Faktencheck: Ist Atomenergie klimafreundlich? | Wissen & Umwelt | DW | 11.11.2021
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Klimawandel

Faktencheck: Ist Atomenergie klimafreundlich?

"Wer gegen Kernenergie ist, ist gegen Klimaschutz", sagen Atomenergie-Befürworter. Darüber wird aktuell heftig gestritten. Aber was sagen die Zahlen? Ist die Kernenergie wirklich ein Ausweg aus der Klimakrise?

Tschechien AKW Dukovany

Klimafreundlich oder nicht? Bei der Atomenergie gehen die Meinungen auseinander

Es sind Zahlen wie diese, die Zweifel wecken, ob die Welt wirklich ernsthaft gegen die Klimakrise kämpft: Der globale CO₂-Ausstoß wird 2021 um 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigen, prognostizieren Forscher der Initiative "Global Carbon Project" in ihrer jüngst veröffentlichten Studie. Ja, im Vorjahr waren die Emissionen pandemiebedingt um 5,4 Prozent gefallen und ein Rebound-Effekt war erwartet worden. Nicht aber, dass er so stark ausfällt. Und weil der Energiesektor mit einem Anteil von 40 Prozent weiter der größte Treibhausgasemittent ist (Tendenz steigend), richten sich die Blicke bei der Weltklimakonferenz COP26 zu allererst auf ihn. Wie kann unser Strom klimafreundlicher werden? 

Manche sagen: mit mehr Atomenergie. Befürworter der Kernkraft sehen diese als klimaschonende Energie oder zumindest als wichtige Brückentechnologie: "Wer gegen Kernenergie ist, ist gegen Klimaschutz", "wenn Du den Fortschritt der Nuklearenergie nicht unterstützt, bist du nicht ernsthaft für Treibhausgas-Reduktion" oder "wer von Kernenergie nicht reden will, soll vom Klimawandel schweigen", lauten virale Tweets der letzten Wochen. Und manche glauben sogar: "Die Atomenergie steht vor ihrem Comeback." Was ist dran an diesen Aussagen? 

Ist Kernenergie emissionsfrei?

Nein. Auch die Kernenergie verursacht Emissionen von Treibhausgasen. Ganz frei von Emissionen ist allerdings kaum eine Energieform, doch dazu später mehr. Bei der Gewinnung, dem Transport und der Aufbereitung von Uran entstehen Emissionen. Auch der lange und aufwändige Bau der Atomkraftwerke setzt CO₂ frei. Beim Rückbau geschieht dies ebenfalls. Und nicht zuletzt muss der atomare Müll transportiert und unter strengen Vorgaben eingelagert werden - auch hier sind Emissionen einzukalkulieren.

Deutschland Mülheim-Kärlich 2019 | AKW-Abriss

Auch beim Rückbau von Atomkraftwerken - wie hier im deutschen Mülheim-Kärlich - entsteht CO2

Und doch behaupten Interessengruppen, Kernenergie sei emissionsfrei - zum Beispiel die österreichische Berater-Firma Enco. Sie erstellte für das niederländische Wirtschaftsministerium eine Studie, in der wohlwollend die mögliche zukünftige Rolle der Kernenergie für die Stromgewinnung in den Niederlanden betrachtet wird: "Die Hauptgründe für die Wahl der Kernenergie sind die Verlässlichkeit sowie die Versorgungssicherheit und das ganz ohne jegliche CO2-Emission." Enco wurde von Experten der Atomenergie-Behörde gegründet und arbeitet mit Stakeholdern der Kernkraft - ist insofern also nicht ganz frei von Interessen. 

"Unter Berücksichtigung des aktuellen Gesamtenergiesystems ist Kernenergie keineswegs CO2-neutral." Zu diesem Ergebnis kommt die Forschergruppe "Scientists for Future" in ihrem zur Weltklimakonferenz vorgestellten Diskussionsbeitrag Kernenergie und Klima. Die DW sprach mit einem der Autoren des Berichts, Ben Wealer von der Technischen Universität Berlin. Er kritisiert, dass Befürworter der Atomenergie "viele Faktoren nicht berücksichtigen". Dies seien zum Beispiel der Bau und Betrieb von Endlagern, der Atommülltransport sowie der Rückbau der Anlagen. Alle Studien, die die DW einsehen konnte, deuten in die gleiche Richtung: Kernkraft ist nicht emissionsfrei.

Deutschland | Atommülllager Gorleben

Zwischenlager Gorleben: Radioaktiver Müll ist ein großes Problem der Atomenergie - und sorgt auch für Emissionen

Wie viel CO2 entsteht bei der Produktion von Atomstrom?

Hier gehen die Ergebnisse weit auseinander, je nachdem, ob nur der Prozess der Energiegewinnung im engeren Sinne oder der gesamte Lebenszyklus eines AKW betrachtet wird. Allein der IPCC-Report von 2014 geht von einer Spanne von 3,7 bis 110 Gramm CO2-Äquivalenten pro Kilowattstunde aus. Im Mittel ging man lange von 66 Gramm CO2 pro erzeugter Kilowattstunde Atomstrom aus, doch das geht an der Realität vorbei, meint Ben Wealer, der eigentliche Wert liege höher. Neue Anlagen verursachen beim Bau - bedingt durch komplexere Vorschriften, zum Beispiel bei der Sicherheit - mehr CO2 als frühere Anlagen. 

Lesen Sie mehr: "Atomkraft verschlimmert die Klimakrise!"

Studien, die den gesamten Lebenszyklus von Atomkraftwerken sowie die Energiegewinnung von Uran-Gewinnung bis Atommüllagerung betrachten, sind selten. Einige Forscher verweisen auf noch fehlende Daten. Das World Information Service on Energy (WISE) hat in einer Studie den CO2-Ausstoß auf 117 Gramm pro Kilowattstunde Atomstrom berechnet und dabei den gesamten Lebenszyklus berücksichtigt. Hier muss angemerkt werden: Das WISE setzt sich öffentlich gegen Atomenergie ein, ist somit nicht ganz unbefangen. Allerdings kommen auch andere Berechnungen auf ähnliche Werte, wenn der gesamte Lebenszyklus sowie Produktionsprozess berücksichtigt wird: 68-180 Gramm CO2/kWh beträgt die Spanne laut Mark Z. Jacobson, dem Direktor des Atmosphere and Energy Program der Stanford Universität, je nach Strommix bei der Urangewinnung und weiteren Variablen. 

Wie klimafreundlich ist Kernenergie im Vergleich zu anderen Energien?

Bezieht man den gesamten Lebenszyklus eines AKW mit in die Berechnung ein, steht die Kernenergie zwar besser da als fossile Energieträger wie Kohle oder Gas. Doch der Abstand zu den erneuerbaren Energien ist beträchtlich. 

Nach neuen, noch unveröffentlichten Daten des deutschen Umweltbundesamtes sowie der WISE-Lebenszyklus-Berechnung wird bei der Kernenergie 3,5 Mal mehr CO2 pro erzeugter Kilowattstunde freigesetzt als bei Photovoltaik-Anlagen. Im Vergleich zur landbasierten Windkraft ist es 13 Mal mehr CO2 und gegenüber der Wasserkraft sogar 29 Mal mehr CO2. 

Infografik Emmissionsbilanz bei der Stormerzeugung von verschiedenen Energieträgern

Kann ein Ausbau der Kernenergie die globale Erwärmung aufhalten?

Weltweit fordern einige Vertreter der Atomenergie sowie auch manche Politiker den Ausbau der Kernenergie, in Deutschland zum Beispiel die rechtspopulistische AfD, die die Kernkraft als "modern und sauber" bezeichnet. Die Partei fordert in Deutschland eine Rückkehr zur Atomkraft, in anderen Ländern wird der Bau neuer Anlagen gefordert. Die Argumentation: Ohne Kernkraft verschlechtere sich die Klimabilanz des Energiesektors. Dem widersprechen zahlreiche Forscher: "Der Beitrag (der Kernenergie, Anm. d. Red.) wird zu optimistisch betrachtet", sagt Ben Wealer von der TU Berlin. "In Wahrheit sind die Bauzeiten zu lang und die Kosten zu hoch, um noch einen spürbaren Effekt auf den Klimawandel zu haben. Atomenergie ist zu langsam verfügbar." 

Das sieht auch Mycle Schneider, Autor des World Nuclear Industry Status Reports (WNISR),  so: "Atomkraft ist etwa viermal so teuer wie Wind oder Solar und der Bau dauert fünfmal so lang. Wenn man alles einkalkuliert, liegt man bei 15 bis 20 Jahren Vorlaufzeit für ein neues AKW." Die Welt müsse die Treibhausgase binnen der nächsten zehn Jahre in den Griff bekommen. "Und in den nächsten zehn Jahren kann die Atomkraft keinen nennenswerten Beitrag leisten."

Antony Froggatt, Forscher und Politikberater an der britischen Denkfabrik Chatham House, unterstützt diese Sichtweise. "Atomenergie ist keine Lösung für den Klimawandel." Eine Kombination aus zu hohen Kosten, den Folgen für die Umwelt sowie mangelnder öffentlicher Unterstützung sprächen gegen die Kernenergie. 

Infografik: Erzeugungskosten von Strom mit verschiedenen Technologien zuzüglich Folgekosten

Strom aus Atomkraft ist teuer, besonders wenn Folgekosten berücksichtigt werden

Durch die hohen Kosten für die Atomenergie blockiert die Technik zudem wichtige finanzielle Mittel für die Weiterentwicklung der regenerativen Energien, findet Nuklear-Experte und Greenpeace-Aktivist Jan Haverkamp. Erneuerbare Energien würden schneller, mehr und billigere Energie bereitstellen als Kernenergie. "Jeder Dollar, der in Kernenergie investiert wird, ist ein Dollar, der für wichtige klimawirksame Maßnahmen fehlt. In diesem Sinne ist Kernenergie nicht klimafreundlich."

Hinzu kommt, dass die Atomenergie selbst ein Problem mit dem Klimawandel bekommt. In heißen Sommern mussten bereits mehrere AKW heruntergefahren oder ganz vom Netz gehen, da aufgrund sinkender Pegel vieler Flüsse die Kühlung der Reaktoren nicht mehr gewährleistet war.

Vor allem aber wegen ihrer sinkenden Bedeutung im Markt sei der Begriff der "Renaissance der Atomkraft" vor dem Hintergrund der Fakten nicht zu rechtfertigen, so Mycle Schneider im DW-Interview. De facto schrumpfe die Atomindustrie seit Jahren. "In den letzten 20 Jahren sind 95 AKW ans Netz gegangen und 98 abgestellt worden. Wenn man China herausgerechnet, dann ist die AKW-Flotte in den letzten 20 Jahren um 50 Reaktoren geschrumpft. Es gibt keine blühende Atomindustrie."

Mitarbeit: Jo Harper und Gero Rueter

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