EZB beendet Anleihekäufe und kündigt Zinserhöhungen an | Wirtschaft | DW | 09.06.2022
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Geldpolitik

EZB beendet Anleihekäufe und kündigt Zinserhöhungen an

Die Europäische Zentralbank (EZB) beendet ihre milliardenschweren Anleihekäufe zum 1. Juli und macht damit den Weg frei für die erste Zinserhöhung im Euroraum seit elf Jahren. Die soll im Juli folgen.

Niederlande l PK der EZB, Christine Lagarde erläutert die geldpolitischen Entscheidungen des EZB-Rates

EZB-Chefin erläutert die Beschlüsse der Notenbank auf einer Pressekonferenz in Amsterdam

Nach elf Jahren Niedrigzinsen leitet die Europäische Zentralbank die Zinswende ein. Der EZB-Rat beschloss auf seiner geldpolitischen Sitzung - die dieses Mal in Amsterdam stattfand - die Anleihekäufe zum Ende dieses Monats einzustellen. Bei der nächsten Sitzung am 21.Juli will sie dann die Leitzinsen erhöhen, zunächst um 25 Basispunkte.

Abhängig von der Datenlage werde der Rat dann im September dann über einen größeren Zinsschritt nachdenken, kündigte EZB-Präsidentin Christine Lagarde anschließend auf einer Pressekonferenz an (Artikelbild). Sie zeigte sich besorgt über die schnell voranschreitende Inflation. Die Ökonomen der Zentralbank sehen sie für 2024 bei 2,1 Prozent - das läge dann immer noch über der Preissteigerung von zwei Prozent, den die Notenbank anstrebt.

Deutschland Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt a.M.

Getroffen wurde die Entscheidung hier in Frankfurt am EZB-Sitz, verkündet in Amsterdam

"Zu spät, zu klein"

Das sei ein richtiger Schritt, der aber zu spät komme, sagte der Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest, nach der Entscheidung. "Es war nicht akzeptabel, dass die EZB bei einer Inflation von acht Prozent bis heute an Negativzinsen und Anleihenkäufen festgehalten hat. Die Preissteigerungen betreffen nicht nur Energie und Lebensmittel, sie gewinnen an Breite", sagte er am Donnerstag in München.

Zumindest für die Finanzmärkte komme der Schwenk der obersten Währungshüterin zu spät, kritisiert auch Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank: "Viele Banken preisen bereits für 2023 eine Rezession ein. Kommt diese tatsächlich - und die Wahrscheinlichkeit steigt zurzeit täglich - hat die EZB nicht viel Zeit, um ihre geldpolitische Wende umzusetzen."

Auch Stefan Kooths, Vizepräsident des Kiel Institut für Weltwirtschaft, hätte sich ein schnelleres Handeln der EZB gewünscht. Die zögerliche Haltung erhöhe die geldpolitischen Risiken unnötig: "Die verkündeten Schritte sind ein überfälliger Anfang, aber eben auch nur das. Die EZB muss dringend weitere Schritte unternehmen, um die Geldpolitik zu normalisieren, denn ihre Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel." EZB-Präsidentin Lagarde aber versicherte mehrfach, dass die EZB sicherstellen werde, dass die Inflation mittelfristig wieder auf das Ziel von zwei Prozent zurückgeführt werde. Schnell gehen werde das aber nicht: "Erwarten wir, dass die Zinserhöhung im Juli unmittelbare Auswirkungen auf die Inflation haben wird? Die Antwort lautet: Nein."

Bauzinsen schon jetzt gestiegen

Die Zinserhöhung im Juli um 25 Basispunkte sei der erste Schritt auf einer Reise hin zu einer Normalisierung der Geldpolitik, sagte sie weiter. Dass dieser erste Schritt so klein ausfalle, liegt auch daran, dass auch andere Notenbanken eine Zinswende sanft einleiteten. Dass die Zinsen jetzt noch nicht angetastet wurden, erklärte Lagarde ebenfalls damit, dass die EZB angekündigt habe, erst die Anleihekäufe zu beenden und danach erst die Zinsen erhöhe.

Bau von Eigenheimen in Deutschland

Bauzinsen fürs Eigenheim sind schon gestiegen

Allerdings werden alle drei Leitzinsen erhöht, sowohl der noch mit minus 0,5 Prozent negative Einlagenzins für die Banken von als auch der wichtigste Leitzins, der sogenannte Hauptrefinanzierungssatz als auch der Spitzenrefinanzierungssatz, zu dem sich Banken über Nacht Liquidität bei der Notenbank beschaffen können, die derzeit noch bei null Prozent stehen. Wenn sich im September abzeichne, dass die Inflation auf dem aktuellen Niveau verharre oder sich verschärfe, dann werde sie einen größeren Zinsschritt unternehmen, vermutlich um 50 Basispunkte. Die Negativzinsen wären damit Geschichte.

Für Sparer bedeutet die angekündigte Zinswende, dass sie künftig auf ihre Sparguthaben bei den Banken wieder positive Zinsen erwarten dürfen. Real, also nach Abzug der Inflation, werden sie dennoch Geld verlieren. Für das gesamte Jahr rechnet die EZB inzwischen mit einer Inflationsrate im Euroraum von 6,8 Prozent. Kredite hingegen werden teurer, die Zinsen - auch fürs Bauen - sind schon seit Jahresbeginn wieder deutlich gestiegen. 

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