Emotionale Affäre - Betrug ohne Sex | Wissen & Umwelt | DW | 24.01.2020
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Partnerschaft

Emotionale Affäre - Betrug ohne Sex

Es begann harmlos - mit einem Kaffee und einem vertrauten Gespräch. Nun betrügt Philipp seine Frau mit Lara - ganz ohne Sex. Doch auch diese emotionale Affäre kann seine Ehe gefährden.

Wenn Philipps Frau wüsste, was er Lara alles anvertraut, würde sie vor Eifersucht rasen. In Laras Gegenwart kann er seinen Gedanken freien Lauf lassen. Sie hört ihm zu, sie versteht ihn. Sie lachen zusammen und erzählen sich von ihren Beziehungsproblemen. Sie berühren sich nie, auch wenn ihnen das sehr schwer fällt. 

Philipp und Lara haben eine emotionale Affäre. Er ist seiner Frau untreu, auch wenn er nie Sex mit Lara hatte. "Der schlimmste Treuebruch spielt sich manchmal ohne jede Berührung ab", schreibt die bereits verstorbene US-Psychologin Shirley Glass in ihrem Buch "Psychologie der Untreue". 

"Von den Paaren, die wegen eines Betrugs meinen Rat suchen, hat die Hälfte eine emotionale Affäre", sagt Paarberater Christian Thiel. "In der Regel bleibt es bei emotionalen Affären bei erotischen Anspielungen, oft per WhatsApp. Sie zeichnet sich aber dennoch dadurch aus, dass sich jemand heftig zu jemand anderem hingezogen fühlt." Und nicht nur das: "Dieser jemand ist in dem Moment definitiv wichtiger als der eigene Partner."

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Als Philipp feststellen musste, dass sein Verhältnis zu Lara kaum mehr mit "just friends" zu beschreiben war, steckte er bereits tief in der emotionalen Affäre, die doch vor kurzem noch eine Freundschaft gewesen war. Während bei einer sexuellen Affäre die körperliche Intimität eine eindeutige Grenze zum Tabubruch markiert, ist das mit den Gefühlen viel schwieriger. Ein paar Dinge hätten ihn allerdings längst stutzig machen können.

Zum Beispiel damals, als Philipp mit Lara nach der Arbeit noch etwas trinken gegangen ist und seiner Frau erzählt hat, er sei mit mehreren Arbeitskollegen unterwegs. "Bei jeder Form des Verheimlichens ist Untreue im Spiel", ist sich Thiel sicher. 

Für Philipps Frau ist Lara nur eine von vielen Arbeitskolleginnen ihres Mannes. Wie vertraut sie sich sind, davon weiß sie nichts. Das würde nur furchtbaren Ärger geben und Philipp hat nicht vor, seine Familie aufs Spiel zu setzen. Doch auf die intimen Gespräche mit Lara möchte er auch nicht verzichten. 

"Der Kern von Untreue ist das Gefühl, dass mich der andere besser versteht als mein Partner", sagt Thiel. Für den Paarberater ist deshalb klar, dass dem Betrug immer eine Schieflage in der Partnerschaft voraus geht. Wer sich nicht der Beziehung und der Lösung ihrer Probleme widmet, sondern beginnt, den Partner mit anderen zu vergleichen, macht laut Thiel bereits den ersten Schritt in die falsche Richtung. 

Für den Paarberater ist klar, dass jemand wie Philipp früher oder später jemanden wie Lara findet. Zwei Menschen, die sich von ihren Partnern nicht verstanden und wertgeschätzt fühlen und sich deshalb gegenseitig geben, was ihnen zu Hause verwehrt wird.

Fakt ist allerdings auch: Es ist und bleibt ein Spiel mit dem Feuer. Ob mit Sex oder ohne - die Konsequenzen einer Affäre können verheerend sein. Und zwar für alle drei Betroffenen. 

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Das weiß auch Sexual- und Paartherapeutin Gertrud Wolf. Sie erzählt von einem Paar, das kürzlich in ihre Praxis kam, weil der Mann sich fremd verliebt hatte. "Ich habe zuerst gedacht, dass er eine sexuelle Affäre hatte, weil das alles so dramatisch war", erzählt Wolf. Doch obwohl kein Sex im Spiel gewesen sei, sei die Dynamik die gleiche gewesen wie bei einer "klassischen" Affäre.

"Eine emotionale Affäre löst beim Betrogenen die gleichen Ängste und Verletzungen aus, wie eine sexuelle", sagt die Therapeutin. Zumindest, so lange die Affäre andauert. Entscheidet sich das Paar für eine Therapie und ein Ende des außerehelichen Verhältnisses, heilen laut Wolf die Wunden einer Affäre ohne Sex schneller. 

"Das Schlimme an einer sexuellen Affäre sind die Bilder, die der Betrogene nicht mehr aus dem Kopf bekommt", sagt Wolf. Am Ende sei eine emotionale Affäre eben doch nicht bis zum Ende durchgezogen worden. 

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Es ist ein Irrglaube, dass alles nur noch schlimmer wird, wenn der untreue Partner mit dem Betrogenen über die Affäre spricht. Das schreibt die Psychologin Shirley Glass, die ihr gesamtes Forscherleben der Untreue gewidmet hat. "In Wahrheit ist das der einzige Weg, um wieder Intimität und Vertrauen herzustellen", schreibt sie. Am Ende kann eine derartige Krise die Beziehung sogar stärken.

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Laut Glass kommen Affären übrigens auch in intakten und liebevollen Beziehungen vor. Und das, obwohl die meisten Menschen das Ideal der Monogamie so hoch halten. Stimmt da was mit dem Beziehungskonzept nicht mehr? 

"Ich gehe oft bei rot über die Ampel. Aber deshalb schaffe ich ja nicht gleich die Straßenverkehrsordnung ab", sagt Wolf. "Die Monogamie ist ein gutes Konzept, aber sie muss sich verändern. Sie muss erneuerbar und aushandelbar werden." Wo Untreue anfängt, müsse jedes Paar selbst bestimmen. Je nach dem, zu welcher Einigung man kommt, wäre das, was Philipp und Lara haben, gar nicht mehr so schlimm.

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