1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
KulturGlobal

Fake-Fotos: lange vor der KI ein Hit

Elizabeth Grenier
9. März 2026

Hitler mit Stalin-Bart, fliegende Autos über New York - das Rijksmuseum Amsterdam zeigt in einer Schau: Fotomontagen sind fast so alt wie die Fotografie selbst.

https://p.dw.com/p/59uzT
S/w-Fotomontage: Ein überdimensionaler Maiskolben auf einem Wagen, gezogen von einem Maultier.
Fotomontagen waren ein beliebtes PostkartenmotivBild: rijksmuseum.nl

Ein Werkzeug mit endlosem Potenzial – oder eine Technologie, die durch Deepfakes die Demokratie bedroht? Während KI‑generierte Bilder längst Teil unseres Alltags sind, wird ihr Einfluss auf die Gesellschaft weiterhin erforscht.

Die Ausstellung "Fake! Frühe Fotocollagen und Fotomontagen", die bis zum 25. Mai 2026 im Rijksmuseum in Amsterdam zu sehen ist, nimmt Abstand von der aktuellen Debatte und erinnert daran, dass Bilder schon lange vor der Erfindung von Photoshop oder KI gefälscht und manipuliert wurden.

"Seit der Erfindung der Fotografie vor 187 Jahren werden Bilder verändert, manipuliert - manchmal aus schlechten Gründen, manchmal nur zur Unterhaltung", erklärt Ausstellungskurator Hans Rooseboom gegenüber der DW.

Fotomontage: Übergroße Gänse werden von mehreren Männern gezähmt.
Riesengänse auf einer Postkarte von 1908 Bild: rijksmuseum.nl

Unterschiedliche Techniken und Motive

Die Ausstellung präsentiert 50 historische Bilder aus der Sammlung des Museums. Die Bilder, die ursprünglich als Postkarten, Zeitschriftencover oder Poster veröffentlicht wurden, zeigen eine Vielzahl von Manipulationstechniken.

Die Mehrfachbelichtung, eine kreative Technik, die kurz nach der Erfindung der Fotografie populär wurde, machte es beispielsweise möglich, dieselbe Person zweimal in einem Bild darzustellen. Sie belichtete verschiedene Bereiche einer Fotoplatte in unterschiedlichen Schritten.

In anderen Fällen wurden Teile von Negativen kombiniert, um surreale Werke zu schaffen, wie beispielsweise diese Fotomontage eines Mannes, der eine Schubkarre mit einem Kopf schiebt, ein anonymes Werk aus der Zeit um 1900–1910.

Fotomontage: Ein Mann schiebt eine Schubkarre mit einem großen Kopf
Surreales Szenario - eine von 50 Fotomontagen im Rijksmuseum AmsterdamBild: rijksmuseum.nl

Die Ausstellung untersucht auch die Motive hinter den manipulierten Fotos. "Einige wurden aus politischen Gründen oder für Werbezwecke angefertigt, aber die meisten dienten der Unterhaltung - und das muss ein extrem großer Markt gewesen sein", sagt Rooseboom. Also etwa vergleichbar mit Memes, Katzeninhalten und anderem KI-Müll, der heute das Internet überschwemmt.

Manipulierte Bilder als politische Waffe

Einige Künstler nutzten kreative Techniken, um politische Ideen zu vermitteln. Bereits 1871 setzte Ernest Appert, ein Pariser Porträtfotograf, Fotomontagetechniken als Propagandamittel ein. Er schuf eine Fotoserie mit dem Titel "Crimes de la Commune", die die Verbrechen der Pariser zeigen sollte, die nach dem Sturz Napoleons III. gegen die neue royalistisch geprägte Regierung revoltierten.

Die Fotos waren von realen Ereignissen inspiriert. Appert hatte sie inszeniert, indem er Schauspieler einsetzte, um bestimmte Szenen nachzustellen - und dann die Porträtaufnahmen der zentralen Figuren der sozialistisch geprägten Stadtregierung einfügte. Die Fotos wurden später verboten, weil sie die öffentliche Ordnung störten und zu weiterer Gewalt anstachelten, indem sie antikommunistische Stimmungen schürten.

Satirische Anti-Nazi-Fotomontagen

In anderen Fällen politischer Kommentare sollten Collagen überhaupt nicht realistisch wirken. Helmut Herzfeld war ein deutscher Künstler, der seine Werke unter dem Pseudonym John Heartfield veröffentlichte. Als Pionier in der Nutzung von Kunst als politischer Waffe schuf er Fotomontagen, um seine antinazistischen und antifaschistischen Ansichten zu verbreiten.

Ab 1930 gestaltete Heartfield regelmäßig die Titelbilder für die kommunistische Wochenzeitschrift "Arbeiter-Illustrierte Zeitung" (A-I-Z). Das linke Magazin war bis zu Hitlers Machtübernahme 1933 in Berlin ansässig und zog dann ins Exil nach Prag.

Fotomontage auf dem Cover des "AIZ"-Magazins: Goebbels verwandelt Hitler in Karl Marx
"AIZ"-Cover von 1934: Hitler als Karl MarxBild: rijksmuseum.nl

Auf einem der im Rijksmuseum ausgestellten A-I-Z-Titelblätter ist Reichspropagandaminister Joseph Goebbels dargestellt, wie er Karl Marx' ikonischen Bart auf HitlersGesicht klebt. Das Magazin erklärt, dass Goebbels den "Führer" davon überzeugt habe, den Bart des kommunistischen Denkers zu tragen, wenn er Reden vor Arbeitern halte - in dem verzweifelten Versuch, die Arbeiterklasse dazu zu bringen, nationalsozialistische Ideen anzunehmen.

Die Leser verstanden, dass es sich um Satire handelte, betont Rooseboom: "Es war allen klar, dass Heartfield nicht versuchte, die Menschen glauben zu machen, die von ihm geschaffenen Szenen hätten tatsächlich stattgefunden."

USA New York | Fotomontage | Fliegendes Auto über dem Mulberry Bend Park, vor 1908
Fliegendes Auto über New York: Postkartenmotiv von 1908Bild: rijksmuseum.nl

Mehr Bilder an einem Tag als früher in einem Leben

Insgesamt sei wenig über die Rezeption manipulierter Fotos um die Wende zum 20. Jahrhundert bekannt, sagt Rooseboom. Klar sei jedoch, dass die Menschen viel weniger Bildern ausgesetzt waren. "Heute sehen wir jeden Tag mehr Bilder oder Fotos, als ein Mensch im 19. Jahrhundert in seinem ganzen Leben gesehen hätte." 

Und genau darin liegt heute das Problem. Früher war es die geringe Bildkenntnis der Menschen, die es einfacher machte, sie mit manipulierten Fotos zu täuschen. Heute hingegen scrollen wir oft so schnell durch eine Flut von Bildern, dass uns genau jene Details entgehen, die einen KI-generierten Fake entlarven würden.

Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen