Faktencheck: Wie groß ist die Ansteckungsgefahr im Flugzeug? | Welt | DW | 24.04.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Corona

Faktencheck: Wie groß ist die Ansteckungsgefahr im Flugzeug?

Der Sommer rückt näher und immer mehr Menschen denken darüber nach, in den Urlaub zu fliegen. Doch wie riskant ist es, während der Pandemie mit dem Flugzeug zu reisen? Die DW klärt die wichtigsten Fragen im Faktencheck.

Schiphol Coronavirus Urlaber am Flugahfen

Viele Menschen weltweit sehnen sich auch während der Pandemie nach Urlaubsreisen

Dieser Beitrag wurde zuletzt am 24.04.2021 aktualisiert. Neuere Entwicklungen oder Daten wurden nicht berücksichtigt.

Was wissen wir über die Übertragung des Coronavirus in Flugzeugen?

Wie genau Coronaviren im Flugzeug übertragen werden, ist wissenschaftlich noch nicht belegt worden. Forscher sind sich allerdings einig, dass Passagiere einen Mund-Nasen-Schutz tragen und Abstand halten sollten, um sich und andere zu schützen.

Eine Studie der US-Behörde Centers for Disease Control Prevention (CDC) bestätigt, wie wichtig das Tragen von Gesichtsmasken und das Belüftungssystem während Flügen sind. Forscher untersuchten für die Studie einen Langstreckenflug von Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) nach Auckland (Neuseeland). Während des Fluges steckten sich vier Passagiere von einer oder zwei Personen an, die bereits vor dem Flug infiziert waren. Zwei der infizierten Passagiere hatten während des Flugs keinen Mund-Nasen-Schutz getragen.

Infografik - COVID-19 Übertragung in einem Flugzeug - DE

Zudem war das Belüftungssystem, das eine Übertragung von Viren verhindern soll, zwischenzeitlich ausgeschaltet gewesen, als die Maschine einen 30-minütigen Zwischenstopp in Kuala Lumpur (Malaysia) einlegte, um nachzutanken. Während des Stopps sei keiner der Passagiere ausgestiegen. Das Ausschalten der Belüftung könnte die Ansteckungen begünstigt haben, so die Forscher.

Wie funktioniert die Belüftung im Flugzeug genau und wie effektiv ist sie gegen eine Coronavirus-Übertragung?

Das Ansteckungsrisiko in Innenräumen ist stets höher als draußen. Dem soll das Belüftungssystem im Flugzeug entgegenwirken. Durch die Klimaanlage gelangt teilweise frische, erwärmte und verdichtete Luft in die Flugkabine. Zudem wird die veratmete Luft mit sogenannten HEPA-Filtern (kurz für High-Efficiency Particulate Air-Filter) gereinigt. Diese sollen luftgetragene Partikel bis zu 99,95 Prozent zurückhalten und damit die Infektionsgefahr stark eindämmen. Die frische Luft von draußen und die gefilterte Luft von drinnen werden dann durchmischt und wieder in die Kabine gelassen.

Infografik - Wie Luft im Flugzeug zirkuliert - DE

Je nach Größe des Flugzeugs und Länge des Fluges variiert die Menge an Frischluft, die zugeführt wird und auch, wie oft die Luft in der Kabine tatsächlich komplett ausgetauscht wird. Der Lufthansa zufolge besteht die Luft in der Passagierkabine eines Airbus 320 während eines Fluges beispielsweise zu 60 Prozent aus klimatisierter Luft, also aufbereiteter Luft von draußen, und etwa zu 40 Prozent aus gefilterter Luft.

Anerkannte Studien zu Belüftungssystemen in Flugzeugen und der Verbreitung von Corona fehlen. Dennoch sagen Experten, dass die Systeme nicht vollständig vor einer Ansteckung schützen können. HEPA-Filter können nur die Partikel reinigen, die sie tatsächlich erreichen. Deswegen sollten Passagiere das Risiko selbst minimieren, Viruspartikel aufzunehmen.

Die HEPA-Filter seien nicht schlecht, aber eben nicht hundertprozentig sicher, sagt auch der Infektionsepidemologe Timo Ulrichs, Professor an der Berliner Akkon Hochschule für Humanwissenschaften. Wenn sich Passagiere in der Flugzeugkabine bewegten, könnte dies die Richtung des Luftstroms beeinflussen, sagt der Wissenschaftler gegenüber der DW. "So kann es sein, dass bestimmte Luftanteile länger, als von den technischen Voraussetzungen angegeben wird, in der Innenkabine bleiben." Und damit steige die Infektionsgefahr. Das bestätigt auch Dieter Scholz, Professor für Flugzeugentwurf, Flugmechanik und Flugzeugsysteme an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. "Überall in diesen Verwirbelungen können dann auch die Viren, die Aerosole, mitgetragen werden", erklärt er der DW im Interview. 

Kann ich im Flugzeug bedenkenlos essen und trinken?

Experten raten Passagieren, während des Fluges nicht zu essen oder zu trinken und Mahlzeiten allenfalls schnell zu sich zu nehmen. "Wenn ein Passagier kurz seine Maske abnimmt, um zu essen oder zu trinken, sollten andere Passagiere in der Nähe ihre Masken aufbehalten", heißt es zudem in einem Bericht der Harvard-Universität zur COVID-Risiko-Minimierung in Flugzeugen.

Jeder Moment, in dem ein Mund-Nasen-Schutz im Flugzeug abgenommen werde, erhöhe die Gefahr, sich anzustecken. Je länger gegessen werde, desto größer sei also auch das Risiko, jemanden anzustecken, sagt auch Ulrichs.

Besteht ein erhöhtes Risiko, sich auf der Bordtoilette anzustecken?

Auch die Bordtoilette wird belüftet - dennoch wisse man nicht, ob die Person, die die Toilette vor einem benutzt hat, ihre Maske getragen oder abgenommen habe, sagt der Epidemiologe Ulrichs. Wenn sie sie abgenommen habe, seien natürlich mehr Aerosole in der Luft, mit denen man sich anstecken könnte. Die Maske sollte also auch während des Toilettengangs getragen werden.

Bordtoilette von einem Flugzeug, Boeing 777

Während des Toilettengangs sollten Passagiere ihre Masken aufbehalten und danach ihre Hände waschen

Das bestätigt auch eine südkoreanische Studie von 2020. Für diese betrachteten Forscher einen sogenannten Evakuierungsflug, in dem 310 Passagiere von Mailand (Italien) nach Incheon (Südkorea) flogen. Sechs der Passagiere waren infiziert, aber asymptomatisch. Dabei soll sich eine Frau auf der Toilette mit dem Coronavirus angesteckt haben. Sie berichtete, dass sie während des gesamten Fluges eine N95-Maske getragen hatte - außer bei der Benutzung der Toilette.

Es besteht zudem die Möglichkeit, sich durch das Berühren von Oberflächen in der Toilettenkabine anzustecken. Wasserhahn und Türklinke werden beispielsweise von vielen Nutzern angefasst. "Es ist unwahrscheinlich, aber möglich, dass die Partikel auf Ihre Hände gelangen und Sie dann ihr Gesicht berühren. Es ist also auch wichtig, sich die Hände zu waschen. Die Verwendung von Desinfektionsmitteln ist eine gute zusätzliche Maßnahme", sagt Leonard Marcus, Direktor der Aviation Public Health Initiative der Harvard Universität, der DW im Interview. Man solle zudem vermeiden, sein Gesicht anzufassen, um das Ansteckungsrisiko deutlich zu reduzieren, fügt er hinzu.

Wie kann ich mich am besten während eines Fluges schützen?

Die Verwendung eines Mund-Nasen-Schutzes wird von vielen Experten empfohlen und ist in manchen Ländern, wie den USA oder Deutschland, an Flughäfen und auch in Flugzeugen vorgeschrieben. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die Maske eng am Gesicht anliegt. Deswegen empfiehlt Marcus sogar die Verwendung von zwei Gesichtsmasken übereinander, um Mund und Nase gut abzudecken.

Video ansehen 03:36

Impftourismus: Ein Piks und unbeschwerte Tage

Experten empfehlen auch, den Blick nach vorn zu richten und Essen und Trinken zu vermeiden. Wenn man doch etwas zu sich nehmen muss, sollte man prüfen, ob Passagiere in der Nähe ihre Maske aufgesetzt haben - und sonst höflich darum zu bitten.

Marcus empfiehlt zudem, die Ventilatoren oberhalb des Sitzes anzuschalten. Das bestätigt auch eine britische Oxford-Studie. Die sogenannten Gasper-Luftströme oberhalb des Sitzes sollten angeschaltet werden, um den Reisekomfort und die Luftqualität zu verbessern, und die Übertragung von ausgeatmeten Schadstoffen von Mensch zu Mensch zu reduzieren, heißt es darin.

Muss ich trotzdem vorsichtig sein, wenn ich geimpft bin?

Der CDC zufolge können geimpfte Passagiere mit einem geringen Risiko für sich selbst reisen. Wichtig ist, dass eine Person erst zwei Wochen nach der letzten empfohlenen Impfdosis als vollständig geimpft gilt.

Dennoch sollte man sich vor allem in der Übergangsphase, in der noch nicht genug Menschen geimpft sind, an alle Vorsichtsmaßnahmen halten, da es auch bei Geimpften ein minimales Risiko gebe, andere anzustecken, sagt der Epidemiologe Ulrichs.

Wachsamkeit ist auch notwendig, da immer wieder neue Virusvarianten auftauchen und sich ausbreiten. In Neuseeland steckte sich ein Flughafenmitarbeiter mit der britischen Variante an, als er in Auckland ein Flugzeug reinigte. Der Angestellte sei vollständig geimpft gewesen, so dieneuseeländischen Behörden.

Was sollte ich bei Flugreisen sonst noch beachten?

Schutzmaßnahmen sollten sich der Aviation Public Health Initiative der Harvard-Universität zufolge nicht nur auf die Flugzeugkabine und die Gates beschränken. Reisende sollten die gesamte Reise vorsichtig sein - bei der Anreise zum Flughafen, bei Menschenansammlungen an den Sicherheitskontrollen, bei der Gepäckausgabe sowie in den Food-Courts und anderen Bereichen mit vielen Menschen. Wichtig ist zudem, sich an die Vorschriften sowohl im Abflugs- als auch im Ankunftsland zu halten -- und sich entsprechend zu informieren, ob beispielsweise ob ein PCR-Tests erforderlich ist oder welche Sicherheitsmaßnahmen am Flughafen eingehalten werden müssen.

Die Weltgesundheitsorganisation schreibt zudem auf ihrer Webseite, dass Reisende auch nach der Rückreise ihren Gesundheitszustand beobachten und auf mögliche Symptome achten sollten, vor allem wegen der steigenden Fälle von Virusvarianten.

Die Redaktion empfiehlt