EU-Behörde prüft Impfstoff von AstraZeneca | Europa | DW | 16.03.2021
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Pandemie

EU-Behörde prüft Impfstoff von AstraZeneca

Impfungen sollten trotz Berichten über Nebenwirkungen derzeit nicht ausgesetzt werden, meinen die Fachleute der europäischen Arzneimittel-Agentur. Klare Empfehlungen gibt es diesen Donnerstag. Bernd Riegert aus Brüssel.

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Prognose für Deutschland: Lockdown-Lockerungen nur vorübergehend

Emer Cooke, die Direktorin der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA), bat die aufgeschreckte europäische Öffentlichkeit um zwei weitere Tage Geduld. Bis Donnerstag Nachmittag soll eine Expertengruppe der EMA die Frage klären, ob der COVID-19 Impfstoff von AstraZeneca schwere Nebenwirkungen auslöst oder nicht. Seit letzter Woche untersucht die EMA Berichte über Blutgerinnsel, die bei Geimpften aufgetreten sein sollen. "Im Moment sagen wir, die Vorteile einer Impfung überwiegen die Risiken bei Weitem", so Emer Cooke in ihrer Pressekonferenz. "Davon bin ich zutiefst überzeugt." Berichte über mögliche Nebenwirkungen seien bei Millionen von Impfungen nicht ungewöhnlich und erwartet worden, sagte die Direktorin der EMA. "Bisher haben wir keinen Anlass davon auszugehen, dass der Impfstoff die Blutgerinnsel ausgelöst hat." Keine der klinischen Studien, die vor der Zulassung des Impfstoffes gemacht wurden, habe darauf hingedeutet.

Niederlande l European Medicines Agency (EMA) in Amsterdam

Tagelange Beratungen der Experten aus allen EU-Staaten bei der EMA in Amsterdam

Die Hälfte der EU-Staaten hat Zweifel

Rund 65 Staaten verimpfen bisher den Impfstoff gegen COVID-19 der Firma AstraZeneca. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die EMA empfehlen trotz der Berichte über mögliche schwere, aber sehr seltene Nebenwirkungen, mit dem Impfen fortzufahren. Allerdings haben 13 Staaten der Europäischen Union sowie Norwegen und Island in den letzten Tagen die Impfungen mit AstraZeneca  eingeschränkt oder ganz ausgesetzt. Dänemark hatte den Domino-Effekt am vergangenen Donnerstag ausgelöst. Die dänische Gesundheitsbehörde hatte von ungewöhnlichen Symptomen und Blutgerinnseln bei einer geimpften Person berichtet. In Bulgarien und Italien gab es Berichte über Todesfälle. Nach und nach folgten immer mehr europäische Staaten dem Beispiel. Am Montag schließlich hatten auch die großen EU-Staaten Deutschland, Italien und Frankreich die Impfungen teilweise vorläufig ausgesetzt. Einige Staaten, wie Österreich oder Luxemburg, haben nur einzelne Chargen des Impfstoffs gesperrt.

In Thailand hat eine am Freitag noch verschobene Impfkampagne mit AstraZeneca inzwischen begonnen. Die Demokratische Republik Kongo und Indonesien vertagten den Beginn ihrer Impfkampagnen. Venezuela will dem Präparat von AstraZeneca keine Zulassung erteilen.

Infografik Impfstoff-Bestellungen der EU

Keine ungewöhnlichen Abweichungen?

Nach Angaben von AstraZeneca haben inzwischen 17 Millionen Menschen in der EU und Großbritannien eine erste Dosis des Impfstoffs erhalten. Etwa 40 von ihnen haben nach der Impfung ungewöhnliche Blutgerinnsel entwickelt, die in einigen Fällen zum Tode geführt haben. Bislang gibt es aber wohl noch keinen Beweis, dass die Erkrankungen tatsächlich von der Impfung ausgelöst wurden. Viele Experten weisen darauf hin, dass die Zahl der schweren Thrombosen, die beobachtet wurden, das normale Maß an diesen Erkrankungen, das man in der Bevölkerung erwarten könne, nicht überschreite. Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn sagte, es handele sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme, die auf Empfehlung des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts in Deutschland erfolge.

Die Direktorin der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) Emer Cooke sagte in Amsterdam, es gebe jedes Jahr in der EU Tausende Fälle von Blutgerinnseln. Es sei nicht klar, ob sich ihre Zahl jetzt tatsächlich erhöht habe. In der EMA sind alle 27 Mitgliedsstaaten der EU mit Experten vertreten. Die EMA kann aber nur unverbindliche Empfehlungen abgeben. Die Regierungen der 27 Mitgliedsstaaten entscheiden in Gesundheitsfragen alleine, ob und wie und wann sie Impfstoffe einsetzen.

Coronavirus - Spahn zum Impfstoff Astrazeneca

Gesundheitsminister Jens Spahn: Reine Vorsichtsmaßnahme

"Sehr, sehr geringes Risiko"

Professor Peter Kremsner, Direktor an der Universitätsklinik in Tübingen und Facharzt für Infektionskrankheiten, sagte der DW, ein eventuelles Risiko sei "sehr, sehr, sehr klein."  Aus den Daten, die er gesehen habe, könnte er kein erhöhtes Risiko durch den Impfstoff ableiten. "Wir wissen es nicht genau. Wir werden es den nächsten Tagen wissen", so Kremsner. Er habe mit dem Experten gesprochen, die die Studien zu den Impfstoffen ausgewertet hätten. "Es gab keine klaren Hinweise, bestätigte er mir. Deshalb bin ich eher optimistisch, dass die Impfungen morgen oder übermorgen fortgesetzt werden."

Der deutsche Gesundheits-Politiker Karl Lauterbach, SPD-Bundestagsabgeordneter und ausgebildeter Epidemiologe, glaubt, dass die gemeldeten Blutgerinnsel "mit hoher Wahrscheinlichkeit" auf die Impfung zurückzuführen seien. Allerdings würde er trotzdem weiter impfen lassen, sagte Lauterbach im ARD-Fernsehen. "Auf der Grundlage der Zwischenfälle, die wir jetzt kennen, überwiegt natürlich der Nutzen des Impfstoffes, besonders bei Älteren." Die Nebenwirkungen seien extrem selten.

Infografik - Impfbereitschaft weltweit - DE

Premier Johnson steht zu AstraZeneca

Der britische Premierminister Boris Johnson nahm das Vakzin des britisch-schwedischen Pharmaunternehmens AstraZeneca in Schutz. Es sei "sicher und extrem gut" in der Wirkung, sagte Johnson in London. Der an der Universität Oxford entwickelte Impfstoff wurde in Großbritannien millionenfach eingesetzt. Berichte über schwere Nebenwirkungen und einen Anstieg der Zahl von Blutgerinnseln gibt es keine. Auch der kanadische Premierminister Justin Trudeau erklärte, der Impfstoff sei sicher und geprüft. "Nehmen Sie die erste Impfdosis, die Ihnen angeboten wird, egal von welchem Hersteller", riet Trudeau seinen Landsleuten im kanadischen Fernsehen.

In Deutschland haben die Bundesregierung und die Landesregierungen einen für Mittwoch geplanten Impf-Gipfel per Videoschalte abgesagt. Eigentlich sollte entschieden werden, wann Hausärzte in ihren Praxen anfangen sollten, vornehmlich das AstraZeneca Präparat an ihre Patienten zu verimpfen. Wirtschaftlich gesehen kämen die Probleme mit AstraZeneca sehr ungelegen, sagte der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, der Nachrichtenagentur Reuters. Angesichts steigender Infektionszahlen sollte man die Impfpause so kurz wie möglich halten. "Wenn es dauerhaft nicht mehr zum Einsatz käme, könnte sich der Zeitpunkt der Herdenimmunität um ein bis zwei Monate verschieben."

Deutschland Berlin | Coronavirus, Impfzentrum

Impfzentrum in Berlin: Vorläufig ohne AstraZeneca-Präparat

EMA-Chefin Cooke, wies darauf hin, dass nicht nur Berichte über Nebenwirkungen bei AstraZeneca, sondern auch bei allen anderen zugelassenen Impfstoffen von BioNTech/Pfizer, Moderna und Johnson &Johnson mögliche Nebenwirkungen kontinuierlich untersucht würden. "Vertrauen in die Effizienz der Impfstoffe ist entscheidend", so Cooke. Im Prinzip seien alle zugelassenen Impfstoffe sicher und könnten weiter verwendet werden, heißt es von der EMA in Amsterdam. Von den vier Impfstoffen wurden nach Angaben der EU-Kommission in der EU 60 Millionen Dosen ausgeliefert und 43 Millionen verimpft. (Stand 11.03.2021)

 

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