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Dokumente belegen Folter und Gewalt unter Assad in Syrien

4. Dezember 2025

Internationale Medien sind auf ein Konvolut von tausenden Bilder gestoßen. Das "Damascus Dossier" zeigt das Grauen in den Gefängnissen von Syriens einstigem Diktator Baschar Al-Assad.

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Syrien Damaskus 2024 | Ein gerahmtes Bild des Diktators Baschar Al-Assad, bei dem die Leinwand teilweise zerschnitten ist und in Fetzen herunterhängt (14.12.2025)
Zerstörtes Assad-Bildnis am Eingang der Haftanstalt Palestine Branch (im Dezember 2024)Bild: Hussein Malla/AP Photo/picture alliance

Nach dem Sturz von Syriens Machthaber Baschar al-Assad kommen immer wieder neue Details ans Licht. Nun aufgetauchte Schreckensbilder zeigen ein neues Ausmaß der Gewalt. Der Datensatz mit mehr als 70.000 Fotos wurde dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) zugespielt.

Das Material stammt von einem syrischen Oberst, der in der Beweissicherungsabteilung der Militärpolizei von Damaskus tätig war. Ihm gelang es, in den Wirren der Umsturzzeit vor einem Jahr, eine Festplatte mit den Daten aus dem Tresor in seinem damaligen Büro mitzunehmen und zu verstecken.

Größter jemals ausgewerteter Datensatz

Gemeinsam mit Investigativjournalisten vom Westdeutschen Rundfunk (WDR), der "Süddeutschen Zeitung" (SZ), dem Internationalen Consortium Investigativer Journalisten (ICIJ) und zahlreichen internationalen Medienpartnern wurden die Unterlagen gesichtet. Es ist der größte derartige Datensatz, der jemals von Journalisten ausgewertet wurde. An den Recherchen waren unter anderem die Zeitungen "Le Monde", "Washington Post", "El Pais", "Toronto Star" und viele andere beteiligt.

Blick in aufgebrochene Einzelzellen in der Haftanstalt Branch 215
Einzelzellen in einem verlassenen Gefängnis in Damaskus (im Dezember 2024)Bild: Hussein Malla/AP Photo/picture alliance

Wie der NDR berichtet, dokumentiert dieses "Damascus Dossier" schwerste Menschenrechtsverletzungen in syrischen Gefängnissen unter der Assad-Regierung. Die Bilder zeigen demnach 10.212 tote syrische Häftlinge, überwiegend Männer, aber auch Frauen, Minderjährige und mindestens ein Baby.

Neben Fotos von toten Gefangenen gehören auch Geheimdienstunterlagen, Listen von Militärangehörigen und Totenscheine von Häftlingen zu dem Konvolut.

Zeichen von Hunger und Spuren von Folter

Dem NDR-Bericht zufolge legen die Daten offen, wie in Syrien bis zu Assads Sturz im Dezember 2024 Menschen bespitzelt, eingesperrt und zu Tode gefoltert wurden. Der größte Teil der Körper auf den Fotos zeigt demnach Anzeichen von Unterernährung, viele der Opfer seien bis auf die Knochen abgemagert. Außerdem seien Spuren massiver Gewalt sichtbar. Vom NDR befragte Experten interpretierten dies als Folge systematischer Folter.

Die Recherchen zeigen, dass Militärkrankenhäuser bei der Repression in Syrien eine wichtige Rolle spielten. So hätten Ärzte aus dem Harasta-Militärkrankenhaus in Damaskus Todesscheine von Häftlingen abgezeichnet und unabhängig von der eigentlichen Todesursache standardmäßig "Herzstillstand" vermerkt.

Überlebende Häftlinge berichteten dem Rechercheteam von einer eigenen Folter-Etage in dem Krankenhaus. Nach Informationen von NDR, WDR und SZ praktizieren mittlerweile Ärzte, denen ehemalige Gefangene Folter vorwerfen, auch in Deutschland.

Bundesanwaltschaft ermittelt

Die Fotos der getöteten Syrer sind also auch für deutsche Ermittler von Bedeutung. Denn gemäß dem Weltrechtsprinzip können syrische Täter auch in Deutschland für in Syrien verübte Verbrechen angeklagt werden.

Die Daten liegen auch dem Generalbundesanwalt vor, der sie prüfen und auswerten will. Die Bundesanwaltschaft führt demnach derzeit eine mittlere zweistellige Zahl an Ermittlungsverfahren und hat im Rahmen eines Strukturermittlungsverfahrens bereits weit mehr als 2000 Zeugen vernommen.

Deutschland Karlsruhe 2025 | Jens Rommel (30.10.2025)
Generalbundesanwalt Rommel: "Für jeden sichtbar, was einzelne Personen erlitten haben"Bild: Bernd Weißbrod/dpa/picture alliance

"Fotos, die uns zu Syrien vorliegen, ergänzen die Zeugenaussagen einzelner Personen", sagte Generalbundesanwalt Jens Rommel dem Rechercheverbund von NDR, WDR und SZ. "Sie machen besonders anschaulich für jeden sichtbar und damit auch objektivierbar, was einzelne Personen erlitten haben", so Rommel.

Baschar al-Assad herrschte fast ein Vierteljahrhundert in Syrien, bis er am 8. Dezember 2024 von Kämpfern der islamistischen Miliz HTS und verbündeten Verbänden gestürzt wurde und nach Moskau floh. Assad werden massive Menschenrechtsverstöße sowie Kriegsverbrechen vorgeworfen, darunter Folter und Ermordung von Andersdenkenden sowie der Einsatz von Giftgas im Bürgerkrieg.

AR/pgr (afp, dpa, NDR)

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