Ernährungskrise durch Ukraine-Krieg | Wirtschaft | DW | 09.03.2022
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Russlands Angriff auf die Ukraine

Ernährungskrise durch Ukraine-Krieg

Der Krieg in der Ukraine führt zu Kollateralschäden in der Ferne: Weil die Preise für Weizen und andere Grundnahrungsmittel explodieren, sind arme Menschen in Entwicklungsländern von Hunger bedroht.

Der Preis für Weizen steigt täglich auf neue Rekordhöhen. An der Terminbörse in Chicago, dem wichtigsten Handelsplatz für landwirtschaftliche Produkte, liegt er inzwischen um 50 Prozent höher als vor dem russischen Angriff auf die Ukraine.

Grund für den gewaltigen Preisanstieg ist: Beide Kriegsparteien, Russland und die Ukraine, gehören zu den größten Weizenexporteuren der Welt.

Der überwiegende Teil des weltweit produzierten Weizens wird dort konsumiert, wo er angebaut wird. Der Rest wird international gehandelt. "Davon haben Russland und die Ukraine zusammen einen riesigen Anteil von ungefähr einem Drittel", sagt der Agrarökonom Matin Qaim, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung in Bonn.

Russland ist mit Abstand der größte Weizenexporteur, Ukraine folgt auf Platz fünf. Dazwischen liegen, in absteigender Reihenfolge, die USA, Kanada und Frankreich.

Infografik Weizen Export Russland Ukraine DE

Das meiste Getreide aus Russland und der Ukraine wird im Sommer und im Herbst exportiert, so Qaim zur DW. "Die großen Probleme stehen uns also erst noch bevor." Denn der Krieg erschwert nicht nur den Export vorhandener Bestände. Wenn er sich länger hinzieht, kann zumindest in der Ukraine nicht in gewohntem Umfang ausgesät und geerntet werden.

Abhängige Entwicklungsländer

Das wiederum wird den Weizenpreis noch weiter nach oben treiben. Für die Abnehmerländer ist das ein gewaltiges Problem, denn unter ihnen sind viele Entwicklungsländer, die von Lebensmittelimporten abhängig sind.

"Länder wie der Libanon oder Ägypten importieren ja den überwiegenden Anteil ihrer Grundnahrungsmittel, oft zwischen 70 und 90 Prozent", so Qaim.

Auch Kenia ist von Weizenimporten abhängig. "80 Prozent vom Weizen in Kenia sind importiert. Nur 20 Prozent werden hier angebaut", so der kenianische Ökonom Ken Gichinga im ARD-Hörfunk. "Wir importieren aus mehreren Ländern, auch aus Russland und der Ukraine. Was sich dort jetzt abspielt, wird die Lieferketten zusammenbrechen lassen." Auch die Türkei ist in großen Umfang von Weizenimporten abhängig. 

Hunger wird größer

Zumal Weizen nicht das einzige Nahrungsmittel ist, bei dem Russland und die Ukraine einen großen Weltmarktanteil haben. Bei Mais und Gerste sind es fast 20 Prozent, bei Sonnenblumenöl sogar 80 Prozent.

Infografik Weizen Preisentwicklung DE

"Wir sehen die Preisanstiege nicht nur bei Weizen, sondern auch bei anderen Nahrungsmitteln", so Agrarökonom Qaim. Für die Armen in den Entwicklungsländern bedeuten steigende Lebensmittelpreise vor allem eines: Hunger. "Sie können gar nichts anderes machen als einfach noch weniger zu essen."

Zwar haben einige Länder, darunter Indien und China, derzeit noch hohe Lagerbestände an Weizen. "Natürlich können sie die Bestände abbauen und so das Angebot an Weizen vergrößern", sagt Qaim. Allerdings sei das bei weitem nicht genug, um den Anteil Russlands und der Ukraine zu kompensieren.

Sanktionen und Nahrungsmittel

Wobei in Russland Weizen und andere Lebensmittel ja weiterhin angebaut und auch geerntet werden. "Die Frage ist nun, ob wir Möglichkeiten finden, russische Nahrungsmittelexporte zu ermöglichen, um einen humanitäre Katastrophe - nämlich Kollateralschäden des Krieges in anderen Teilen der Welt - abzuwenden", so ZEF-Direktor Qaim.

Das wiederum betrifft die westlichen Sanktionen gegen Russland, die nicht nur Exporte erschweren, sondern auch die Bezahlung, weil mehrere russische Banken vom internationalen Zahlungsverkehr ausgeschlossen wurden. "Wir müssen hier ernsthaft über Ausnahmeregelungen für Nahrungsmittel diskutieren", so Qaim.

Die weitere Entwicklung hängt vor allem vom Kriegsverlauf ab. Es ist eine reale Gefahr, dass es auch in der Ukraine zu Hungersnöten kommt - in einem Land also, das wegen seiner fruchtbaren Schwarzerdeböden auch "Kornkammer Europas" genannt wurde.

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