Faktencheck: Helikopterflug kein Beweis für Sabotage der USA an Nord-Stream-Pipeline | Europa | DW | 29.09.2022
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Gaslecks

Faktencheck: Helikopterflug kein Beweis für Sabotage der USA an Nord-Stream-Pipeline

Sabotage gilt als wahrscheinliche Ursache der Lecks in Nord Stream 1 und 2. Aber wer war's? Pro-russische Stimmen behaupten, ein US-Helikopter könnte den Anschlag verübt haben. Ein Faktencheck.

US Navy Sikorsky MH-60 Sea Hawk Helikopter

Ein solcher US-Hubschrauber vom Typ Sikorsky MH-60S soll über die Gaslecks geflogen sein, behaupten Internetnutzer

Aus inzwischen vier Lecks blubbert das Gas ins Meer. Die Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 von Russland nach Deutschland sind beschädigt und Experten und Politiker sprechen längst von nur noch einer denkbaren Ursache: Sabotage. "Alle verfügbaren Informationen deuten darauf hin, dass diese Lecks das Ergebnis einer vorsätzlichen Handlung sind", sagte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell im Namen der 27 Mitgliedstaaten. Eine große Frage steht nun im Raum: Wer hat die Pipelines Nord Stream 1 und 2 sabotiert?

Während viele Experten mehr oder weniger klar auf Russland deuten, behaupten zahlreiche Nutzer im Netz, die USA seien für die mutmaßliche Sabotage verantwortlich. Befeuert wurde die Diskussion durch Polens früheren Verteidigungs- und Außenminister Radosław Tomasz Sikorski. Er twitterte ein Fotos eines der Gas-Lecks und schrieb dazu: "Thank you, USA". Später löschte Sikorski seinen Tweet, hier ist er jedoch archiviert. Immer wieder wird dabei mit der Anwesenheit von amerikanischen Flottenverbänden in der Ostsee argumentiert, unter anderem auch von Politikern der rechtspopulistischen Partei AfD. Einige der Behauptungen gingen in den letzten Tagen viral.

Dänemark Ostsee bei Bornholm | Leck Nord Stream 2

Eines der Gaslecks in Ostsee bei Bornholm: Vieles deutet auf Sabotage - aber durch wen?

Behauptung: "Zufälle gibt es...", raunt ein Telegram-Nutzer sarkastisch und berichtet über einen "amerikanischen Hubschrauber mit dem Rufzeichen FFAB123", der angeblich am 2. September "entlang der Nord-Stream-2-Route oder sogar zwischen den Punkten, an denen sich der Unfall ereignete" geflogen sei. Der Originalbeitrag des russischen Thinktanks Vatfor erreichte mit den Behauptungen zum US-Helikopter 1,7 Millionen Aufrufe und auch auf Twitter verbreitete sich dieses Narrativ. Ist tatsächlich ein US-Helikopter für die mutmaßliche Sabotage verantwortlich?

DW Faktencheck: Irreführend.

Noch ist völlig unklar, wer hinter der mutmaßlichen Sabotage auf die Pipelines steckt. Der genannte Helikopterflug kommt nach unseren Erkenntnissen aber nicht in Betracht, und zwar vor allem aus geografischen Gründen: Wir haben zunächst die genaue Position der Gaslecks gesucht und bei der Dänischen Seeschifffahrtsbehörde gefunden. Unter den nautischen Informationen und Warnungen finden sich auch drei der vier entdeckten Gaslecks inklusive Geokoordinaten. Das vierte Gasleck, das die schwedische Küstenwache entdeckt hat, ist noch nicht öffentlich exakt lokalisiert.

In einem zweiten Schritt haben wir die Flugroute des genannten Fluges FFAB123 über die Luftfahrt-Software Flightaware recherchiert. Am 2. September zeigt der Flight Tracker eine Flugroute nahe Bornholm, die tatsächlich der Abbildung aus den Social Media Posts entspricht. In mehreren Schleifen flog Flug FFAB123 über die Ostsee östlich der Insel Bornholm. Legt man nun die Geokoordinaten der Gaslecks und Flugroute auf einer Karte übereinander, ergibt sich jedoch ein anderes Bild als in den Social Media Posts behauptet.

Infografik - Gaslecks an Nord Stream 1 und 2 - DE

Drei der vier entdeckten Gaslecks wurden bisher von der Dänischen Seeschifffahrtsbehörde öffentlich lokalisiert: Sie liegen nach unseren Recherchen abseits der Flugroute von FFAB123

FFAB123 flog nicht entlang der Pipeline und kam den Positionen der inzwischen aufgetretenen Gaslecks nicht einmal nahe. Insbesondere die nördlichen Gaslecks liegen weit von der Flugroute von FFAB123 entfernt. Nach unseren Messungen lag die Flugroute von FFAB123 neun bzw. 30 Kilometer weit weg von den lokalisierten Gaslecks.

Fazit: Die virale Behauptung eines russischen Think Tanks auf Telegram, dass ein amerikanischer Hubschrauber mit dem Rufzeichen FFAB123 für die Gaslecks verantwortlich sei, ist nicht haltbar und irreführend. Der Hubschrauber kam den Positionen der Gaslecks nicht nahe.

Wer die mutmaßliche Sabotage an den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 verübt hat und wie, ist weiter ungeklärt, eine Sabotage aus der Luft erscheint eher unwahrscheinlich. Der deutsche Fregattenkapitän und Experte für maritime Sicherheit Göran Swistek glaubt eher an eine Anbringung von speziellen Explosivstoffen durch Unterwasserfahrzeuge. "Aus meiner eigenen Forschung weiß ich, dass Russland in den letzten Jahren ein sehr starkes Forschungsprogramm in der Unterwasserwelt aufgebaut hat", so Swistek im ZDF-Interview. Genau solche unbemannten Unterwasser-Drohnen habe Russland kürzlich unter anderem in der Nordsee und im Nordatlantik nahe wichtigen Kommunikationskabeln erprobt.

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