Eroica Berlin: Ein junges Orchester engagiert sich für Klassik in der Hauptstadt | Musik | DW | 07.04.2018
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Musik

Eroica Berlin: Ein junges Orchester engagiert sich für Klassik in der Hauptstadt

Klassik und Jugend - passt das zusammen? In Berlin versucht ein junges Ensemble zu beweisen, dass klassische Musik kein Auslaufmodell ist. Die "Ensemble Eroica Berlin" klingt jedenfalls alles andere als staubig.

Der spanische Kontrabassspieler Joan Cantallops (DW/S. Sanderson)

Der spanische Kontrabassspieler Joan Cantallops ist seit der Gründung des Eroica Ensemble in 2015 mit dabei

Es klingt ganz so, als ob Gott höchstpersönlich vom Himmel hinabsteigen und die Ölbergkirche in Kreuzberg betreten würde: Eine sanfte Stimme hallt durch die Gewölbe, warmes Licht durchflutet das Bauwerk, und eine nicht greifbare Gegenwart füllt den Raum.

"Können wir bei 34 nochmal anfangen?" erkundigt sich die entkörperte Stimme. Um eine Gottheit scheint es sich vielleicht doch nicht zu handeln.

Es stellt sich heraus, dass es die Stimme des Tonmeisters ist, der das Eroica Berlin Ensemble bei seinen Aufnahmen in der Ölbergkirche begleitet. Dort nimmt das junge Ensemble derzeit nämlich seine zweite CD "Golden Age" auf, die in diesem Jahr beim Leipziger Genuin Label erscheinen wird. Gerade erst erschien das erste Album des blutjungen Ensembles bei Ars Vobiscum unter dem Titel "Schubert: Reload."

Bei den jungen Musikern von Eroica Berlin ist derzeit viel los. Schließlich könnte hinter jedem Projekt oder Auftritt auch der ganz große Durchbruch stecken.

Authentische Klassik präsentiert von Millennials

Einfühlsam gibt Tonmeister Holger Busse dem jungen Ensemble und seinem 26-jährigen Dirigenten Jakob Lehmann Hinweise, welche Takte nochmal neu angesetzt oder welche Themen genauer herausgearbeitet werden müssen. Denn im Gegensatz zu Konzertauftritten besteht die Aufnahme eines Albums aus gründlicher Feinarbeit.

Fagottspielerin Miri Ziskind (r.) (DW/S. Sanderson)

Fagottspielerin Miri Ziskind (r.) stammt aus Israel

"Wir nehmen eigentlich ein Album auf, dass es so in dieser Form als Aufführung ja nicht gibt. Wir nehmen die besten Takes von den Aufnahmen und fügen die zusammen. Das ist ein ganz anderer Prozess als bei einem Konzert", erklärt der Dirigent und fügt hinzu, dass es ihm bei seiner Arbeit vor allem um die "Qualität der Musik" geht.

Der junge Orchesterleiter widmet sich seiner Sache mit Leib und Seele: Beim Dirigieren geht er mit, scheint die Musik bis in seine Fingerspitzen zu spüren und vermittelt seinem Ensemble viel mehr als nur Tempo, Rhythmus und Dynamik. Ganz wie bei der dritten Symphonie Beethovens, nach der das Ensemble benannt ist, geht es Lehmann auch um Heldenhaftes: "Meine Meinung ist, dass man klassische Musik nur dann attraktiv machen kann, wenn man selber dran glaubt, wenn man wirklich selbst überzeugt ist von dem, was man tut und genau diesen Punkt mit anderen teilen möchte. Ich glaube das ist viel authentischer als wenn man sagt, wir machen nur leicht verdauliches Zeug" erläutert Lehmann.

Musiker aus aller Welt

Es fließen offensichtlich viele große Gedanken in Jakob Lehmanns Arbeit mit dem Eroica Berlin Ensemble ein. Seine Musiker und Musikerinnen sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Sie studieren noch oder stehen am Anfang des Berufslebens.

Die Fagottspielerin Miri Ziskind stammt aus Israel. Sie betont, dass es ihr nicht nur um die Musik, sondern auch um den Spassfaktor geht.

"Wir kennen uns alle hier sehr gut. Viele von uns studieren auch zusammen an der Universität der Künste. Daher haben wir auch öfter früher schon zusammen gespielt und dadurch ist auch diese CD-Aufnahme zustande gekommen. Wir sind alle sehr locker, und hier im Ensemble mitzuspielen, macht auch viel Spaß."

Eroica Berlin sticht auch aufgrund seiner internationalen Mitglieder hervor: ein Koreaner, ein Japaner, ein Ungar, ein Australier und ein Spanier sind auch bei der Einspielung der CD mit dabei. Das neue Album widmet sich der zeitgenössischen Musik der zwanziger Jahre mit Werken von Komponisten wie Paul Hindemith, Ernst Toch und Jacques Ibert – schwerer Stoff, vor allem für jüngere Musiker.

Ölbergkirche Berlin (DW/S. Sanderson)

Die Ölbergkirche in Berlin Kreuzberg wurde teilweise in ein Tonstudio umfunktioniert, feiert aber immer noch Gottesdienste

Vorbildliche Musik

Cellist Christoph Heesch steht bei den Aufnahmen im Vordergrund. Er ist der diesjährige Preisträger des Fanny Mendelssohn Förderpreises und überzeugte die Jury mit seinem Konzept, eine CD mit zeitgenössischen Werken für stark reduzierte Orchester einzuspielen.

"Uns verbindet alle das Interesse vom Ensemblespiel und auch die Suche nach konzeptionell neuen Dingen", berichtet der 1995-gebürtige Solist. Dem Nachwuchstalent liegt es am Herzen, junge Generationen für die klassische Musik zu begeistern:

"Ich spiele oft in Schulen, Grundschulen oder teilweise auch in Seniorenheimen, also überall da, wo die klassische Musik nicht unbedingt direkt ihr Zuhause hat. Denn ich bin der Meinung, dass man gerade bei Schulen oft auf der Suche nach Vorbildern ist. Also ich hatte das Gefühl, gerade als ich noch 13, 14, 15 war und Schulkonzerte gegeben habe, dass die meisten Schülerinnen und Schüler sehr positiven Anklang empfunden haben, wenn ein Gleichaltriger irgendwie eine Vorbildfunktion einnimmt."

Dirigent Jakob Lehmann betont, dass Förderpreise und weitere Auszeichnungen  dem kleinen Orchester zwar helfen, wahrgenommen zu werden, schildert aber auch, dass Eroica Berlin, wenn es um Finanzen geht, nach wie vor Unterstützung benötigt:

"Wir finanzieren uns ausschließlich über Sponsoren und sehen uns zur Zeit auch vermehrt nach Leuten um, die Interesse daran haben, ein so junges Orchester in der Musikstadt Berlin zu unterstützen. Wir wollen ein Zeichen setzen und uns vor allem auf die Musik selbst konzentrieren, wo es soviel hier in den Bereichen Performance und Event gibt. Wir wollen mit neuen Konzertformaten neues Publikum finden", sagt Lehmann.

Klassik für jung und alt

Jakob Lehmann könnte wahrscheinlich noch lange voller Leidenschaft für seine Sache schwärmen, doch da ertönt bereits wieder die entkörperte Stimme des Tonmeisters, der drängt, mit der nächsten Aufnahme zu starten.

Und schon macht sich das junge Ensemble wieder an die Arbeit. Christoph Heeschs wuchtige Cello Soli füllen den Raum, Tonmeister Holger Busse unterbricht zwischendurch und lässt neu ansetzen. Dirigent Jakob Lehmann führt das Kammerorchester behutsam durch die Einspielung. Stück für Stück, Takt für Takt setzt sich so im Tonstudio eine Aufnahme zusammen, die jung und alt für Klassik begeistern soll.

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