EU und Indien besiegeln historisches Handelsabkommen
27. Januar 2026
Fast zwei Jahrzehnte nach den ersten Gesprächen haben sich die EU und Indien auf ein umfassendes Handelsabkommen geeinigt. Das teilten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der indische Premierminister Narendra Modi in Neu-Delhi mit. Durch den Abbau von Handelsbarrieren und Zöllen soll der Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen der EU und Indien deutlich ausgeweitet werden. Ziel sei es, Wachstum und Beschäftigung zu fördern und zugleich unerwünschte wirtschaftliche Abhängigkeiten von anderen Staaten zu verringern.
EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen sagte: "Die EU und Indien schreiben heute Geschichte und vertiefen die Partnerschaft zwischen den größten Demokratien der Welt." Man schaffe eine Freihandelszone mit zwei Milliarden Menschen, von der beide Seiten wirtschaftlich profitierten. Zudem sende man ein klares Signal an die Welt, dass regelbasierte Zusammenarbeit weiterhin hervorragende Ergebnisse liefere.
Ein Viertel der Weltbevölkerung betroffen
Indien ist noch vor China mit mehr als 1,45 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Welt. In der Europäischen Union leben rund 450 Millionen Menschen. Gemeinsam repräsentieren beide Seiten nahezu ein Viertel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts sowie der Weltbevölkerung.
Das Abkommen wird zwar nicht so umfassend sein wie jenes, das die Europäische Union zuletzt mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay geschlossen hat. Angesichts der Größe des indischen Marktes zählt es dennoch zu den größten Handelsvereinbarungen, die die EU bislang abgeschlossen hat.
Agrarprodukte sind nicht Teil des Abkommens
Der Vertrag sieht nach Angaben aus Brüssel eine Senkung fast aller Zölle auf Produkte aus der EU vor. Die indischen Zölle auf Autos sollen schrittweise von derzeit bis zu 110 Prozent auf zehn Prozent herabgesetzt werden, wie die EU-Kommission mitteilte. Bislang liegen sie für Fahrzeuge im Wert von weniger als 40.000 US-Dollar bei 66 Prozent, für teurere Modelle gelten Aufschläge von bis zu 110 Prozent. Zehn Jahre nach Inkrafttreten des Abkommens sollen zudem die Zölle auf Autoteile vollständig entfallen.
Auch die europäische Landwirtschaft erhofft sich neue Exportchancen. In Europa ist die Vereinbarung daher deutlich weniger umstritten als etwa das Handelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten, das zu Protesten von Bauern geführt hatte.
Die Importaufschläge auf Wein sinken demnach von 150 auf 20 Prozent, während die Zölle auf Olivenöl, Pasta und Schokolade ganz gestrichen werden. Agrarprodukte wie Rind-, Schweine- und Hähnchenfleisch sowie Reis und Zucker sind hingegen nicht Teil des Abkommens. Nach Angaben der EU-Kommission sollen sich außerdem die Zölle auf Pharmaprodukte und Chemikalien deutlich verringern.
EU: 6000 europäische Unternehmen sind in Indien aktiv
Zum Potenzial der künftigen Handelsbeziehungen teilte die EU mit, es werde erwartet, dass der Vertrag bis 2032 zu einer Verdoppelung der EU-Exporte nach Indien führen werde. Möglich werde dies dadurch, dass Zölle auf 96,6 Prozent des Wertes der EU-Warenexporte nach Indien abgeschafft oder gesenkt würden. Insgesamt könnten die Zollsenkungen Einsparungen von rund vier Milliarden Euro pro Jahr bei Abgaben auf europäische Produkte ermöglichen. Nach EU-Angaben sind bereits heute mehr als 6000 europäische Unternehmen in Indien vertreten.
Eine EU-Beamtin in Brüssel sagte, der Handel mit Indien mache bislang nur rund 2,5 Prozent des gesamten EU-Warenhandels aus, im Vergleich zu knapp 15 Prozent mit China. Trotz vergleichsweise hoher Zölle auf indischer Seite sei der Handel zwischen der EU und Indien in den vergangenen zehn Jahren bereits um fast 90 Prozent gewachsen.
Merz: Deutschland ist Indiens wichtigster Handelspartner in der EU
Als besonders relevant wird das Abkommen auch vor dem Hintergrund der angespannten Handelsbeziehungen zu den USA gesehen, die durch die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump zuletzt zunehmend unberechenbar geworden sind. Von der Leyen sagte bereits in der vergangenen Woche: "Wir entscheiden uns für fairen Handel statt für Zölle, für Partnerschaft statt Isolation." Die EU wolle Nachhaltigkeit statt Ausbeutung und meine es ernst mit der Risikominderung sowie der Diversifizierung von Lieferketten.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hatte Mitte Januar nachdrücklich für einen Abschluss der Verhandlungen geworben. Mehr als 2000 deutsche Unternehmen seien bereits heute in Indien aktiv, und zugleich investierten immer mehr indische Unternehmen in Deutschland, sagte er bei einem Treffen mit Modi. Mit einem bilateralen Handelsvolumen von fast 50 Milliarden US-Dollar (42,2 Milliarden Euro) bei Waren und Dienstleistungen sei Deutschland Indiens wichtigster Handelspartner innerhalb der Europäischen Union.
EU-Staaten und Parlament müssen noch zustimmen
Bis das Abkommen unterzeichnet werden kann, dürfte es allerdings noch einige Zeit dauern. Der Vertragstext muss zunächst rechtlich geprüft und in alle Amtssprachen der EU übersetzt werden. Anschließend bedarf er der Zustimmung der Mitgliedstaaten sowie des Europäischen Parlaments.
Bereits von 2007 bis 2013 hatten die EU und Indien über ein Freihandelsabkommen verhandelt. Die Gespräche scheiterten damals jedoch und wurden erst 2022 wieder aufgenommen. Das Interesse an einer Einigung wuchs zuletzt auf beiden Seiten auch angesichts des Verhaltens der US-Regierung unter Trump.
Auf indische Produkte erheben die USA inzwischen Zölle von bis zu 50 Prozent, darunter auch 25 Prozent im Zusammenhang mit Handelsgeschäften zwischen Indien und Russland. Indien, das traditionell gute Beziehungen sowohl zu Moskau als auch zum Westen pflegt, bezieht einen Großteil seines Öl- und Gasbedarfs aus Russland. Diese Einnahmen wiederum fließen in erheblichem Umfang in den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
pgr/jj (dpa, afp, rtr)