Fake News überschatten Bundestagswahlkampf | Deutschland | DW | 07.09.2021
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Desinformation

Fake News überschatten Bundestagswahlkampf

Die sozialen Medien sind voll mit falschen Behauptungen über Deutschlands Kanzlerkandidaten. Vor allem eine Person ist Ziel von Fake News, so ein Bericht - und traditionelle Medien helfen ungewollt bei der Verbreitung.

Fotos, die aus dem Kontext gerissen wurden. Erfundene politische Forderungen. Aussagen, die sie so nie getroffen hat: Über niemanden werden im Bundestagswahlkampf mehr Fake News verbreitet als über die Kanzlerkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen Annalena Baerbock, so ein neuer Bericht der Bürgerrechtsorganisation Avaaz.

Am 26. September wählt Deutschland ein neues Parlament und entscheidet über die Nachfolge von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wiederholt haben Fachleute gewarnt, dass Desinformationen - die absichtlich verbreitet werden, um Zweifel an Kandidaten oder dem Wahlprozess an sich zu streuen - die öffentliche Meinung im Vorfeld der Wahl beeinflussen könnten. Die Ergebnisse von Avaaz zeigen: Die Gefahr ist real.

Bei einer Analyse dutzender Vorfälle aus den vergangenen acht Monaten stellte die Organisation fest, dass in mehr als sieben von zehn Fällen Desinformationen über Baerbock verbreitet wurden. Deutlich mehr also, als über ihre Mitbewerber Armin Laschet und Olaf Scholz.

"Sie kam ziemlich spät ins Rennen - aber wir haben sofort sehen können, wie Desinformationen über sie in die Höhe geschnellt sind", sagt Avaaz-Kampagnendirektor Christoph Schott. "Das könnte daran liegen, dass sie eine Frau ist; es könnte daran liegen, dass sie einige Ideen und Botschaften hat, die es gewissermaßen leichter machen, sie anzugreifen - aber es ist schwer, dafür harte Beweise zu finden."

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Wie funktioniert das Geschäft mit den Fake News?

Klar sei, dass Fake News breite Teile der Bevölkerung erreichen, so Avaaz: Mehr als die Hälfte der befragten Wählerinnen und Wähler in Deutschland sind in diesem Jahr laut einer repräsentativen Umfrage der Nichtregierungsorganisation schon einmal auf mindestens eine der Unwahrheiten über Baerbock gestoßen. "Desinformationen haben den deutschen Mainstream erreicht", so Schott.

Fake News in Zeiten sozialer Medien

Desinformationen sind kein neues Phänomen: Seit Jahrzehnten streuen verschiedenste Akteure, von PR-Firmen bis hin zu ganzen Ländern, Falschinformationen strategisch um den Ausgang von Wahlen zu beeinflussen.

Anders ist heute, dass es das Internet, soziale Medien und Messenger-Apps es jedem mit ein paar Photoshop-Kenntnissen und einem Online-Account ermöglichen, Desinformationen zu produzieren und in den Umlauf zu bringen.

Und Fachleute sind sich einig, dass Fake News Zweifel hinterlassen - selbst wenn sie öffentlich widerlegt werden. 

Baerbocks Grüne haben das mehrfach am eigenen Leib erfahren: Kurz nachdem sie im Frühjahr ihre Kandidatur verkündeten, tauchten beispielsweise im Internet falsche Gerüchte auf, dass Baerbock plane, die Haltung von Haustieren zu verbieten.

Die Partei veröffentlichte schnell ein Dementi - aber Monate später wurden Mitglieder im Wahlkampf immer noch auf die Behauptungen angesprochen, so der Politische Bundesgeschäftsführer der Grünen Michael Kellner, der den Wahlkampf der Partei leitet, in der DW-Dokumentation "How to hack an election". "Und es ist einfach unglaublicher Unsinn", sagt Kellner.

Die Rolle der Medien

Ihren Ursprung finden solche Desinformationen in der Regel in sozialen Medien oder verschlüsselten Messenger-Diensten - aber bei ihrer Verbreitung spielen traditionelle Medien laut Avaaz oft ungewollt eine Schlüsselrolle.

Fast ein Drittel aller Befragten sagte gegenüber der NGO, von bestimmten Desinformationen, wie beispielsweise den Falschbehauptungen zur Haustierhaltung, erst erfahren zu haben, nachdem das Fernsehen oder die Print- oder Online-Ausgaben traditioneller Medienhäuser darüber berichteten - teilweise mit zweideutigen Überschriften, die es ihnen unmöglich machten, Fake News unmittelbar als solche zu erkennen. So titelte beispielsweise "Der Westen": "Annalena Baerbock: Hasst sie wirklich Hunde? Zitat macht die Runde - das steckt wirklich dahinter". 

Dies bedeute nicht, so Avaaz-Kampagnendirektor Schott, dass Medien nicht über Desinformation berichten sollten: "Aber sie sollten dies verantwortungsbewusst tun, sie in einen größeren Zusammenhang stellen und erklären, wie Desinformation funktioniert."

Gleichzeitig müssten Tech-Unternehmen mehr tun, um Desinformationen auf ihren Plattformen zu entlarven und als solche zu kennzeichnen. "Die Plattformen sollten Richtigstellungen an alle Personen senden, die Desinformationen gesehen haben - denn sie wissen genau, wer was gesehen hat", sagt Schott.

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