf Messers Schneide"

"Ich habe persönlich ab etwa 2007 vom Krieg gesprochen", erinnert sich der General, der seit 2012 im Ruhestand ist. Doch was konnte die ISAF überhaupt ausrichten? "Soldaten können niemals für dauerhafte Stabilität sorgen." Das könne nur ein politisch und wirtschaftlich stabiler Staat. Den gab es nicht - und "die Vereinten Nationen waren da auch heillos überfordert".

Heute sieht er Afghanistan "auf Messers Schneide". Aus der NATO-Schutztruppe ist inzwischen eine Ausbildungsmission für die afghanische Armee geworden. Die Führungsmacht USA spricht schon lange nicht mehr vom Staatsaufbau. Von Butler tut es auch nicht.

"Wir haben es geschafft, dass von Afghanistan zumindest absehbar keine Gefahr mehr für die internationale Gemeinschaft ausgeht", bilanziert er. "Es war ein Einsatz für den Frieden der Staatengemeinschaft, der modernen Welt, mit einem hohen Opfer. Aber zu sagen, das war alles umsonst oder das war ein einziges Desaster, dem würde ich doch deutlich widersprechen."

Als Soldatin war Dunja Neukam (48) vier Mal im Afghanistan-Einsatz. Nach insgesamt zwölf Jahren bei der Truppe hat die gelernte Krankenschwester aus Neuwied bei Koblenz die Bundeswehr verlassen.

Dunja Neukam - ehemalige Bundeswehr-Soldatin im Afghanistan-Einsatz (Privat)

Dunja Neukam in Afghanistan

An ihre erste Ankunft in Kabul erinnert Dunja Neukam sich noch gut: Die Bundeswehr-Maschine steuerte im Steilflug auf die Landebahn zu, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Eine sogenannte taktische Landung, bei der ihr übel wurde. Das war im Juni 2002. "Draußen schlugen uns dann 50 Grad entgegen und da war nichts Buntes, es war alles Sand und grau." Zum ersten Mal sah sie Frauen in Burkas. "Das war schon eine ganz andere Welt."

Doch der Empfang war freundlich: "Die Afghanen haben immer gewunken und sich gefreut, auch die Kinder." Die deutschen Soldaten waren Teil der ISAF, der multinationalen Truppe, die nach dem Sturz der Taliban die Hauptstadt Kabul sichern sollte. Dunja Neukam, damals 30 Jahre alt und Sanitätsfeldwebel, arbeitete auf der Intensivstation im "Camp Warehouse", einer Militärbasis der ISAF. Neben Soldaten aus verschiedenen Ländern behandelte sie auch Afghanen, darunter den ehemaligen König Zahir Schah, der aus dem Exil zurückgekehrt war. 

Selbstmordanschlag auf die Bundeswehr

Sie kam auch in der kriegszerstörten Stadt herum. "Wir haben immer auf die deutsche Fahne auf unseren Uniformjacken gezeigt, und dann sind die Daumen hochgegangen: good, good! Das war zum damaligen Zeitpunkt schon ein schönes Gefühl." Die Soldaten fuhren in ungepanzerten Fahrzeugen durch die Stadt, verschenkten Süßigkeiten an die Kinder. "Bei meinem allerersten Einsatz war das wirklich noch sehr unbedarft."

Das änderte sich schlagartig im Juni 2003: Ein Selbstmordattentäter sprengte in Kabul einen Bus mit deutschen Soldaten in die Luft, vier von ihnen starben, viele weitere wurden verletzt. Dunja Neukam hatte Afghanistan erst kurz zuvor verlassen und kannte die Kameraden gut. "Ich habe sie in Kabul noch fit und fröhlich gesehen. Das hat dann alles geändert." 

DW Special zu Bundeswehr 20 Jahre Afghanistan (picture alliance / AP Photo)

Immer wieder gab es Anschläge auf die Bundeswehr in Afghanistan

Nach diesem Anschlag verschärfte die Bundeswehr die Sicherheitsregeln, das Misstrauen gegenüber den Afghanen wuchs. "Man fuhr gepanzert, hoch aufgerüstet im Konvoi, hat keinen mehr ans Fahrzeug gelassen." Das, sagt Neukam rückblickend, sei gerade mal ein Jahr nach dem herzlichen Empfang gewesen. "Ich war dann auch den Afghanen gegenüber sehr zurückhaltend. Dieses Unbedarfte und Freundlich-Sein, das hatte ich dann nicht mehr", erinnert sie sich. "Hinter jedem Afghanen hat man einen Feind gesehen, das muss man auch so sagen."

"Was mache ich hier eigentlich?"

Trotzdem glaubte sie weiter an den Erfolg der Mission: "Ich war der festen Überzeugung, dass man mit wirtschaftlicher Hilfe, gutem Zutun und Bildung dem Land wieder auf die Beine hilft." Doch auch dieses Vertrauen bröckelte, als die Bundeswehr im Norden des Landes immer wieder in schwere Kämpfe mit den Taliban geriet. Besonders verlustreich war das Jahr 2010, das Dunja Neukam zur Hälfte in Kundus verbrachte. Inzwischen hatte sie ein Psychologie-Studium aufgenommen und stand als sogenannter Psychologie-Feldwebel ihren Kameraden bei Sorgen und Nöten zur Seite. Einige von ihnen hätten am Einsatz gezweifelt: "Was mache ich hier eigentlich? Das war auch so eine Frage, die mir gestellt worden ist. Sag mir, was ich hier eigentlich mache!" 

Auch sie selbst hat Bilanz gezogen nach ihren vier Einsätzen, ist dankbar für die Erfahrungen, gute wie schlechte. "Letztendlich, wenn ich sehe, wo Afghanistan jetzt wieder steht, war es das nicht wert", sagt die gelernte Krankenschwester, die heute mit Schwerst-Mehrfachbehinderten arbeitet. Dazu hätten zu viele Kameraden ihr Leben verloren, seien verwundet worden an Körper oder Seele. Und wofür das alles? "Mit Blut und Schweiß hat man Ortschaften erkämpft, die jetzt wieder in der Hand der Taliban sind. Das finde ich ganz schlimm."

Der Potsdamer Historiker Sönke Neitzel (52) ist Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Militärgeschichte in Deutschland. In seinem neuen Buch "Deutsche Krieger", das Anfang November erscheint, beleuchtet Neitzel auch den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan.

Sönke Neitzel, Militärhistoriker Universität Potsdam (Kai Bublitz)

Der Militärhistoriker Sönke Neitzel

"Die Deutschen hatten nie eine strategische Vision für Afghanistan", kritisiert der Militärhistoriker Sönke Neitzel. "Es ging immer um die NATO und das außenpolitische Gewicht Deutschlands." Um nach den Anschlägen vom 11. September Bündnissolidarität zu zeigen, habe Bundeskanzler Gerhard Schröder die Bundeswehr nach Afghanistan geschickt - in der Absicht, sie sechs Monate später wieder abzuziehen. "Um die Afghanen ging es dabei allenfalls in zweiter Linie."

Doch aus dem geplanten Kurz-Einsatz wurde nichts. Die Bundeswehr blieb, und die Sicherheitslage verschärfte sich. Später griffen die Taliban und andere Aufständische das deutsche Kontingent im Norden Afghanistans auch direkt an - eine Phase, die im April 2009 eskalierte. Die Bundeswehr musste zum ersten Mal in ihrer Geschichte kämpfen.

Dazu seien die Kommandeure und Kampftruppen in Kundus auch bereit gewesen, betont der Militärhistoriker, der Tagebücher von Soldaten und Einsatzberichte ausgewertet hat. Nicht aber die Bundesregierung: "Kanzlerin Merkel wollte das nicht, der Verteidigungsminister wollte das nicht und der Generalinspekteur der Bundeswehr auch nicht." Als die Soldaten schwere Waffen und mehr Kräfte forderten, stießen sie in Berlin zunächst auf taube Ohren. "Wir halten uns da raus, das ist die Sache der Afghanen", habe es dort geheißen.

Soldaten, die nicht kämpfen sollen

Für die Soldaten war das ein Dilemma, denn sie konnten sich nicht heraushalten - zum einen wegen der Angriffe der Taliban, zum anderen wegen des Drucks aus dem ISAF-Hauptquartier, härter gegen die Aufständischen vorzugehen. Die deutschen Soldaten, so Neitzels Fazit, "saßen zwischen allen Stühlen". Ein Abzug kam für die Bundesregierung aber nicht infrage: "Aus politischen Gründen wollte man weiter der drittgrößte Truppensteller in Afghanistan sein. Denn als solcher hatte Deutschland Gewicht in der EU, bei den Vereinten Nationen und vor allem in der NATO."

Die Verbündeten hätten irritiert auf dieses widersprüchliche Verhalten der Deutschen reagiert und die Bundeswehr-Soldaten zuweilen für Weicheier gehalten. "Wer sich einigermaßen um ein objektives Urteil bemühte, wusste: Die deutschen Soldaten können und wollen kämpfen, sie dürfen aber nicht", sagt Neitzel. Die Gründe verortet er in der deutschen Geschichte: "Das Ereignis des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs wirkt in der deutschen politischen Kultur immer noch massiv nach. Es wird aber auch als Ausrede genutzt."

Merkel / Afghanistan / Masar-i-Scharif (dapd)

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Truppenbesuch in Afghanistan

Genervte Verbündete

Das Ergebnis: Aus außenpolitischen Gründen sei Deutschland bei multinationalen Einsätzen immer "ein bisschen dabei", wolle aber möglichst nicht kämpfen. "Das nervt natürlich alle in der NATO kolossal."

Dieses "strategische Versagen der Bundesregierung", wie Neitzel es nennt, habe dazu geführt, dass die Loyalität der Soldaten zum Staat geschwächt worden sei. Daher wundert es ihn auch nicht, "dass die AfD so populär ist unter den Soldaten". Viele, die vorher treue Wähler der Merkel-Partei CDU waren, würden heute wohl der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) ihre Stimme geben.

Der Afghanistan-Einsatz habe die Frage aufgeworfen, wozu Deutschland überhaupt für 45 Milliarden Euro im Jahr Streitkräfte unterhält - Kampftruppen, Spezialkräfte und kostspielige Waffensysteme eingeschlossen. Doch dieser Frage weiche die Bundesregierung konsequent aus, kritisiert Neitzel. "Auf der strategischen Ebene haben wir nichts aus dem Afghanistan-Einsatz gelernt."

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