Fall Anis Amri: Ein ″wertvoller Zeuge″ im Bundestag | Deutschland | DW | 17.01.2019
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Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016

Fall Anis Amri: Ein "wertvoller Zeuge" im Bundestag

Ein syrischer Asylbewerber berichtet im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss über seine Zeit mit dem islamistischen Attentäter von Berlin. Der Zeuge bringt die Behörden in Erklärungsnot.

Berlin Terroranschlag Breitscheidplatz 2016 (picture-alliance/dpa/B.v. Jutrczenka)

Kurz nach dem Attentat des Islamisten Anis Amri auf dem Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016

Mohamed J. teilte im Sommer 2015 sein Zimmer in einem Asylbewerber-Heim der Stadt Emmerich im Bundesland Nordrhein-Westfalen mit dem späteren Attentäter Anis Amri und informierte staatliche Stellen über dessen auffälliges Verhalten. Seine Hinweise wurden seitens der Sicherheitsbehörden aber offenbar unterschätzt. Denn kurz vor Heiligabend 2016 raste der Tunesier mit einem gestohlenen Lastwagen in den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz und tötete elf Menschen. Zuvor hatte er den LKW-Fahrer ermordet. Am Donnerstag berichtete Mohamed J. im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Bundestages über seine Erlebnisse mit Amri.

Als der heute 26-jährige Mohamed J. aus Syrien flüchtete, war er einer von mehreren Hunderttausend. Die deutschen Behörden waren völlig überfordert, kamen mit der Registrierung und Unterbringung der vielen Neuankömmlinge kaum hinterher. In dieser Situation informierte Mohamed J. die Heimleitung, dass sein Mitbewohner "nicht normal" sei. Ständig mache er ihm und zwei weiteren Männern im gemeinsam genutzten Zimmer religiöse Vorhaltungen. Außerdem bemerkt J., dass Amri eine Art Notizbuch hat, auf der die Flagge der Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) zu sehen ist.  

Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge war im Bilde

Die in arabischer Sprache vorgetragenen und simultan ins Deutsche übersetzten Beobachtungen des jungen Studenten sind für den Untersuchungsausschuss hochinteressant. Denn die Abgeordneten versuchen seit März 2017 herauszufinden, warum der in Sicherheitskreisen bekannte Islamist Amri nicht rechtzeitig gestoppt werden konnte. Immerhin wurde er als sogenannter Gefährder geführt. So werden Personen bezeichnet, denen ein Terror-Anschlag zugetraut wird.         

Jahrestag des Berliner Terroranschlags am Breitscheidplatz (picture alliance/dpa/B. Pedersen)

Die Namen der Opfer des Attentats sind in die Stufen vor der Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz eingraviert

Warum die brisanten Hinweise des Zeugen J. im Sande verliefen, ist unklar. Neben dem Heimleiter in Emmerich erfuhr auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) im Sommer 2016 davon, also ein halbes Jahr vor dem folgenschwersten islamistischen Attentat in Deutschland. Der junge Mann, der in Syrien studiert hat und in seiner neuen Heimat inzwischen für eine Baufirma arbeitet, informierte die Behörden noch über andere Gewohnheiten Amris. Er habe sich Videos über Selbstmord-Attentate angesehen und via Internet mit Leuten kommuniziert, die J. für IS-Sympathisanten hielt.

Deutschland war für Amri das "Land der Ungläubigen"

Seine Mitbewohner habe er gefragt, warum sie im "Land der Ungläubigen" seien, statt in Syrien zu kämpfen. Dass er selbst in Deutschland war, habe Amri damit begründet, Deutsche "beklauen" zu wollen. Das erlaube der Islam. Über die Absicht, einen Anschlag verüben zu wollen, habe Amri aber nicht gesprochen, sagte J. vor dem Untersuchungsausschuss. Dessen Vorsitzender Armin Schuster verabschiedete ihn damit, dass er ein "wertvoller Zeuge" gewesen sei.

Der endgültige Wert der Aussage wird sich wohl erst in einigen Monaten bemessen lassen. Denn die Behörden-Mitarbeiter, denen sich Mohamed J. offenbart hat, sollen ebenfalls als Zeugen aussagen. Im Mittelpunkt des Interesses dürfte dann die Frage stehen, warum die Polizei erst Ende Januar 2017 auf J. zukam. Einen Monat nach dem Attentat.     

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