Fünf Dinge, die wir von Marlene Dietrich lernen können | Kultur | DW | 27.12.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Schauspielikone

Fünf Dinge, die wir von Marlene Dietrich lernen können

Marlene Dietrich wäre an diesem 27. Dezember 120 Jahre alt geworden. Sie floh vor den Nazis und eroberte Hollywood. Auch heute können wir uns an ihr ein Beispiel nehmen.

Sie war eine Ikone der Weimarer Republik, ein Hollywoodstar, eine Geflüchtete, eine Humanistin - und eine Frau, die wusste, wann es Zeit ist, zu gehen. Im letzten Jahrhundert erinnerte man sich an sie häufig als Sexobjekt oder als Hollywooddiva. Zu ihrem 120. Geburtstag lohnt es sich, einen frischen Blick auf eine Frau zu werfen, die ihrer Zeit weit voraus war - und heute so modern anmutet wie selten zuvor.

1. Liebe, wen du willst

Marlene Dietrich und Edith Piaf, Dietrich küsst Piaf auf die Wange

Enge Freundinnen waren Marlene Dietrich (l.) und Edith Piaf (r.) in jedem Fall. Dietrichs Tochter war überzeugt: Sie führten auch eine Liebesbeziehung

Marlene Dietrich schlief mit Frauen und mit Männern. Das war nie ein Geheimnis, namentlich erwähnt werden aber vor allen Dingen die Männer. Dabei sind ihre Liebhaberinnen nicht weniger glamourös: zum Beispiel die erfolgreiche US-amerikanische Schauspielern Tallulah Bankhead oder die einzigartige Joe Carstairs, mit bürgerlichem Namen Marion Barbara, die schon im frühen 20. Jahrhundert offen lesbisch lebte und sich eine Karriere als Rennbootfahrerin aufbaute.

Ihre Bisexualität schien Marlene Dietrich nicht zu bekümmern oder gar ein Politikum zu sein. Als der österreichisch-schweizerische Regisseur und Schauspieler Maximilian Schell sie einige Jahre vor ihrem Tod nach dem Sex mit Frauen fragte, während er den Dokumentarfilm "Marlene" (1984) drehte, antwortete sie ihm lapidar: "Ach, wissen Sie, da gibt's 'n Mann, und da liegt 'ne Frau, und dann legt er sich drauf, und dann passiert's halt, nich? - So ist's auch bei zwei Frauen." So erinnerte sich Schell einmal in "Der Welt". Eine Frau, die ganz offen und ganz selbstverständlich beide Geschlechter liebt - das ist auch heute noch lange nicht selbstverständlich.

Auch asexuelle Beziehungen führte "die Dietrich": So verliebte sie sich in den US-amerikanischen Schriftsteller Ernest Hemingway, der ihre Liebe auch erwiderte. Sie lebten sie aber nur per Brief aus.

2. Geschlechterregeln sind da, um gebrochen zu werden

Marlene Dietrich Der blaue Engel Film: Dietrich in Strapsen und Zylinder

Der männliche Blick auf die Frau: Marlene Dietrich in "Der Blaue Engel". Dabei schlief Marlene Dietrich mit Frauen und Männern

Marlene Dietrich machte Kleidungsstücke, die vorher Männern vorbehalten gewesen waren, auch für Frauen salonfähig - und wurde damit zur Stilikone. In ihrem ersten Hollywoodfilm "Morocco" (1930, deutsch: "Marokko") küsste sie im Smoking eine andere Frau. Das hatte es auf der Leinwand noch nie zuvor gegeben, weder den Kuss, noch die Frau im Smoking. Privat ließ sie sich häufig in Hosenanzügen fotografieren, trug dabei Krawatte. So eignete sie sich die männliche Mode Stück für Stück an, nachdem ein typisch männlicher Zylinder sie zunächst zum Sexobjekt gemacht hatte: Eines der berühmtesten Fotos von ihr zeigt sie in Strapsen und im Zylinder, es ist eine Szene aus dem deutschen Film "Der Blaue Engel" (1930), der sie berühmt machte.

Dabei hörte sie aber gleichzeitig nie auf, Kleider zu tragen oder sich zu schminken. Auf Fotos wird sie heute vor allen Dingen im Anzug dargestellt, aber Marlene Dietrich fühlte sich in beiden Modewelten gleichermaßen wohl, ob im goldenen schulterfreien Kleid oder im schneeweißen Hosenanzug. In manchem Modelexikon wird die "Marlene-Hose" übrigens als eigener Eintrag geführt.

3. Beobachte wach die Politik - und steh für die Demokratie ein

Ausstellung Reisebegleiter: Marlene Dietrich lehnt an Koffern auf einem Schiff

Marlene Dietrich im Jahr 1931 an Bord der "Bremen": eine Aufnahme aus der Ausstellung "Reisebegleiter" der Deutschen Kinemathek in Berlin

Im Gegensatz zu anderen Kolleginnen und Kollegen aus der Weimarer Republik (1918-1933) weigerte sich Marlene Dietrich, die Propaganda der Nationalsozialisten zu unterstützen. 1930 folgte sie dem Ruf aus Hollywood und fuhr mit dem Regisseur und ihrem damaligen Liebhaber Josef von Sternberg, der auch "Der Blaue Engel" gedreht hatte, nach Kalifornien. Dabei blieb sie aber im ständigen Kontakt mit ihrem Ehemann Rudolf Sieber. Obwohl sie sich im Laufe der 1930er-Jahre trennten, waren die beiden bis zu seinem Tod verheiratet und unterstützten sich gegenseitig. Dietrich war es, die Sieber in den 1930er-Jahren per Telegramm dazu aufforderte, Europa mit der gemeinsamen Tochter Maria so schnell wie möglich zu verlassen, so erzählt es jedenfalls Florian Ilies in seinem Buch "Liebe in Zeiten des Hasses" (2021).

Video ansehen 04:39

Hollywood-Stars mit Akzent

Während die deutsche Regisseurin Leni Riefenstahl Propagandafilme für die Nationalsozialisten drehte, engagierte sich Dietrich während des Krieges auf der Seite der US-Amerikaner. Schon 1939 legte sie die deutsche Staatsbürgerschaft ab und nahm die US-amerikanische an. Während sich ihr Geliebter Jean Gabin zur französischen Armee meldete, reiste sie ins kriegserschütterte Europa und unterstütze die US-amerikanischen Truppen als Sängerin. Dafür wurde sie in Frankreich zu einem Ritter der Ehrenlegion ernannt, in den USA erhielt sie schon 1947 die "Medal of Freedom", den höchsten Orden für Zivilisten. Eine zeitgenössische Frau, die dieselbe Medaille besitzt? Angela Merkel. Sie erhielt den Orden von Barack Obama.

In Deutschland kam die Anerkennung erst spät: Manche beschimpften sie sogar als Vaterlandsverräterin. Erst im Jahr 2002 erhielt sie posthum die Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin.

4. Wissen, wann Schluss ist

Deutschland Berlin Film Boulevard der Stars Gedenkstern Marlene Dietrich

2010: Ein Gedenkstern für Marlene Dietrich auf dem "Boulevard der Stars" in Berlin

Nicht beschönigen darf man, dass sie alkohol- und tablettensüchtig wurde und ihren Lebensabend zurückgezogen in Paris verbrachte. Aber sie wusste auch, wann Schluss ist: Nach einer Verletzung im Jahr 1975 beendete sie ihre Bühnenkarriere, drei Jahre später drehte sie zum letzten Mal einen Film. Als Maximilian Schell die Dokumentation "Marlene" über sie drehte, verfügte sie, dass sie nicht gefilmt werden wolle. Schell sagte, er habe sie vom Gegenteil überzeugen wollen, aber Marlene Dietrich blieb dabei: Nein heißt nein. Sie sei bereits zu Tode fotografiert worden, sagte sie ihm zur Begründung. Schell durfte Tonaufnahmen machen und musste diese über Filmmaterial legen, das bereits von ihr existierte.

In diesem berühmt gewordenen Zitat von ihr - "I’ve been photographed to death" und ihrer Weigerung, sich noch einmal ablichten zu lassen, allen Bitten und kommerziellem Interesse zum Trotz, steckt noch immer viel Kraft. Gerade in einer Zeit, in der durch Selfies, Instagram und TikTok junge Menschen ständig Bilder von sich selbst schießen und zur Bewertung ins Internet stellen, kommt die Weigerung, sich fotografieren zu lassen, einem Akt des Widerstands gleich. Genauso wie zu wissen, wann es Zeit ist, die Bühne zu verlassen - noch etwas, das Marlene Dietrich und Angela Merkel verbindet.

5. Weltbürgerin bleiben

Auf einem geschäftigen Filmset sitzt Marlene Dietrich mit Korkenzieherlocken auf einem Sofa. Um sie herum stehen viele Männer in Anzügen.

Den USA blieb sie dankbar. Dort drehte sie viele Film, wie hier in einem Kostüm von René Hubert den Film "The Flame of New Orleans" (1942)

Marlene Dietrich, obwohl von vielen Nationen geehrt, hielt sich nicht mit Nationalismus oder Patriotismus auf. Als Maximilian Schell sie während der Dreharbeiten zur Dokumentation "Marlene" fragte, warum sie in Paris lebe, antwortete sie, hier arbeite sie nun mal gerade, sie sei ja auch oft in New York und ohnehin viel auf Reisen. Auf die Frage hin, ob sie sich nicht heimatlos fühle, habe sie mit großer Ungeduld geantwortet: "Nee - ist ja alles Quatsch!". So berichtete er es zumindest. "Ich habe Gefühle für Menschen, aber ich habe nicht Gefühle für Städte oder so", soll sie gesagt haben.

Gleichzeitig fühlte sie sich nicht heimatlos. "Amerika ist mein richtiges Zuhause", soll sie zu Schell gesagt habe. "Die haben mich aufgenommen, wie ich angekommen bin dort. Meine Tochter lebt da, meine ganze Familie ist da." Das klingt nach einer pragmatischen, auch dankbaren Frau, die wusste, was für sie zählt, und nicht nach einer Diva: die Aufnahme von Geflüchteten, die Familie, ihre Arbeit. Auch zu ihrem 120. Geburtstag muss Marlene Dietrich nicht verklärt werden. Sie war Ikone, aber sie war auch ein Mensch - und eine Frau, deren Leben gerade im 21. Jahrhundert noch Vorbildcharakter hat: als emanzipierte, finanziell erfolgreiche Frau und Weltbürgerin, die Geschlechternormen über den Haufen warf, in der Krise zum Humanismus und der Demokratie stand, und die wusste, wann es Zeit war, die große Bühne zu verlassen. 

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema