″eva.stories″: Holocaust-Gedenken auf Instagram | Europa | DW | 03.05.2019
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Digitales Gedenken

"eva.stories": Holocaust-Gedenken auf Instagram

Eine Instagram-Story über die in Auschwitz ermordete Eva Heymann wird millionenfach geklickt. Die Macher wollen so in einer digitalen Generation das Gedenken an den Holocaust wach halten. Doch das Projekt ist umstritten.

Israel Eva's Stories - Werbung in Tel Aviv (Reuters/A. Cohen)

Werbung für eva.stories in Tel Aviv

"Heute werde ich 13! Eisessen mit meinem Cousin!" Ein wackeliges Handyvideo. Eine Mädchenstimme ist zu hören, dann Lachen. Jemand rennt in Richtung eines Eiswagens, vorbei an einer Hakenkreuzflagge. Die Kamera dreht sich und wir sehen Eva. Sie ist die Hauptfigur von eva.stories, einem Video-Projekt auf Englisch mit hebräischen Untertiteln, das die wahre Geschichte der ungarischen Jüdin Eva Heymann erzählt. 

Eva war ein Mädchen, das gern tanzte, Fotojournalistin werden wollte und von den Nazis im Oktober 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Am 13. Februar 1944, ihrem 13. Geburtstag, beginnt sie ein Tagebuch, das sie bis zu ihrer Deportation im Juni führt. Deshalb wird Eva Heymann auch die ungarische Anne Frank genannt.

Vorwurf der Verharmlosung

Evas Tagebucheinträge werden bei eva.stories in 70 kurzen Videosequenzen zum Leben erweckt. Wir verfolgen den Alltag des Mädchens von der Besetzung Ungarns durch die Wehrmacht bis zu ihrem Transport ins Vernichtungslager. Und zwar so, als hätte sie damals ein Smartphone und einen Instagram-Account besessen und sich und ihre Umgebung gefilmt.

Das sorgt bei manchen Nutzern für Irritationen: Der größte Schrecken des 20. Jahrhunderts dargestellt auf einer Plattform, die bekannt ist für oft oberflächliche Unterhaltung und Selfie-Selbstvermarktung in satten Farben? Manch einer fürchtet, der Massenmord an den Juden könnte dadurch verharmlost werden.

Es gibt kaum noch Zeitzeugen

Doch die Macher des Projekts, der israelische Hightech-Millionär Mati Kochavi und seine Tochter Maya, sehen Instagram als ideale Plattform, um einer jungen Generation die Geschichte des Holocaust zu vermitteln. "Im digitalen Zeitalter mit seiner kurzen Aufmerksamkeitsspanne und der ständigen Suche nach Thrills sowie angesichts der schwindenden Zahl von Überlebenden müssen wir neue Wege des Gedenkens und Berichtens finden", sagt der 57-jährige Kochavi laut einer Pressemitteilung. eva.stories will "Social Media für eine neue Art des Gedenkens einsetzen. Damit hoffen wir, den Nutzern Evas Leben und ihre innersten Gefühle und Gedanken nahezubringen", so Kochavi weiter.

Ungarn Eva Heyman 1944 (picture-alliance/AP Photo/Yad Vashem)

Eva Heymann 1944 - nur wenige Monate, bevor sie ermordet wurde

An der Produktion haben etwa 400 Techniker, Schauspieler und Komparsen aus aller Welt mitgearbeitet. Sie soll mehrere Millionen US-Dollar gekostet haben. In Israel wird eva.stories mit einer Plakatkampagne beworben. Schon bevor eva.stories am israelischen Holocaustgedenktag am 1. Mai online ging hatte sich ein kurzer Trailer im Netz verbreitet. Berichten zufolge wurden die Videos auf Instagram dann innerhalb von nur 14 Stunden mehr als 100 Millionen Mal angeklickt.

Zielgruppe sind vor allem Israelis im Alter von 13 bis 30 Jahren. Auch Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hatte auf Twitter Werbung für das Format gemacht. "Ich möchte jeden einzelnen ermutigen, ebenfalls Geschichten über diejenigen zu erzählen, die im Holocaust ermordet wurden", sagte Netanjahu. "So soll die Welt verstehen, so sollen wir uns an das erinnern, was wir verloren haben - und an das, was wir zurückgewonnen haben."

Selfies in Auschwitz-Birkenau

Die Videos sorgen weit über Israel hinaus für Resonanz. Der Instagram-Account des Weißen Hauses mit seinen fast fünf Millionen Followern warb ebenfalls für das Projekt, das mittlerweile von mehr als 1,2 Millionen Menschen online verfolgt wird. Yasmine Levi, Vize-Chefredakteurin des israelischen Online-Frauenmagazins "Saloona" nannte eva.stories "brillant, innovativ und präzise" und schrieb, dass sie die Videos mit ihrer 12-jährigen Tochter schauen würde, die sich mit Eva identifizieren könne und so Einblick in eine grausame Wirklichkeit erhalte.

In den sozialen Medien wird das Projekt von vielen Nutzern ebenfalls dafür gelobt, dass es vor allem jüngere Menschen in seinen Bann ziehe. Genau das ihr Ziel gewesen, sagt die 27-jährige Maya Kovachi, die das Projekt gemeinsam mit ihrem Vater initiiert hat. Man habe sich für Evas Tagebücher als Vorlage entschieden, weil sich "ein Jugendlicher des Jahres 2019 damit identifizieren kann."

Instagram Screenshot eva.stories (Instagram/Eva)

Auf Instagram sind die Videos chronologisch einzelnen Tagen zugeordnet

eva.stories wird von einigen jedoch dafür kritisiert, das eine Social-Media-Plattform der falsche Platz für Holocaust-Gedenken sei. In einer Kolumne der israelischen Tageszeitung Haaretz warf der Gemeinschaftskundelehrer Yuval Mendelson den Verantwortlichen "schlechten Geschmack" vor und schrieb, das Projekt werde Folgen haben. "Der Weg von eva.stories zu Selfies Jugendlicher am Eingangstor von Auschwitz-Birkenau ist kurz", so Mendelson. "Ein fiktiver Instagram-Account eines Mädchens, das im Holocaust ermordet wurde, kann nicht legitim sein."

Eine Frage des Alters

Die unterschiedliche Bewertung des Projektes könnte aber auch mit dem Alter der Nutzer zusammenhängen. Sivan Melnick Yaniv, Enkeltochter eines Holocaust-Überlebenden, schrieb auf Facebook, dass ihre 12-jährige Tochter eva.stories großartig fände, um hinzuzulernen. Ihr Vater dagegen verstehe nicht, wie man eine solch schreckliche Geschichte auf so kitschige Weise inszenieren könne. Für ihre Eltern sei "die Kombination aus Holocaust und Instagram unbegreiflich", sagt Yaniv der DW. "Für Digital Natives wie meine Tochter dagegen ist die Kombination selbstverständlich, weil sie es gewohnt sind, dass Smartphones für jede Art von Botschaft gebraucht werden." Sie selbst bewertet das Projekt als "brillant, gut gemacht und innovativ."

«Evas Story»: Neues Holocaust-Gedenken über Instagram (picture-alliance/dpa/R. Messer)

In Israel wird eva.stories viel diskutiert

Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem in Jerusalem teilte der DW mit, man halte "den Einsatz von Social Media zum Gedenken an den Holocaust sowohl für legitim als auch effektiv." Yad Vashem selbst sei auf einer Vielzahl von Plattformen aktiv, darunter Instagram. "Unsere Posts enthalten dabei stets authentisches Material und historische Fakten. Wir stellen sicher, dass diese Inhalte sowohl relevant für die Öffentlichkeit sind als auch dem Thema gerecht werden." Yad Vashem wisse von eva.stories auch nur das, was die Macher publiziert haben. Die Gedenkstätte ist nicht an dem Projekt beteiligt.

Sivan Melnick Yaniv betont, "die vielen Schichten und Schrecken des Holocaust können in keinem einzigen Medium jemals angemessen vermittelt werden. Und dennoch ist es unsere Verantwortung als Menschheit, daran zu erinnern und diese Geschichte künftigen Generationen weiter zu vermitteln." Yaniv hofft, dass auch eva.stories ein Schritt in diese Richtung ist.

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