″Er nennt mich immer noch Sir″ - Ex-Trainer über Bayern-Talent Jamal Musiala | Sport | DW | 23.09.2020
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Bayern-Toptalent Jamal Musiala

"Er nennt mich immer noch Sir" - Ex-Trainer über Bayern-Talent Jamal Musiala

Jamal Musiala ist der jüngste Spieler und Torschütze in der Geschichte von Bayern München. Sein Jugendtrainer sprach mit der DW über Musialas Weg nach oben und seinen inneren Konflikt zwischen England und Deutschland.

Einer der ersten Gratulanten des jüngsten Torschützen in der Geschichte von Bayern München war sein ehemaliger Trainer. "Herzlichen Glückwunsch, Jamal. Das erste von Hunderten zukünftigen Toren", so die Nachricht von Andrew Martin an den 17-jährigen Jamal Musiala. Der in Deutschland geborene Nachwuchsspieler, der mit seinem Treffer gegen Schalke soeben Geschichte geschrieben hatte, antwortete schnell mit einem Daumen hoch und den Worten "Danke, Sir".

Andrew Martin ist Leiter der Fußballabteilung an der Privatschule Whitgift im südlichen Londoner Vorort Croydon. Hier trainierte er Musiala drei Jahre lang, zwischen 2013 und 2016. Mittlerweile ist Musila an einer der schillerndsten Adressen im Profifußball angekommen. Andrew Martin wird für ihn dennoch immer der "Sir" sein. "Auch wenn er für Bayern München spielt, nennt er mich immer noch Sir", erzählt Martin der DW. "Das sagt Ihnen einfach alles, was Sie über den Jungen wissen müssen. Er ist so höflich, so respektvoll. Ich wollte ihn nur wissen lassen, dass wir seine Karriere hier mit großem Interesse verfolgen und dass wir alle stolz auf ihn sind. Ich bin überzeugt, dass er in seiner Karriere Hunderte von Toren schießen wird, sei es bei Bayern München oder anderswo." 

Zurückhaltend und bescheiden

Laut Martin ist Musiala aber niemand, der sich sofort von allem mitreißen lässt. Der ehemalige Trainer beschreibt ihn als einen "ruhigen Jungen", dessen Elan und Entschlossenheit, es an die Spitze zu schaffen "seit langem offensichtlich" seien. "Ich hatte das Glück, Jamal in den drei Jahren, die er bei uns in Whitgift war, zu trainieren. Als er ankam war er ein kleiner, schmächtiger Junge und strahlte nicht viel Selbstvertrauen aus. Aber sobald er auf den Platz ging, war er ein Anderer", sagt der 40-Jährige, der selbst als Spieler und Trainer des aktuellen Premier-League-Klubs Crystal Palace aktiv war.

Bundesliga Bayern München | Jamal Musiala (Christof Stache/AFP/Getty Images)

Musiala (l.) erzielt sein erstes Tor für Bayern im zarten Alter von 17 Jahren, 6 Monaten und 23 Tagen

"Er ist ein hervorragender Fußballer, das war schon in seinen jungen Jahren offensichtlich. Er ist bescheiden, war ein zurückgezogener Junge und hat sich zu jemandem entwickelt, der selbstbewusst und entschlossen, aber niemals arrogant oder unhöflich ist", charakterisiert Martin den 17-Jährigen. "Er schoss mehr als 50 Tore pro Saison für uns und auch bei Chelsea war er nicht weit von dieser Marke entfernt. Technisch hervorragend, sehr geschickt und ein Spieler, der überall den Abschluss finden kann - innerhalb und außerhalb des Strafraums." Doch nicht nur die fußballerische Komponente macht ihn aus Sicht von Martin aus: "Besonders sein Auftreten zeichnet ihn aus, er war für die Schule zum Beispiel immer tadellos gekleidet und präsentierte sich sehr korrekt." Diese Eigenschaft habe er auch auf den Fußballplatz mitgenommen: "Sein Verhalten, sein Einsatz, seine Entschlossenheit - alles zusammen macht aus ihm den Fußballer, den wir heute sehen."

England oder Deutschland?

Musialas Weg ähnelt dem von Callum Hudson-Odoi, der ebenfalls von Martin in Whitgift trainiert wurde und wie Musiala anschließend zum FC Chelsea wechselte. Im Gegensatz zu Hudson-Odoi, den der FC Bayern zur gleichen Zeit verpflichten wollte, verließ Musiala Chelsea jedoch nach drei Jahren und kam 2019 nach München. Eine Rolle könnte dabei seine persönliche Verbindung nach Deutschland gespielt haben. Denn Musiala wurde im Februar 2003 in Stuttgart geboren und verbrachte die ersten sieben Jahre seines Lebens im hessischen Fulda, ehe seine deutsche Mutter und sein nigerianischer Vater mit ihm nach London zogen.

England Mittelfeldspieler Callum Hudson-Odoi (Daniel Bearham/Colorsport/imago images)

Hudson-Odoi ging ebenfalls nach Whitgift und schloss sich Chelsea an. Er aber blieb in London - noch.

Die Frage, für welches Land er spielen soll, hat in Musiala laut Martin einen inneren Konflikt ausgelöst. Und obwohl Deutschland und der DFB sich sehr um ihn bemühten - immerhin hatte er auch bereits für deutsche Jugendauswahlen gespielt - entschied sich Musiala am Ende für England, weil "sein Herz den Three Lions gehört". "Er präferierte England und das ist auch immer noch so", erklärt Martin. "Er ist als Fussballer bei Chelsea aufgewachsen und hat dort mit vielen anderen englischen Spielern gespielt. Als er für Deutschland spielte, fühlte er sich wie ein Außenseiter." 

Bewunderung für Bayern

Während sich Musiala auf Nationalmannschaftsebene für England entschieden hat, bevorzugt er auf Klubebene Deutschland. Das von internationalen Spitzenklubs begehrte Toptalent hat sich ganz bewusst für Bayern München und die Bundesliga entschieden. "Als Jamal zu Bayern ging, gab es zahlreiche andere Klubs, die sich für ihn interessierten", erklärt Martin. "Er war Torschützenkönig in unterschiedlichen Wettbewerben, in denen er mit Chelsea spielte. Das erregte natürlich Aufmerksamkeit, unter anderem die von einigen der besten Klubs Spaniens", erzählt der ehemalige Jugendtrainer und nennt weitere Faktoren, die für Bayern München und Deutschland sprachen: "Seine Mutter ist Deutsche, er hat immer Kontakte nach Deutschland gepflegt und ist in den Sommerferien oft dort gewesen. Als sich dann die Gelegenheit ergab, nach Deutschland zurückzukehren und für Bayern zu spielen, war das für ihn die beste Option. Für seine Familie war es eine Überraschung, dass Jamal nach Deutschland zurückkehren wollte, doch sie ging mit ihm." 

In München gehört Erfolgstrainer Hansi Flick zu denjenigen, die in Musiala großes Potenzial sehen - zum Glück für den hoffnungsvollen Jungprofi. "Jamal hat mit diesem Tor gezeigt, was für ein erstaunliches Talent er ist. Wir werden ihm helfen, sein Potenzial auszuschöpfen", sagte der sichtlich angetane Flick nach dem Bundesliga-Auftakt gegen Schalke 04, bei dem Musiala in der 81. Minute mit seinem ersten Tor für die Bayern-Profis den 8:0-Endstand besorgt hatte. Ob Andrew Martin in der Jugend oder Hansi Flick beim deutschen Rekordmeister: Jamal Musiala scheint bei seinen Trainern immer in guten Händen zu sein. 

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