E-Mobilität: VW will′s jetzt wirklich wissen | Wirtschaft | DW | 15.11.2019
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Automobilindustrie

E-Mobilität: VW will's jetzt wirklich wissen

Gestern hat Daimler eine verhaltene Investitionsneigung in Richtung E-Mobilität erkennen lassen. Da ist VW schon weiter. Und heute hat der Aufsichtsrat beschlossen, sogar bis zu 60 Milliarden Euro zu investieren.

Für Volkswagen ist die Zukunft des Autos elektrisch. In einigen Jahren sollen Autos des Konzerns aus Wolfsburg mehrheitlich nicht mehr knattern und dieseln, brummen und dröhnen, sondern nur noch leise surren. Außerdem will der Konzern viel Geld für Entwicklungen bei autonomem Fahren, bei der Vernetzung und für Mobilitätsdienste ausgeben.

"Das Gesamtvorhaben ist anspruchsvoll", hatte der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil am Freitag schon vor der heutigen Sitzung des Aufsichtsrates, dessen Mitglied er als Regierungschef in Hannover ist, gesagt. "Aber Volkswagen geht es zu Recht mit Mut und klarer Orientierung in Richtung CO2-Neutralität an. Das sind jetzt zehn entscheidende Jahre für Volkswagen und für den Klimaschutz in Deutschland." Niedersachsen ist mit knapp zwölf Prozent viertgrößter VW-Anteilseigner. 

Angela Merkel beim Produktionsstart des VW ID.3 in Zwickau (Reuters/M. Rietschel)

Die Kanzlerin wirft einen Blick in die elektrische VW-Zukunft: Angela Merkel beim Produktionsstart des ID.3.

"Wir erhöhen das Tempo"

Am Vormittag war der Aufsichtsrat des Volkswagenkonzerns in Wolfsburg zusammengetreten und hatte anschließend mitgeteilt, dass der Konzern in den kommenden fünf Jahren knapp 60 Milliarden Euro - und damit deutlich mehr als bisher geplant - in Zukunftsthemen wie Elektromobilität und Digitalisierung stecken werde. Rund 33 Milliarden Euro davon sollen in Forschung, Entwicklung und Bau von Elektroautos fließen. Bislang waren im Fünfjahresplan des Konzerns rund 44 Milliarden Euro für Zukunftsthemen vorgesehen.

Der Aufsichtsrat hatte damit die neue Investitionsplanung für die Jahre 2020 bis 2024 "zur Kenntnis" genommen, wie VW mitteilte. Die knapp 60 Milliarden Euro sind demnach etwas über 40 Prozent der Investitionen des Konzerns in Sachanlagen und der Forschungs- und Entwicklungskosten in dem Fünfjahreszeitraum. Gegenüber dem im November 2018 beschlossenen Fünfjahresplan 2019 bis 2023 bedeute dies eine Steigerung um zehn Prozentpunkte, so der Konzern.

"Wir erhöhen in die folgenden Jahren mit unseren Investitionen noch einmal das Tempo", sagte Vorstandschef Herbert Diess. "Wir wollen unsere Skalenvorteile nutzen und größtmögliche Synergien heben." Binnen zehn Jahren (bis 2029) plant der Konzern bis zu 75 reine Elektro-Modelle, bisher waren bis 2028 etwa 70 Modelle geplant.

IAA Frankfurt VW ID.3 (picture-alliance/dpa/B. Roessler)

Der Chef steuert schon elektrisch - und sieht dabei ganz schön begeistert aus: Herbert Diess am Lankrad eines VW ID 3.

Weitere Arbeitsplätze fallen fort

Ein Schwerpunkt der Investitionen ist die Erweiterung der Produktion für reine Elektrofahrzeuge. So will Volkswagen nach dem Umbau des Werks in Zwickau für die Fertigung von E-Autos der ID-Serie als nächstes die Fabriken in Emden und Hannover "transformieren". Auch in China und in den USA sollen Standorte teilweise oder ganz von Verbrenner- auf Elektrofertigung umgestellt werden.

Das Geld für die Investitionen will VW weiter sowohl durch den Mittelzufluss aus dem laufenden Geschäft als auch durch Sparprogramme selbst erarbeiten. Das heißt auch, dass weiterhin Arbeitsplätze verloren gehen, weil das Arbeitsvolumen in der Elektromobilität geringer ist als bei herkömmlichen Verbrennern.

Kaufempfehlung für VW-Aktien

Den Autoanalysten Frank Schwope von der NordLB haben die aktuellen Zahlen aus Wolfsburg anscheinend überzeugt. Zwar weist er in seinem Aktienausblick daraufhin, dass die Belastungen durch den Dieselbetrug, der VW bislang rund 30 Milliarden Euro gekostet hat, durchaus noch einmal "um bis zu zehn Milliarden Euro steigen" könnten, doch halte die NordLB an der Empfehlung "Kaufen" für der Wolfsburger Aktie fest und erhöhte das Kursziel um fünf Euro auf 200 Euro.

"Wenngleich der Wolfsburger Autobauer gegenwärtig deutlich besser dasteht als viele Konkurrenten," schreibt Schwope, "dürfte das Jahr 2020 kein Selbstläufer werden. Infolge zunehmender Handelskonflikte und angesichts der hohen Investitionen in die Elektromobilität und das Autonome Fahren werden die Zeiten unruhig bleiben."

Deutschland Symbolbild VW-Abgasskandal Aktienkurs (picture-alliance/dpa/F. Rumpenhorst)

Frank Schwope von der Nord-Lb ist zuversichtlich, dass VW an der Börse eine gute Performance gelingt

Audi bekommt neuen Chef

Der Aufsichtsrat machte nach seiner Sitzung noch eine andere Entscheidung öffentlich: Der ehemalige BMW-Vorstand Markus Duesmann ist zum neuen Audi-Chef berufen worden. VW-Konzernchef Herbert Diess, der auch den Audi-Aufsichtsrat leitet, hatte den 50-jährigen Maschinenbau-Ingenieur schon im Sommer 2018 kurz nach der Verhaftung des damaligen Audi-Chefs Rupert Stadler bei BMW abgeworben.

Der bisherige Audi-Chef Bram Schot, der bisher im Volkswagen-Konzernvorstand den Vertrieb verantwortet, verlässt das Unternehmen Ende März, wie Volkswagen mitteilte.

Betriebsratschef und Aufsichtsrats-Vizevorsitzender Peter Mosch setzt ebenfalls große Hoffnungen auf den künftigen Firmenchef. "Von Markus Duesmann und seinem Vorstandsteam erwarten wir eine stabile Auslastung der Werke und mehr Mut zu 'Vorsprung durch Technik'", erklärte Mosch. Was dringend nötig ist, denn Audi läuft seinen hohen Ansprüchen derzeit weit hinterher. 

Und wo entsteht das neue Werk?

Der Konzern, auch das teilte das Unternehmen nach der Sitzung des Aufsichtsrates mit, will bis zum Jahresende über den Bau eines neuen Werkes in der Türkei entscheiden. VW hatte die Entscheidung zu einem möglichen Neubau nahe der Stadt Izmir wegen der massiv kritisierten türkischen Militäraktionen in Nordsyrien Mitte Oktober auf Eis gelegt.

Zuvor hatte vieles darauf hingedeutet, dass sich die Türkei als Standort etwa gegen Bulgarien durchsetzen würde. Der schwächelnden türkischen Wirtschaft wäre die große Investition äußerst willkommen.

Trotz der Verschiebung der Entscheidung über ein neues VW-Werk in der Türkei gibt es türkischen Quellen zufolge weiter Gespräche zwischen dem deutschen Autobauer und der türkischen Automobilindustrie sowie der Regierung. Der Chef des Exporteure-Verbandes der türkischen Automobilindustrie (OIB), Baran Celik, sagte am Freitag, "ich weiß, dass die Regierung mit VW in Kontakt ist." Man warte nun auf das Resultat.

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