Entdeckt und Behandelt: Thrombosen nach AstraZeneca-Impfung | Wissen & Umwelt | DW | 19.03.2021
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Impffolgen erforscht

Entdeckt und Behandelt: Thrombosen nach AstraZeneca-Impfung

Also doch: Forschende aus Greifswald zeigen wohl einen Zusammenhang zwischen Sinusvenenthrombosen und dem AstraZeneca-Impfstoff. Wie geht es jetzt weiter?

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Wieder Impfungen mit AstraZeneca

Wie der NDR berichtet, haben Fachleute für Transfusionsmedizin an der Universitätsmedizin Greifswald (UMG) einen Zusammenhang zwischen den seltenen Hirnthrombosen und dem Impfstoff von AstraZeneca nachgewiesen. Am Montag waren die Impfungen nach einer Entscheidung von Gesundheitsminister Jens Spahn ausgesetzt worden, nachdem in sieben Fällen von seltenen Thrombosen im Gehirn nach Verabreichung des AstraZeneca-Impfstoffs berichtet worden war. Was bedeuten die neuen Erkenntnisse aus Greifswald für die Praxis? 

Was wurde herausgefunden?

In Zusammenarbeit mit dem Paul-Ehrlich-Institut und Fachleuten aus Österreich untersuchten die Forschenden vom UMG Blutproben von sechs der Betroffenen, die nach einer Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff seltene Sinusvenenthrombosen im Gehirn entwickelt hatten.

Die Proben von vier Betroffenen wurden intensiv untersucht, drei weitere Proben bestätigten die Vermutung: Offenbar löst das Vakzin in einzelnen Fällen einen Abwehrmechanismus des Körpers aus. Diese Immunantwort aktiviere die Blutplättchen - ein ganz normaler Vorgang, wenn wir unsere Gefäße verletzen und das Blut gerinnt, um die Wunde zu verschließen. 

Dem Leiter des UMG, Andreas Greinacher, zufolge führe dieser Mechanismus bei einzelnen Geimpften zu den Thrombosen im Gehirn, die dann den Abfluss des Blutes verhindern. Bisher sind diese Ergebnisse noch nicht in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht und somit keiner Prüfung durch unabhängige Expert*innen unterzogen worden. 

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Empfehlung für Impfstoff von AstraZeneca

Auch Forschende aus Norwegen hatten gegenüber der norwegischen Zeitung VG bereits am Donnerstag einen ähnlichen Mechanismus hinter den Hirnthrombosen vermutet: Antikörper, die Aufgrund einer Immunreaktion entstehen, an die Blutplättchen andocken und diese aktivieren.

Therapie gleich mitentwickelt

Was erstmal wie eine weitere Hiobsbotschaft im Zusammenhang mit dem Impfstoff von AstraZeneca klingt, ist laut den Fachleuten der Universität Greifswald nach dem NDR-Bericht eine gute Nachricht: Da der Mechanismus so genau erkannt werden konnte, war der Weg für eine mögliche Therapie nicht weit. Somit gebe es eine gezielte Behandlungsmöglichkeit, sollten Sinusvenenthrombosen bei Geimpften auftreten: Ihnen sollen nach Empfehlung der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH) hochdosierte Immunglobuline  verabreicht werden. Das ist ein gängiges Mittel, dass in spezialisierten Krankenhäusern zur Verfügung steht und den Mechanismus hemmen soll. 

"Da die Ergebnisse, breit gestreut, an Kliniken übermittelt wurden, kann weiter mit AstraZeneca geimpft werden. Betroffene können direkt therapiert werden", heißt es in einer Pressemitteilung der Universitätsmedizin Greifswald. Allerdings betonen die Forschenden auch, dass der Wirkstoff zur Behandlung einer Thrombose nicht prophylaktisch, also vor einer Impfung und vor einer etwaigen Entwicklung der Symptome, gegeben werden könne. 

Laut Greinacher könne mit einem Test festgestellt werden, ob bei Betroffenen mit entsprechenden Symptomen tatsächlich der entdeckte Mechanismus zum tragen kommt und die Therapie eingeleitet werden muss.

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Bei den beobachteten Fällen handelt es sich um seltene Thrombosen im Gehirn.

In einer Stellungsnahme der GTH werden "grippeähnliche Symptome wie Gelenk-, Muskel- und Kopfschmerzen, die über ein bis zwei Tage nach erfolgter Impfung anhalten", als häufige Nebenwirkungen bezeichnet. Lediglich ein Anhalten der Symptome über mehr als drei Tage und das Auftreten von Schwindel, Kopfschmerzen oder Sehstörungen erfordere weitere medizinische Abklärung. Laut europäischer Arzneimittelbehörde EMA gehören zudem punktförmige Einblutungen in der Haut zu wichtigen Symptomen.

Impfungen gehen weiter

Bundesgesundheitsminister Spahn kündigte an, dass die Erkenntnisse nun durch das Paul-Ehrlich-Institut geprüft werden. In der bereits erwähnten Stellungnahme der GTH heißt es, der gefundene Mechanismus schließe nach wie vor nicht aus, dass auch andere Ursachen zugrunde liegen könnten. "Die positiven Effekte einer Impfung mit dem AstraZeneca-COVID-19-Vakzin überwiegen die negativen Auswirkungen, so dass die Wiederaufnahme der Impfungen in Deutschland mit diesem Vakzin zu begrüßen ist", heißt es weiterhin.

Seit Freitag laufen die Impfungen mit AstraZeneca also auch in Deutschland weiter. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte im Laufe der Woche die Sicherheit des AstraZeneca-Impfstoffes noch einmal überprüft und ihn am Donnerstag wieder freigegeben. Lediglich mit einem Warnhinweis für Frauen unter 55 Jahren wurde er versehen. Laut Paul-Ehrlich-Institut waren von den sieben Fällen in Deutschland sechs Personen Frauen jüngeren und mittleren Alters. In dieser Bevölkerungsgruppe treten Sinusvenenthrombosen auch ohne Impfungen am häufigsten auf.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk lobte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig die Arbeit der Forschenden von der Universtität Geifswald. Sie äußerte Verständnis für die Sorgen und Bedenken der Bevölkerung und betonte, wie wichtig Beratung und Aufklärung über die Impfungen sei. 

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