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Dubai fürchtet um seinen Ruf als Finanzplatz

Nik Martin
6. Mai 2026

Wegen des Iran-Kriegs verlagern wohlhabende Eliten ihr Vermögen von Dubai nach Singapur und in die Schweiz. Ist der Ruf des Emirats als sicherer Hafen in Gefahr?

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Dubai, Vereinigte Arabische Emirate | Burj Khalifa
Das Burj Khalifa, das höchste Gebäude der Welt, ist eines von vielen Sehenswürdigkeiten in DubaiBild: David Davies/empics/PA Wire/picture alliance

Dubai galt lange als Oase der Stabilität in einer unbeständigen Region. Das zweitreichste Emirat der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) positionierte sich als sicherer Finanzplatz, an dem vermögende Privatpersonen Kapital parken, Geschäfte führen und langfristig planen konnten.

Doch der Iran-Krieg hat auch Dubais sorgfältig aufgebautes Image beschädigt.

Iranische Raketen- und Drohnenangriffe auf Ziele am Golf lösten einen wirtschaftlichen Schock aus, der die Aktienkurse der Region in den Keller schickte. Die Börsen in Dubai und im benachbarten Abu Dhabi verloren anfangs mehr als 100 Milliarden Euro an Wert.

Dubai | Aktienindizes am Dubai Financial Market (DFM)
Nach Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar sind Aktienkurse in Dubai stark eingebrochen. Seitdem haben sie sich zwar etwas erholt, konnten ihre Verluste aber nicht wettmachenBild: GIUSEPPE CACACE/AFP

Gleichzeitig brach der Tourismus ein. Die Auslastung der Hotels sank von den bisher üblichen 70 bis 80 Prozent auf nur noch 20 Prozent. Und Flüge vom und zum Dubai International Airport gingen um rund zwei Drittel zurück, so Berechnungen von Capital Economics in London.

Seit dem vorläufigen Waffenstillstand haben sich Flugverkehr, Tourismus und Geschäftsreisen zwar wieder etwas erholt. Doch ein neuer iranischer Drohnenangriff auf den Ölkomplex der VAE in Fudschaira am Montagabend zeigte: Je länger der Iran-Krieg dauert, desto größer ist der Schaden für Dubais Ruf als globaler Wirtschaftsknotenpunkt.

Geld wandert ab

Dubai galt bisher als Spielwiese der Reichen und Berühmten. Doch vermögende Privatpersonen stellen das Image als sicherer Hafen zunehmend in Frage. Viele wenden sich zwei anderen Finanzzentren zu:  Singapur und der Schweiz - um dort zumindest einen Teil ihres Vermögens anzulegen.

Vermögensberater in beiden Ländern meldeten kürzlich deutlich mehr Anfragen von Kunden aus Dubai, wobei Schweizer Privatbankiers mit neuen Zuflüssen in Höhe von mehreren zehn Milliarden Dollar aus der Golfregion rechnen.

"Die Schweiz spricht eher europäische und globale Kunden an, während Singapur eher von Vermögen asiatischer Herkunft profitiert”, sagte Ryan Lin, ein in Singapur ansässiger Anwalt und Direktor bei Bayfront Law, der DW.

Singapur hat das Modell, das Dubai später übernahm, in vielerlei Hinsicht erst ermöglicht: Es hat ein ausgefeiltes Ökosystem für Family Offices aufgebaut – private Gesellschaften, die für wohlhabende Familien Investitionen, Steuerplanung und Nachlassverwaltung übernehmen. Dieses Angebot ist besonders attraktiv für Familien aus Ländern wie China, Indien und Indonesien.

Die Schweiz hingegen stützt sich auf eine lange Tradition im Privatbankwesen und ihren Ruf der Neutralität. Für jene, die einen Teil ihres Vermögens aus Dubai abziehen möchten, ist die Verlagerung oft eine "Entscheidung zwischen Wachstum und Kapitalerhalt”, so Till Christian Budelmann, Chief Investment Officer bei der Schweizer Privatbank Bergos.

"Singapur ist hervorragend geeignet, um am asiatischen Wachstum teilzuhaben. Aber die Schweiz bleibt der weltweit führende Anker für den Kapitalerhalt”, so Budelmann zur DW. Der Alpenstaat biete "eine systemische Distanz zu geopolitischen Krisenherden, die Singapur nicht in gleicher Weise garantieren kann.”

Der Immobilienboom kühlt sich ab

Über den unmittelbaren Einbruch hinaus gefährdet der Iran-Krieg auch Dubais langfristige Attraktivität für Auswanderer und Unternehmen. Das kosmopolitische Image der Stadt hat einen Immobilienboom befeuert, in dessen Verlauf sich die Preise für Villen in Top-Lagen seit Beginn der Corona-Pandemie fast verdoppelt haben.

Nun machen sich viele Sorgen um die Branche. Der Gesamtwert der Verkäufe von Wohnimmobilien ist im März gegenüber dem Vormonat um fast 20 Prozent gesunken auf rund 8,6 Milliarden Euro, so die Nachrichtenagentur Bloomberg. Marktbeobachter wie Citi Research und die Immobilienberatung Knight Frank erwarten eine mögliche Preiskorrektur von sieben bis 15 Prozent.

Vereinigte Arabische Emirate Dubai 2025 | Skyline des Finanzviertels Dubai Downtown
Skyline des Finanzviertels im Zentrum von Dubai, mit den Doppeltürmen der Sky View Towers im VordergrundBild: IMAGO

Trotz der iranischen Angriffe ziehen sich die meisten vermögenden Privatpersonen jedoch nicht völlig aus Dubai zurück. Sie diversifizieren.

Privatbankier Budelmann beschreibt dies als "strategische Hybridität”. Klienten halten ihre operativen Geschäfte und einige Lifestyle-Vermögenswerte in den Emiraten, verlagern aber ihr langfristiges Vermögen - und in vielen Fällen auch ihren Zweitwohnsitz - nach Singapur oder in die Schweiz.

Wirtschaftsboom auf Eis gelegt

Etwa ein Fünftel seiner in Dubai ansässigen Kunden plane, vor Ort zu bleiben, sagt Rechtsanwalt Lin. Sie betrachteten die Instabilität als vorübergehend und hofften auf eine baldige Öffnung der Straße von Hormus. Doch für viele gilt ein zweites Standbein anderswo inzwischen als notwendige Absicherung.

Vor dem Krieg boomte Dubais Wirtschaft. Im Jahr 2025 verzeichnete das Emirat in den ersten neun Monaten ein Wirtschaftswachstum von rund 4,7 Prozent.

Laut der Beratungsfirma Henley and Partners zogen im vergangenen Jahr 9.800 Millionäre nach Dubai und brachten schätzungsweise 63 Milliarden US-Dollar an neuem Vermögen mit.

Dubai erhebt keine Einkommensteuer, keine Kapitalertragssteuer und keine Erbschaftssteuer. Die Körperschaftsteuer beträgt nur neun Prozent auf Gewinne oberhalb von rund 100.000 Dollar. Unternehmen in Freihandelszonen zahlen überhaupt keine Steuern auf ihre Einnahmen.

Beliebt aus gutem Grund

Einst war Dubai eine bescheidene Wüstensiedlung. In den vergangenen 50 Jahren ist es stark gewachsen und hat immer wieder neue Maßstäbe in Architektur und Innovation gesetzt.

Wenn der Waffenstillstand hält und das Vertrauen schnell zurückkehrt, könnte sich auch Dubai rasch erholen, glauben Beobachter. Sie warnen davor, die Heimat des höchsten Gebäudes der Welt, des Burj Khalifa, vorzeitig abzuschreiben.

Vereinigte Arabische Emirate Dubai | Zukunftspläne für den Al Maktoum International Airport
Dubais Herrscher, Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum, hat große Pläne für den Al Maktum International Airport (Projektentwurf)Bild: Dubai government/AP/picture alliance

Vor dem Krieg hatte Dubais Herrscher, Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum, Pläne auf den Weg gebracht, Dubais neuen Flughafen zum weltweit größten Luftverkehrsknotenpunkt zu machen und die Wirtschaftsleistung bis 2033 zu verdoppeln.

Es mangelt nicht an kühnen Plänen für die Zukunft der Stadt. Dazu gehören "The Loop”, ein 93 Kilometer langer, klimatisierten Skywalk, "Dubai Reefs”, das weltweit größte künstliche Riffsystem mit Korallen aus dem 3D-Drucker, sowie "Dubai Moon”, ein künstlicher Mond mit Hotels.

Der Bericht wurde aus dem Englischen adaptiert.