Die Sommerzeit war doch eh nur ein Witz! | Wissen & Umwelt | DW | 31.08.2018
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Europa

Die Sommerzeit war doch eh nur ein Witz!

Nur aus Spaß hatte Langschläfer Benjamin Franklin 1784 die Einführung einer Sommerzeit vorgeschlagen. Mehr als zwei Jahrhunderte wurde über deren Sinn und Unsinn gestritten.

Alles begann mit einem Witz: Weil die Franzosen morgens so schlecht aus den Federn kamen, schrieb Benjamin Franklin 1784 einen satirischen Diskurs darüber, wie viele Kerzen und Geld man sparen könnte, wenn man die Zeit umstellte und früher aufstünde. Um dies durchzusetzen, sollte Paris künftig Fensterläden besteuern, Kerzen rationieren und die Bevölkerung morgens mit Kanonendonner wecken.

Benjamin Franklin (AP)

US-Gründervater, Erfinder, Langschläfer: Benjamin Franklin.

Als der 78-Jährige diese Satire verfasste, lebte Franklin, Erfinder und Gründungsvater der USA, bereits seit acht Jahren in Paris. Als amerikanischer Delegierter hatte er die Franzosen als Verbündete im Kampf gegen die Briten gewinnen können. Hüben wie drüben feierte man seinen wachen Geist und sein Verhandlungsgeschick.

Franklin aber machte das Alter zu schaffen, Gicht und Gallensteine fesselten ihn an sein Haus im Pariser Vorort Passy. Gesellschaft leisteten ihm gute Freunde wie Antoine Alexis-Francois Cadet de Vaux, der Herausgeber des Journal de Paris, der den für seinen Humor bekannten Franklin ermutigte, mit leichter Feder kleine Texte zu alltäglichen Problemen zu schreiben.

Die Entdeckung der Morgensonne

Und so schrieb Franklin für das Journal de Paris jene Satire über die Wirtschaftlichkeit der Beleuchtung im Haushalt, über seine eigene Sparsamkeit und seine Leidenschaft für das Schachspiel bis in die frühen Morgenstunden, weshalb Franklin selber meist bis Mittag schlief. Unter dem Titel "An Economical Project for Diminishing the Cost of Light" beschreibt Franklin, dass er zufällig einmal um 6 Uhr morgens wach geworden sei, weil die Fensterläden nicht wie üblich geschlossen waren, und so habe er zu seinem großen Erstaunen entdeckt, dass "die Sonne frühmorgens bereits schien". Niemand wolle ihm seine erstaunliche Entdeckung glauben, obwohl er es mehrmals geprüft habe, so Franklin in ironischem Tonfall. Er selber habe die Morgensonne mit eigenen Augen gesehen, versichert er der Leserschaft. 

Infografik Sonnenuntergang Sommerzeit Europa DE

Ganz Wissenschaftler errechnete er auch gleich, wie viele Kerzen und Lampenöl man sparen könne, wenn man die Zeit umstellen würde: Wenn 100.000 Pariser Haushalte in der Sommerzeit sieben Stunden lang Kerzen brennen ließen, könnte man rund 64 Millionen Pfund Wachs einsparen. "Eine immense Summe könne Paris so jedes Jahr sparen", begeisterte sich der amerikanische Gast. Da die Pariser aber bekanntlich nur ungerne ihre Gewohnheiten ändern und früher aufstehen, müsse man eben zu drastischen Maßnahmen greifen. 

Die Pariser lachten über Franklins satirische Ratschläge und seine Kommentare zum Nachtleben. Die vorgeschlagene Zeitumstellung aber geriet in Vergessenheit. Erst einhundert Jahre später schlugen zwei Wissenschaftler unabhängig voneinander eine saisonale Zeitverschiebung vor: 1895 der neuseeländische Insektenkundler und Astronom George Vernon Hudson und 1907 der britische Erfinder William Willett.

In seiner Schrift "The Waste of Daylight" empfiehlt Willett , die Uhren im Sommer um 80 Minuten vorzustellen, um durch die längere Helligkeit 2,5 Millionen Pfund an Beleuchtungskosten zu sparen. Die Uhren sollten an vier aufeinanderfolgenden Sonntagen im April um jeweils 20 Minuten vor- und auf dieselbe Art im September wieder zurückgestellt werden.

Was mit einem Scherz begann, wurde in Krisenzeiten bitterer Ernst

Begeistert von der Idee war eigentlich nur Winston Churchill, aber die Sommerzeit konnte sich in Großbritannien nicht durchzusetzen - noch nicht. Erst als Deutschland und Österreich-Ungarn 1916, also mitten im Ersten Weltkrieg überraschend die Sommerzeit einführten, zogen die Kriegsgegner Großbritannien und Frankreich sowie andere europäische Länder nach. Durch Energieeinsparungen an Sommerabenden sollten die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs unterstützt werden.

Die ersten Panzer C Company (picture-alliance/Mary Evans/Robert Hunt Collectio)

Energiesparen sollte helfen, die Materialschlachten des ersten Weltkrieges zu finanzieren.

Als der Krieg verloren war, schaffte Deutschland 1919 auch das unbeliebte Kriegsrelikt wieder ab. In Frankreich konnten protestierende Bauern erreichen, dass die Sommerzeit 1922 abgeschafft wurde. Allerdings wurde sie 1923 dann gleich wieder eingeführt. Großbritannien dagegen hielt als einziges Land kontinuierlich an der  Sommerzeit fest. 

Mit erneutem Kriegsbeginn erinnerte sich Deutschland an den Energieeinspargedanken und führte 1940 die Sommerzeit wieder ein. Auch in den besetzten Gebieten hatte die Berliner Zeitrechnung zu gelten. Bei der Sommerzeit blieb es auch, als Deutschland abermals den Krieg verloren hatte.

1947 verordnete der Alliierte Kontrollrat sogar eine doppelte Sommerzeit, also eine Abweichung um zwei Stunden, um das Tageslicht besser nutzen zu können. Aber die Verordnung hielt nur für sieben Wochen, dann galt wieder die einfache Sommerzeit. Mit Kriegsende verabschiedeten sich viele europäische Staaten alltäglich von der Sommerzeit; in Deutschland wurde die alljährliche Zeitumstellung dann im Gründungsjahr der beiden deutschen Staaten abgeschafft, darauf verständigten sich Ost und West 1949 in seltener Einigkeit.

Deutschland schlafende Politiker Angela Merkel (picture-alliance/dpa/M. Gambarini)

Termine von früh bis spät: Das belastet den Organismus.

In Franklins Heimat war es dagegen unübersichtlicher: Die Sommerzeit war in den USA bereits während des Ersten Weltkriegs eingeführt worden. Auch während des Zweiten Weltkriegs wurden die Uhren ganzjährig um eine Stunde vor auf "War Time" gestellt. Aber bis 1966 gab es kein einheitliches Bundesgesetz. Das heißt: Es wurde bis dahin nicht national, sondern regional oder lokal entschieden, wo es Sommerzeit gab, wodurch selbst innerhalb eines Staates die Uhren anders tickten.

Europäischer Flickenteppich

In den Wirtschaftswunderjahren war von Energieeinsparungen und entsprechend auch von einer Zeitumstellung keine Rede mehr. Erst als der Öl-Schock 1973 Europa in eine tiefe Krise stürzte und Fahrverbote verhängt werden mussten, erinnerte man sich. Umgesetzt wurde die Zeitumstellung zunächst allerdings nur in Frankreich, das als einiges westeuropäisches Land 1976 die Sommerzeit wieder einführte. Nach einer Weile folgten andere Staaten der Europäischen Gemeinschaft, der Vorgängerin der EU.

Infografik Zeitzonen in der EU DE

Die Zeitzonen bleiben, die Sommerzeit ist Geschichte

Die Bundesrepublik aber zögerte, schließlich sollte die Teilung nicht auch noch durch unterschiedliche Zeitzonen vertieft werden. 1979 überraschte die DDR nach langem Schweigen den Westen und verkündete für das Folgejahr die Einführung einer Sommerzeit an. Ab 1980 galt sie dann in beiden deutschen Staaten. Viele Nachbarländer zogen nach.

Die unterschiedlichen Sommerzeitregelungen wurden 1996 innerhalb der Europäischen Union vereinheitlicht, seitdem gilt sie in allen EU-Mitgliedstaaten (außer den Überseegebieten) für rund 512 Millionen EU-Bürgen und für Millionen Nachbarn in Europa.

Nicht erst in den letzten Jahrzehnten wurde also hitzig über Sinn oder Unsinn einer Zeitumstellung debattiert. Befürworter und Gegner halten sich seit jeher mit Belegen über wirtschaftliche, energetische oder gesundheitliche Vorteile oder Schäden wechselseitig in Schach. Nach dem überraschend klaren Votum einer EU-weiten Online-Umfrage für die Sommerzeit rät die EU-Kommission nun wieder, die ungeliebte Zeitumstellung endgültig abzuschaffen.

Hätte Franklin erfahren, welche Turbulenzen seine harmlose Satire ausgelöst hat, er hätte wohl seine helle Freude gehabt. 

 

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