″Es ist wie im Kindergarten!″ | Deutschland | DW | 02.07.2018
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Regierungskrise

"Es ist wie im Kindergarten!"

"Erbärmlich" und "würdelos", "erschreckend" und "beschämend" - mit diesen Worten urteilen Bürger in Deutschland über den Streit zwischen CDU und CSU. Einige haben auch Sorge vor möglichen Neuwahlen.

Auf der Suche nach Gesprächspartnern auf der Straße winken viele Passanten ab. Sie lachen, sind genervt von dem Thema "Regierungskrise". Doch aus so manchem sprudelt dann doch die Entrüstung. Was halten sie von dem Streit zwischen den konservativen Schwesterparteien CDU und CSU? Glauben sie, die Regierung hält und Bundeskanzlerin Angela Merkel kann die Wogen glätten? Eine nicht repräsentative Umfrage in Bonn.

Linda Orth (64):

"Es ist erschreckend und beschämend, was da gerade los ist. Dass man nicht im Ganzen und im Europäischen denkt, sondern persönliche Aversionen herauslässt. Ich bin zwar ein sehr positiver Mensch, aber es macht mir Sorge, ob die Lage von der rechten Seite ausgenutzt wird. Ich wundere mich, dass man nicht schon längst auf die Straße gegangen ist. Ich habe früher selbst viel demonstriert und ich glaube, diese Kultur müsste wieder kommen."

Mustafa Mousselmani (26):

"Es ist Ausdruck der momentanen internationalen Lage. Nach 70 Jahren stehen CDU und CSU vor der Auflösung der Fraktionsgemeinschaft und man sieht klar, wer hinter den Kulissen die Politik bestimmt. Die CSU hat sich von der Politik der AfD nach rechts drängen lassen und jetzt müssen wir mal schauen, wie es weiter geht - das weiß keiner. Gerade als jemand mit Migrationshintergrund habe ich Angst, wenn die Regierung wirklich scheitert, dass zum Beispiel Leute von der AfD massiv an Stimmen gewinnen. Mir macht Angst, wenn sie versuchen, die freiheitlich-demokratische Grundordnung auszuhebeln - und ich dann davon benachteiligt werde."

Theodor Osterhoff (61):

"Ich halte nichts von Diskussionen. Ich arbeite mit gehörlosen Menschen und an denen geht die ganze Diskussion vorbei. Warum wird so viel geredet und nicht gehandelt? Für mich ist völlig klar, dass wir uns nicht abschotten können. Es ist ganz wichtig, dass wir diese Offenheit bewahren, weil das ein Stückchen unserer menschlichen Kultur ist. Wir haben ganz viele Probleme, die wir nur gemeinsam lösen können. Ich glaube, in der aktuellen Debatte geht es um Machtspiele. Es ist sehr menschlich, was die Politiker gerade machen. Wenn es aber nur um Machtspiele geht, halte ich von Politik überhaupt nichts. Ich bin nicht sauer auf unsere Politiker, aber enttäuscht. Im Moment stehe ich eindeutig auf der Seite von Frau Merkel, obwohl das auch immer zu hinterfragen ist. Aber das, was die CSU da gerade abspielt, das geht gar nicht."

Riad Taghi (42):

"Die Regierung tut nicht das, was sie machen sollte. Sie denkt nicht an die Wirtschaft, an die Steuern, an die Studenten - sie denkt nicht an die Dinge, die für die nächste Generation wichtig sind. Ich komme aus Australien und da ist es anders. Die Regierung macht viel mehr für Studierende und die junge Generation."

Marianne Witzke (67):

"Ich habe noch mit niemandem gesprochen, der nicht gesagt hat, dass er das erbärmlich und würdelos findet. Da kriegt man einfach nur die Krise und mir ist auch langsam egal, ob der Seehofer geht oder die Koalition auseinanderbricht. So kann es nicht weiter gehen. Das ist wie in einer Bananenrepublik - es ist unwürdig. Ich habe den Eindruck, dass es nur noch um persönliche Belange geht. Mit Regieren und sachlichen Fragen hat das nichts mehr zu tun."

Karen Höfer (52):

"Herr Seehofer ist ein sehr eitler Mensch und das ist alles nur Operetten-Theater. Ich kann den Streit zwischen den Politikern nicht wirklich nachvollziehen. Wir Deutschen sind in der ganzen Welt so gut angesehen und werden so gastfreundlich aufgenommen - da verstehe ich nicht, dass man hier so kleingeistig denkt. Ich kann auch nicht nachvollziehen, dass die Parteien sich über das Thema Asyl in die Haare bekommen haben. Solange ich denken kann, ging es immer darum, dass Deutschland vielleicht mal ein Einwanderungsgesetz bekommt. Wir müssten einfach entscheiden, wen wir hier haben wollen - aber das bekommen wir nicht hin. Stattdessen streiten wir darüber, ob wir Menschen haben wollen oder nicht. Aber wir müssen ihnen auch die Möglichkeit geben, hierhin zu kommen, wenn sie gut ausgebildet sind, wenn sie hier arbeiten oder ihre Familien versorgen wollen - ich meine, sie kommen ja sowieso! Ich finde es immer besser, wenn man eine Möglichkeit findet, das gut zu lösen."

David Wurth (21):

"Ich bin kein CDU-Wähler. Aber es ist für mich schwer nachzuvollziehen, dass es zwischen zwei, sich so nahe stehenden Parteien keinen Konsens gibt. Sorge vor Neuwahlen habe ich aber nicht. Ich habe immer noch viel Vertrauen in die deutsche Politik."

Jasmin Benser (39):

"'Es ist ja wie im Kindergarten', habe ich gedacht, als ich davon gehört habe. Wenn der eine keine Argumente mehr hat, spielt er nicht mehr mit. Mir macht generell Sorge, wie unser Land geführt wird. Im Moment ist mein persönlicher Ansatz: zurück zur Kommune oder zur kleinen Gemeinschaft, die sich selbst organisieren. Da kann ich jedenfalls mitwirken, sehe Ergebnisse und es ist relativ transparent."

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