Arabische Renaissance mit Atomkraft und Weltall | Nahost | DW | 09.08.2020
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Vereinigte Arabische Emirate

Arabische Renaissance mit Atomkraft und Weltall

Die Vereinigten Arabischen Emirate durchlaufen einen Wandlungsprozess - weg vom Öl, hin zu anderen Technologien. Mit einer Mars-Mission und eigenem Atomkraftwerk wollen sie sich als Mittelmacht positionieren.

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) setzen Maßstäbe: Mitte Juli schickten sie als erstes arabisches Land überhaupt im Rahmen ihrer Mars-Mission "Hoffnung" eine Sonde ins All. Nur wenig später, Anfang August, nahmen die Emirate dann auch noch ihr erstes Atomkraftwerk in Betrieb. Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktum, Emir von Dubai und Vizepräsident der VAE, pries es als "ersten friedlichen Kernreaktor in der arabischen Welt".

Programme von starker Symbolkraft

Die technischen Leistungen spiegelten das neue Selbstverständnis des Landes, sagt Cinzia Bianco, die am "European Council for Foreign Relations" zur politischen Entwicklung der Arabischen Halbinsel forscht.

Die VAE wollten mit ihren Nuklear- und Weltraumprogrammen zeigen, dass auch kleine Staaten in der Lage sind großem Maßstab zu denken und zu wachsen, so Bianco. "Sie wollen eine Art Statement abgeben - an die arabischen Länder ebenso wie an die gesamte Weltöffentlichkeit."

Scheich Mohammed bin Raschid al Maktum (Imago Images/Arabian Eye/M. Gattoni)

Scheich Mohammed: Sorge um eine langfristig gesicherte Energieversorgung

Atom- und Raumfahrtprogramm haben für die VAE hohe Symbolkraft. Man will damit an lange vergangene Glanzleistungen der islamischen Zivilisation anknüpfen: "Diese neue technische Phase bezieht ihre Inspiration aus der Vergangenheit, als die Araber in allen Bereichen der Wissenschaft führend waren und Pionierarbeit für die frühen Theorien des Weltraums, der Physik und der Astronomie leisteten", heißt es etwa in einem Statement des "Emirates Center for Strategic Studies and Research" (ECSSR).

Nun läute man eine neue Zukunft der arabischen Welt ein, "in der grenzenloser Ehrgeiz und Entschlossenheit, gepaart mit Zusammenarbeit und Toleranz, der Menschheit erneut zugutekommen wird".

Sorge um langfristige Energiesicherheit

Damit streben die VAE nicht nur eine gesamt-arabische Renaissance unter eigener Führung an. Zugleich entspringe das atomare Engagement auch der Sorge um eine langfristig gesicherte Energieversorgung, sagt Sara Bazoobandi vom "Arab Gulf States Institute" in Washington, die derzeit als assoziierte Forscherin am Hamburger GIGA-Institut tätig ist.

Die Emirate bereiteten sich seit Jahren auf die Zeit nach dem Ende der fossilen Energiequellen vor. Bazoobandi verweist auf die 2002 von den VAE gegründete "Mubadala Development Company", die weltweit in Zukunftstechnologie investiere, so auch in erneuerbare Energien: "Die politische Führung der VAE ist sich bewusst, dass der Wandel von der öl- zur wissensbasierten Wirtschaft unverzichtbar ist."

Vereinigte Arabische Emirate: Kernkraftwerk Barakah (picture-alliance/AP/A. Girija)

Atomkraft aus der Wüste: Kernkraftwerk Barakah

Auch das 2006 gegründete Projekt "Masdar City" dokumentiere diesen Anspruch, so Bazoobandi. Hinter dem Namen verbirgt sich eine Art künstliche Ökostadt in der Wüste, die ihren Energiebedarf überwiegend aus erneuerbaren Quellen beziehen soll. Allerdings wurde das Projekt mehrfach verzögert, die Fertigstellung lässt weiter auf sich warten.

Mitspielen in der Liga der Großen

Der Ehrgeiz der VAE beschränkte sich jedoch nicht auf die arabische Welt, sagt Cinzia Bianco. Er richtete sich auch an die globale Öffentlichkeit. Nur eine Handvoll Länder wie die USA, China, Russland und Indien - ebenso die EU - leisten sich bisher Mars-Missionen, die Vereinigten Arabischen Emirate spielen hier also als Junior in einer Liga der Großen mit. "Das ist ein ungeheurer Anspruch. Mit ihm wollen die VAE zum Ausdruck bringen, dass sie ein geografisch zwar kleines, zivilisatorisch aber bedeutsames Land sind", so Bianco. "Sie wollen sich der Welt als neue Mittelmacht präsentieren."

Dabei wollen die Emirate selbst als konstruktive Macht gesehen werden. Man werde die gesammelten Mars-Daten "mit allen interessierten Parteien teilen" und das erworbene Wissen "im Dienste der Menschheit verbreiten", heißt es im eingangs zitierten Statement des "Emirates Center for Strategic Studies and Research". Ziel sei, die Lebensqualität auf der ganzen Welt zu verbessern.

Stärkung der nationalen Identität

Der Wille, zu einer regionalen Führungsmacht zu werden, setzt allerdings Geschlossenheit im Inneren voraus. Diese versucht, die Führung des Landes durch eine Reihe von Initiativen zu fördern. Dazu gehörten etwa der Geschichte des Landes gewidmete Ausstellungen und Museen sowie Paraden am Nationaltag sowie Festivals, die das kulturelle Erbe der VAE pflegen sollen, heißt es in einer Analyse der amerikanischen Denkfabrik "Carnegie Endowment for International Peace" vom Februar 2019: "Der herkömmliche Gesellschaftsvertrag scheint nicht länger in der Lage, Loyalität und Zusammenhang zu garantieren."

Marssonde Hope Probe in Abu Dhabi (picture-alliance/dpa/Mohammed bin Rashid Space Centre)

Vorbereitungen in Abu Dhabi für den kürzlich erfolgten Start zum Mars: Als Junior in einer Liga der Großen

Die genannten Aktivitäten wirkten dem entgegen, so die Schlussfolgerung. Auch die immer stärkere Militarisierung der VAE, erkennbar an hohen Militärausgaben, fördere diesen Trend.

Einsatz von Soft Power

Allerdings sind die außenpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten der kleinen, insgesamt knapp zehn Millionen Einwohner zählenden Emirate erheblich eingeschränkter als die des großen Nachbarn Saudi Arabien mit seinen knapp 44 Millionen Bürgern - zumal überdies in den VAE Ausländer mit Aufenthaltserlaubnis gegenüber Einheimischen weit in der Überzahl sind.

Die geringe Größe des Landes wirke sich auch auf den politischen Stil aus, sagt die Washingtoner Expertin Sara Bazoobandi. "Die VAE sind zwar durchaus auch risikofreudig. Aber im Vergleich zu Saudi-Arabien setzen sie zunehmend auf Soft Power. Sie pflegen zumindest einen stärker diplomatischen Zugang als Saudi-Arabien. In Abu Dhabi weiß man, dass man langfristig vor allem auf diese Weise Einfluss nehmen kann."

Vereinigte Arabische Emirate: Campus des Masdar Institute of Science and Technology (Imago Images/Arabian Eye/M. Gattoni)

Vorzeigeprojekt "Masdar City": "Grenzenloser Ehrgeiz und Entschlossenheit"

Das zeigt sich auch in den Beziehungen zum Iran, dem größten Konkurrenten Saudi-Arabiens, dessen regionale Ambitionen durchaus auch in Abu Dhabi kritisch beäugt werden. Lange Zeit hatten sich die VAE an der Seite des saudischen Königreichs im Jemen militärisch engagiert, um dort die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen zu bekämpfen, die große Teile des Landes eingenommen haben. Zuletzt aber zogen die VAE sich stärker aus dem Jemen zurück und setzen nun offenbar mehr auf direkte Gespräche mit dem Iran. So diskutierten die Außenminister beider Länder Anfang August per Videokonferenz unter anderem über die Corona-Pandemie und weitere regionale Herausforderungen.

Defizite bei Menschenrechten und Meinungsfreiheit

Diese Art Diplomatie werde von der Führung der VAE immer stärker gepflegt, beobachtet Cinzia Bianco vom "European Council on Foreign Relations". Allerdings lässt die Regierung in Abu Dhabi durchaus auch militärisch weiter die Muskeln spielen - derzeit insbesondere in Libyen. Dort unterstützen die VAE gemeinsam mit Russland und Ägypten den aufständischen General Chalifa Hafter, während die international anerkannte Regierung in Tripolis umgekehrt militärische Hilfe aus der Türkei erhält.

Die hochmodernen Glitzerfassaden der Metropolen Dubai und Abu Dhabi - beliebt nicht zuletzt bei westlichen Touristen - lassen zudem schnell aus der Wahrnehmung treten, dass das Land weiterhin enorme Defizite in den Bereichen Menschenrechte und Medienfreiheit hat: Im jüngsten Länder-Ranking von "Reporter ohne Grenzen" zur Pressefreiheit belegen die VAE lediglich Platz 131 von insgesamt 180.

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