Fake-Mord als Fake-News | Europa | DW | 31.05.2018
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Ukraine

Fake-Mord als Fake-News

Journalisten in Moskau und Kiew kritisieren den Kollegen Arkadi Babtschenko dafür, seinen eigenen Tod vorgetäuscht zu haben. Das Vertrauen in den Journalismus, in die gesamte Zunft könne Schaden nehmen.

Es war für die Reporter und Korrespondenten in Moskau und Kiew gleich ein doppelter Schock. Erst erfuhren sie am Dienstag, dass ihr russischer Kollege, der überzeugte Kreml-Kritiker Arkadi Babtschenko, in der Nähe seiner Wohnung in Kiew getötet worden sei. Und am folgenden Tag die nächste schockierende Nachricht: Babtschenko taucht wohlbehalten auf einer Pressekonferenz auf, organisiert vom ukrainischen Geheimdienst!

Seine Kollegen in den Hauptstädten Russlands und der Ukraine nahmen seine "Wiederauferstehung" mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis. Unter den Journalisten in Moskau dominiert der Eindruck, dass dieser "Fake-Mord" das Vertrauen in unabhängigen Journalismus unterlaufen kann. Auch wenn es zur Begründung der Aktion des ukrainischen Geheimdienstes hieß, ein vorgetäuschtes Attentat auf Babtschenko sei ein Weg gewesen, um an die wirklichen Killer heranzukommen. Doch welche Killer? "Wir Journalisten fühlen uns hereingelegt", sagte Irina Borogan, eine investigative Reporterin, dem Fernsehsender "TV Rain". Und: "Alles, was wir wissen, ist, dass hier ein großer Fake inszeniert wurde. Für Arkadi Babtschenko bedeutet das: Ihm wird man nichts mehr glauben."

Dmitry Drize, politischer Redakteur von Kommersant FM in Moskau, verweist darauf, dass die liberale Schicht in Russland regelrecht unter Schock stehe. Schließlich hätten viele Menschen, unter ihnen sogar einige erklärte Gegner Babtschenkos, ernsthaft ihr Beileid zum Ausdruck gebracht: "Aber wir sind alle betrogen worden, hereingelegt, um es nicht drastischer auszudrücken."

"Ich werde ihm sagen, dass er ein Idiot ist" 

Die Kollegen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew teilen solche Eindrücke - und eben das Gefühl, einer Lüge aufgesessen zu sein. Andrei Palschewsky, Talkshow-Moderator zur besten Sendezeit im Rundfunksender UA, drückt es so aus: Alle, die an dieser Aktion beteiligt gewesen seien, hätten "Journalisten zu Dummköpfen" gemacht. Doch das sei nicht alles. Diese Aktion des ukrainischen Geheimdienstes sei zugleich der bislang größte "Schlag" gegen die Autorität der Regierung in Kiew. Auch hier könne man den Behörden nichts mehr glauben, wenn auf diese Art und Weise ein Erfolg gegen den Kreml erschlichen werden soll.

Ukraine vorgetäuschter Mord an Journalist Arkadi Babtschenko in Kiew (Reuters/V. Ogirenko)

Zu früh getrauert: Rosen in der Nähe des angeblichen Tatortes

Wer Babtschenko persönlich kennt, schert sich allerdings weniger um die politischen Aspekte dieser Geschichte. "Ich werde ihm sagen, dass er ein Idiot ist, wenn ich ihn treffe. Ernsthaft", erklärt der Moskauer Bildjournalist Piotr Schelomowsky der DW in einer ersten Reaktion auf die "Wiederauferstehung". "Niemand sollte solche Sachen anstellen. Mach' dir doch einmal Gedanken um die Menschen, die dich lieben." Es müsse doch wirklich andere Wege geben, um ein etwaiges Mordkomplott aufzudecken. Der Freundeskreis habe schon begonnen, Geld für die Trauerfeier Babtschenkos zu sammeln, berichtet der Kollege.

Roman Popkow, ebenfalls ein Moskauer Journalist, will die Version nicht glauben, dass Babtschenkos Ehefrau nicht in die Inszenierung eingeweiht gewesen sein soll. Er selbst sei nicht verärgert, sondern erleichtert. "Mein erster Gedanke war, dass sich dieser Mann doch einen schwer zu fassenden Traum erfüllt hat. Er hat ja fast seine eigene Beerdigung erlebt und hätte die Nachrufe lesen können. Das muss man sich einmal vorstellen, das ist in gewisser Hinsicht doch auch ein Glück", sagt Popkow. "Der Mann lebt. Ich bin absolut glücklich und empfinde ansonsten überhaupt nichts", ergänzt Ajder Muzhdabajew, stellvertretender Chef des ukrainischen Fernsehsenders ATR, über seine Facebook-Seite. Er ist einer der engen Freunde Babtschenkos - und dieser hatte bei ATR seit Oktober 2017 moderiert.  

Business as usual

Die Vortäuschung eines Todes sei ein üblicher Trick von Geheimdiensten, heißt es in Moskau und Kiew. "Das ist Standard", erklärt Oleg Eltsow, Polizeireporter in der ukrainischen Hauptstadt. Auf diesem Weg könne zum Beispiel der Drahtzieher eines Mordkomplottes dazu verleitet werden, ein versprochenes Honorar für einen Killer zu zahlen.

"Ich habe solche Stories in den 90er Jahren gehört, als Mordversuche auf die Anführer von Banden aufgedeckt wurden", sagt der Moskauer Oppositionspolitiker Dmitry Gudkow der DW. Gudkow hatte bereits eine Gedenkveranstaltung im Zentrum der russischen Hauptstadt organisiert, als die Meldung kam, dass Babtschenko lebt. "Das sieht für mich alles wie eine Hollywood-Geschichte aus", bemerkt Gudkow. "Meine Frau hat mich angerufen und mir die Nachricht erzählt. Ich habe gedacht, dass sie mich hereinlegen will." 

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