Die ungleichen Warenströme zwischen Afrika und Europa
23. März 2026
Gold, Kakao und Öl - diese weltweit gefragten Güter tragen maßgeblich dazu bei, dass das westafrikanische Ghana mehr an Exporten verdient, als es für Importe bezahlen muss. Im Gegenzug für vorteilhafte Exportbedingungen hat Ghana Handelspartnern Marktzugänge gewährt, die nicht immer günstig sind.
So stammen 80 Prozent des Hühnerfleischs in Ghana nicht von heimischen Produzenten, sondern werden tiefgekühlt aus Europa, den USA oder Brasilien eingeflogen, wo Züchter oft nur das Brustfilet selbst verwerten. Trotz 30-prozentiger Einfuhrzölle sind sie laut einer Studie von 2023 immer noch um bis zu 35 Prozent billiger als die lokalen Erzeugnisse. "Wenn wir Hühnchen produzieren, können wir es nicht verkaufen. Also produzieren wir gar nicht erst", sagt Charles K. Donkor, Vorsitzender der Geflügelzüchtervereinigung in der Region Ashanti. "So können wir keine Jobs für junge Leute schaffen", sagt Donkor zur DW. Er betreibt selbst eine Farm mit 200 Angestellten, auf der hauptsächlich Tausende Legehennen gehalten werden.
Ein Beispiel, das zeigt, wie komplex die Auswirkungen von Handelsvereinbarungen sein können - und wieso es trotz Exportüberschüssen auch Verlierer geben kann.
Verträge sichern Freihandel für große Teile Afrikas
Seit nunmehr einem halben Jahrhundert soll eine wachsende Zahl von Verträgen und Abkommen einen für beide Seiten vorteilhaften Handel zwischen Europa und Afrika sicherstellen. Den Anfang machte 1975 das Lomé-Abkommen zwischen der damaligen Europäischen Gemeinschaft und der damals neu gegründeten Organisation Afrikanischer, Karibischer und Pazifischer Staaten, die mal mit OACPS, mal mit AKP-Gruppe abgekürzt wird. Subsahara-Afrika stellt rund die Hälfte der insgesamt 79 Mitgliedsstaaten.
Das Lomé-Abkommen und seine nach den Konferenzorten Cotonou (2000) und Samoa (2023) benannten Nachfolger gelten als Rahmenabkommen, auf denen wiederum regionale und bilaterale Freihandelsverträge aufbauen. Insgesamt 44 der 54 Länder Afrikas erhalten darüber zollfreien Zugang zum EU-Binnenmarkt, bei vielen greifen auch sogenannte "Everything but Arms"-Regeln (Alles außer Waffen) für Entwicklungsländer.
Der Handel zwischen Europa und Afrika wächst
Die DW hat die Handelsströme der letzten 25 Jahre analysiert, wobei für 2025 noch keine Daten vorliegen. Seit der Jahrtausendwende lässt sich eine klare Tendenz ablesen: Der Handel zwischen Afrika und Europa wächst, und zwar in beide Richtungen. In jüngerer Vergangenheit hatten die afrikanischen Volkswirtschaften insgesamt einen Handelsüberschuss gegen Europa, haben also mehr Euros beim Export verdient, als sie umgekehrt für europäische Güter ausgegeben haben.
Doch gibt es regional große Unterschiede. Die Exportüberschüsse entfallen zu großen Teilen auf Öl und Gas aus Libyen und Algerien; auch in Nigeria und Angola spülen fossile Energieträger europäische Devisen in die Kassen. Die Elfenbeinküste erwirtschaftet ein deutliches Plus mit Kakao und Kautschuk. Mehr als die Hälfte der afrikanischen Länder hat hingegen eine negative Handelsbilanz mit Europa.
Und aus der Gesamtbilanz sticht noch eine zweite Information heraus: Die afrikanischen Exporte nach Europa schwanken stärker, während die Handelsströme von Nord nach Süd sich etwas gleichmäßiger entwickeln. Denn Afrika exportiert viele Rohstoffe, deren Preis auf den Weltmärkten gebildet wird. Von 2020 auf 2022 hat sich der Wert der Exporte in die EU mehr als verdoppelt: Zu Beginn der Corona-Pandemie war Benzin zeitweise sehr günstig; mit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine zwei Jahre später sortierte sich der Rohstoffmarkt unter teils immensen Preissteigerungen neu.
Afrika sei deutlich stärker auf den Käufer Europa angewiesen als andersherum, erläutert Anja Berretta, Leiterin des Regionalprogramms Wirtschaft Afrika der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. "Die Warenexporte von Afrika nach Europa betragen ungefähr 25-30 Prozent. Aber der afrikanische Markt ist für Europa verschwindend gering", sagt Berretta im DW-Interview.
Und man müsse auch betrachten, welche Warengruppen gehandelt werden: "Die Produkte, die aus Afrika kommen, sind weitestgehend unverarbeitete Erzeugnisse, etwa im landwirtschaftlichen Bereich, aber auch andere Rohstoffe. Umgekehrt importiert Afrika aus Europa Industriewaren oder Produkte, die schon einen gewissen Fertigungsgrad haben."
Ein Blick in die Daten festigt dieses Bild: Betrachtet man nur die größten Warengruppen in den Bereichen Gemüse und Mineralien sowie verarbeitete Waren, so erkennt man, wie einseitig sie jeweils nach Norden beziehungsweise Süden verschifft werden.
"Aktuell gibt es ein Ungleichgewicht zulasten von Afrika", analysiert KAS-Expertin Berretta in Nairobi. "Im Übrigen nicht nur mit Europa, sondern auch mit China, auch mit Amerika, mit anderen Weltregionen. Aber man kann jetzt aus meiner Sicht nicht davon sprechen, dass Afrika strukturell klein gehalten wird."
Vielmehr hätten die meisten afrikanische Volkswirtschaften versäumt, die Rohstoff-Gewinne früherer Jahre zu reinvestieren und damit ihre Industrien breiter aufzustellen. Als Positivbeispiele nennt Berretta Ghana und Mauritius, deren Industriepolitik jeweils auf Diversifizierung ausgerichtet ist, sodass einzelne Preisschwankungen weniger ins Gewicht fallen sollen.
Welche Potenziale schlummern im Handel zwischen Europa und Afrika?
Joseph Matola, Wirtschaftsexperte am Südafrikanischen Institut für Internationale Angelegenheiten (SAIIA) sieht gerade eine günstige Gelegenheit, den Handel zum beiderseitigen Vorteil auszubauen: "Die EU will sich unabhängiger von den Vereinigten Staaten machen, weil sich die politische Landschaft dort verändert hat. Europa sucht deshalb aktiv nach neuen Märkten. Und sie suchen Lieferanten für Kritische Rohstoffe. Afrika hat viele dieser Rohstoffe, die Europa braucht", sagt Matola der DW. Zugleich sollten afrikanische Regierungen jedoch den Export verarbeiteter Produkte priorisieren, damit mehr Wertschöpfung vor Ort geschieht.
Auch deshalb investiert die Europäische Union im Rahmen der Global-Gateway-Initiative derzeit 150 Milliarden Euro unter anderem in Infrastruktur und Energieerzeugung in Afrika.
Afrika bemüht sich unterdessen, die 2021 ausgerufene Freihandelszone AfCFTA ins Laufen zu bringen. Noch ist sie weit entfernt von der Einlösung des Versprechens, Handelsbarrieren abzubauen.
KAS-Expertin Anja Berretta sieht in dem Projekt auch große Potenziale für europäische Exporteure, weil damit Märkte vereinheitlicht und auch sogenannte nichttarifäre Handelshemmnisse abgebaut werden sollen: "Damit meine ich vor allen Dingen also die langen Wartezeiten an den Grenzen, die teilweise absolut unterschiedlichen Zollbedingungen, aber auch die sehr schlechte Infrastruktur. Wenn man zum Beispiel versucht, seine Waren von Namibia nach Kenia zu bringen, dauert das wirklich sehr, sehr lange." Jede Verbesserung würde afrikanische Märkte sehr viel attraktiver machen, meint Berretta.
Joseph Matola hofft, dass die Freihandelszone endlich dazu führt, dass afrikanische Regierungen ihr diplomatisches Gewicht in Wirtschaftsvereinbarungen bündeln. "Sie sollten die AfCFTA als Verhandlungsplattform nutzen, anstatt alleine aufzutreten. Es wäre hilfreich, wenn viele afrikanische Länder das tun würden."
Mitarbeit: Isaac Kaledzi (Ghana)