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PolitikUkraine

Entführung ukrainischer Kinder: Russlands perfide Strategie

9. Mai 2026

Die Ukraine weiß von mehr als 20.000 nach Russland verschleppten ukrainischen Kindern. Die Dunkelziffer dürfte sehr viel höher sein. Was hat Russland mit diesen Kindern vor?

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Kinder unterschiedlichen Alters schauen aus einem Busfenster.
Kinder auf dem Weg von Isjum nach Belgorod im April 2022Bild: Mikhail Voskresenskiy/SNA/IMAGO

Die unabhängige internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen zu den Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine veröffentlichte im März 2026 ihre Ergebnisse. Diese belegen: Die Deportationen und Zwangsumsiedlungen ukrainischer Kinder nach Russland erfolgen systematisch und in großem Ausmaß. Es geht nicht nur um Kriegsverbrechen, sondern auch um Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und dass die Rückführung verschleppter Kinder systematisch verzögert wird, ist noch einmal ein gesondertes Verbrechen.

Wie viele Kinder sind in Russland?

Aktuell liegen der Ukraine gesicherte Daten zu 20.570 Kindern vor. "Das sind nur die Fälle, über die uns mehr oder weniger ausreichende Daten vorliegen", sagt Maksym Maksymow. Er leitet die Organisation "Bring Kids Back UA", eine Initiative des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. "Die tatsächliche Zahl der Entführungen dürfte deutlich höher liegen."

Maksym Maksymow sitzt in einem Sessel und hält ein Mikrofon in der Hand
Maksym Maksymow leitet die Initiative zur Rückführung deportierter Kinder aus RusslandBild: Bring Kids Back UA

Darauf deuten auch Hinweise aus Russland selbst hin. 2023 wurde dort beispielsweise behauptet, 744.000 ukrainische Kinder seien in Russland "aufgenommen" worden. Im selben Jahr, so Maksymow zur DW, habe Russland dem UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes gemeldet, 46.000 ukrainische Kinder hätten russische Pässe erhalten. Zudem hätten Kinder, denen die Rückkehr in die Ukraine gelungen ist, von anderen Kindern berichtet, die nicht in der ukrainischen Datenbank erfasst sind. Auch in Medien würden immer wieder neue Zahlen auftauchen.

Die Identifizierung von Kindern und die Feststellung ihres Aufenthaltsortes wird durch den fehlenden Zugang zu den russisch besetzten Gebieten der Ukraine erschwert. "Die russischen Behörden veranlassen langfristige Unterbringungen von Kindern in Familien russischer Staatsbürger und in russischen Einrichtungen. Damit verstoßen sie gegen ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen zur Zusammenführung von Familien, die während eines bewaffneten Konflikts getrennt wurden", erklärt die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine gegenüber der DW.

Wie viele Kinder konnten zurückkehren?

Bis heute ist es der Ukraine gelungen, 2126 Kinder zurückzuholen. Sie waren direkt nach Russland deportiert, innerhalb der besetzten Gebiete umgesiedelt oder vor Ort einer russischen "Umerziehung" unterzogen worden.

Maksymow beschreibt zwei Wege zur Rückführung von Kindern. Einer ist die Mediation, ein indirektes Verhandlungsverfahren. Den Russen werden Listen mit Namen ukrainischer Kinder übergeben. Dann wird mit Hilfe des Menschenrechtsbeauftragten über einen Vermittler verhandelt und die Kinder gelangen schließlich in die Ukraine. "Pro Mediationsverfahren konnten nie mehr als zehn Kinder gleichzeitig zurückgeholt werden", berichtet Maksymow. Der zweite Weg sei die "organisierte Rückführung", bei der gesellschaftliche Organisationen eine entscheidende Rolle spielen. "Manchmal gelingt es, mehr Kinder zurückzuholen, aber wie genau das geschieht, darf ich nicht sagen."

"Die geretteten Kinder kommen völlig desorientiert an. Sie misstrauen Erwachsenen", sagt Maksymow. Die ideologische Erziehung, der ukrainische Kinder in Russland unterzogen würden, sei deutlich zu spüren. Dem wirke die Ukraine mit einer Rehabilitation und Reintegration entgegen, sie mache jedoch keine "Umerziehung".

Von der Deportation zur "Umerziehung"

An Russlands Absicht, sich ukrainischer Kinder zu bemächtigen, hat sich aus ukrainischer Sicht im Laufe der Kriegsjahre nichts geändert. Geändert hat sich demnach die Vorgehensweise. So gab es 2022 und 2023 mehr Massenumsiedlungen. Kinder wurden gruppenweise aus Kinderheimen auf die besetzte Krim oder nach Russland gebracht. Nachdem der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen Präsident Wladimir Putin und seine Kinderschutzbeauftragte Marija Lwowa-Belowa wegen des Verdachts der Beteiligung an Deportationen erlassen hatte, hätten die Russen ihre Taktik geändert, erklärt Maksymow.

Eine Mutter umarmt zwei Kinder, die aus Russland in die Ukraine zurückgeholt wurden
Rückkehr zweier Kinder aus Russland in die UkraineBild: Valentyn Ogirenko/REUTERS

"Sie haben in den besetzten Gebieten inzwischen ein mehrstufiges System geschaffen. Es reicht von der Militarisierung über Indoktrination, Gehirnwäsche und Russifizierung bis hin zur Ausstellung russischer Pässe. So wachsen die Kinder mit einer russischen Weltanschauung auf", erläutert er. Schätzungen zufolge habe Russland Zugriff auf bis zu 1,6 Millionen Kinder in den besetzten Gebieten. Dort gibt es nun überall russische Schulen und paramilitärische Organisationen. Sogenannte "Helden" des Krieges gegen die Ukraine besuchen den Unterricht. Zugang zu ukrainischen Informationsquellen haben die Schüler nicht.

Militarisierung von Kindern und Jugendlichen

Die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine führt ein gesondertes Strafverfahren wegen der Propagierung des Dienstes in den russischen Streitkräften sowie wegen der militaristischen und "patriotischen" Erziehung ukrainischer Kinder. Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko erklärt, die Schulen und Universitäten in den besetzten Gebieten seien zwangsweise auf russische Lehrpläne umgestellt worden.

"Sprache, Geschichte und Kultur der Ukraine werden unterdrückt. Wir sehen, wie Bildung systematisch zu einem Instrument der Assimilation und Militarisierung von Kindern in den besetzten Gebieten der Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson umfunktioniert wird. In den sogenannten 'Umerziehungslagern' sowie in paramilitärischen Bewegungen wie 'Junarmija' (Jugendarmee), 'Dwischenije Perwych' (Bewegung der Ersten) und 'Woin' (Krieger) werden Kinder ideologisch indoktriniert. Sie werden im Umgang mit Waffen geschult und gezwungen, dem Aggressorstaat ihre Treue zu schwören. Hier geht es nicht um Bildung. Hier geht es um Kriegsvorbereitung", betont Krawtschenko gegenüber der DW.

Russland wolle die Zahl der Teilnehmer an solchen Bewegungen bis 2030 jährlich um 250.000 erhöhen, sagt der Generalstaatsanwalt. Dabei gehe es insbesondere um Kinder aus den besetzten Gebieten der Ukraine. Einige von ihnen würden direkt für den Dienst in der russischen Armee ausgebildet. Von 2019 bis 2025 wurden mindestens 6000 ukrainische Kinder für die "Jugendarmee" rekrutiert. Laut Krawtschenko gibt es Fälle, wo sie nach Erreichen der Volljährigkeit gegen die Ukraine gekämpft haben. Dies werde als Kriegsverbrechen eingestuft. Gegen 18 Personen sei Anzeige erstattet worden, insgesamt 30 stünden unter Verdacht und zwei seien bereits verurteilt worden.

Eine Frau steht bei einer Gruppe von Kindern bei deren Überführung aus Isjum nach Belgorod im April 2022
Überführung von Kindern aus Isjum nach Belgorod im April 2022Bild: RIA NovostiI/SNA/MAGO

Andrij Pasternak leitet beim Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) das Zentrum für die Suche und Freilassung von Kriegsgefangenen sowie von Personen, die infolge der Aggression gegen die Ukraine unrechtmäßig ihrer Freiheit beraubt wurden. Er warnt, dass die Militarisierung der Kinder in den besetzten Gebieten weiter zunehme. In ukrainischer Gefangenschaft würden sich bereits Menschen im Alter von 19 bis 20 Jahren befinden, die auf russischer Seite gekämpft hätten. Sie seien im Donbass geboren, entsprechend umerzogen und der russischen Armee verpflichtet worden. "Sie schicken Ukrainer in den Kampf gegen Ukrainer", so Pasternak auf der Konferenz "Civil Society and Expert Day", die im Rahmen der Initiative "Bring Kids Back UA" Ende April stattfand.

Was bietet die internationale Unterstützung?

Im Dezember 2025 verabschiedete die UN-Generalversammlung eine Resolution zur Rückkehr ukrainischer Kinder. Sie ermächtigt UN-Generalsekretär António Guterres und die UN-Sonderbeauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten, Vanessa Frazier, Informationen über Kinder zu verlangen, den humanitären Zugang zu ihnen zu gewährleisten und ihre Rückkehr sicherzustellen.

Die Resolution wurde auch von der Internationalen Koalition für die Rückkehr ukrainischer Kinder unterstützt, der derzeit 47 Länder und Organisationen angehören. Als Plattform koordiniert sie Maßnahmen, um der Ukraine zu helfen, Kinder zu finden, sie zurückzuholen und in die Gesellschaft zu integrieren. Zudem hilft sie, Kriegsverbrechen zu dokumentieren und deren Untersuchung voranzutreiben.

Das letzte Treffen der Koalition fand im September in New York am Rande der UN-Generalversammlung statt. Seitdem gibt es einen Mechanismus zur Erhebung von Daten über von Russland entführte Kinder. Laut Maksymow ermöglicht dies der Ukraine, vorhandene Daten auszuwerten und fehlende zu recherchieren. Das habe unmittelbar dazu beigetragen, mehr über diese Kinder herauszufinden.

Das nächste hochrangige Treffen der internationalen Koalition, das die EU gemeinsam mit der Ukraine und Kanada ausrichtet, findet am kommenden Montag in Brüssel statt. Laut Maksymow hat die Ukraine ihren Partnern verschiedene Möglichkeiten zur Unterstützung ihrer Bemühungen vorgeschlagen - von der Suche nach Verschleppten und der Überprüfung von Daten bis hin zur direkten Rückführung von Kindern. Zu den Vorschlägen gehören auch die  Intensivierung der diplomatischen Anstrengungen, eine bessere Wiedereingliederung und Rehabilitation sowie verstärkte Bemühungen, die Schuldigen vor Gericht zu stellen und Sanktionen zu verhängen.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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